KUNST: Gurlitt-Erbe: «Risiken bleiben in Deutschland»

Bern tritt das umstrittene Erbe der Gurlitt-Kunstsammlung an, Raubkunst der Nationalsozialisten bleibt in Deutschland. Offene Fragen gibt es aber immer noch.

Christoph Reichmuth, Berlin
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Kulturministerin Monika Grütters, Christoph Schäublin vom Kunstmuseum Bern (links) und der bayrische Justizminister Winfried Bausback unterzeichneten die Vereinbarung zum Nachlass von Cornelius Gurlitt. (Bild: AP/Markus Schreiber)

Kulturministerin Monika Grütters, Christoph Schäublin vom Kunstmuseum Bern (links) und der bayrische Justizminister Winfried Bausback unterzeichneten die Vereinbarung zum Nachlass von Cornelius Gurlitt. (Bild: AP/Markus Schreiber)

Am Ende der rund einstündigen Medienorientierung wich die Anspannung gestern bei Christoph Schäublin allmählich einer gewissen Erleichterung. Der Stiftungsratspräsident des Kunstmuseums Bern hatte kurz zuvor eine Vereinbarung mit Deutschland und Bayern unterzeichnet, in der fast alles geregelt ist, was das umstrittene Erbe des im Mai 2014 81-jährig verstorbenen deutschen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt für das Kunstmuseum Bern mit sich bringt. Cornelius Gurlitt war Sohn des von den Nazis begünstigten Kunsthändlers Hildebrand Gurlitt.

«Triumphgefühle löst dies nicht aus»

Das Medieninteresse war gewaltig, Deutschland steht im Umgang mit dem millionenschweren Gurlitt-Erbe international unter strenger Beobachtung. Im Zentrum stehen die Fragen: Wie geht Deutschland respektive das als Erbin eingesetzte Museum in Bern mit NS-Raubkunst um? Hunderte von Journalisten und Kamerateams waren gekommen, um offiziell zu vernehmen, was seit Tagen als Gerücht die Runde machte: Das Kunstmuseum Bern nimmt das umstrittene Erbe des im Mai verstorbenen deutschen Kunstsammlers Cornelius Gurlitt an.

Es ist ein Erbe mit geringem Risiko: Denn heikle Kunstwerke aus der rund 1500 Werke umfassenden Sammlung bleiben in Deutschland. Schäublin sagte während der Medienorientierung, dass die Entscheidung zur Annahme des Erbes dem Stiftungsrat nicht leicht gefallen sei, «Triumphgefühle löste sie schon gar nicht aus.» Er betonte zudem: «Raubkunst oder Werke, die unter Raubkunstverdacht stehen, kommen nicht in Berührung mit dem Kunstmuseum Bern und gelangen deswegen gar nicht auf Schweizer Boden.» Etwas später fügte er hinzu: «Die Risiken bleiben in Deutschland.»

Die Vereinbarung

  • Die bereits in Deutschland eingesetzte Taskforce zur Provenienzen-Forschung bei Werken, die unter NS-Raubkunstverdacht stehen, wird fortgeführt. Sämtliche dieser Werke bleiben bis zur endgültigen Abklärung in Deutschland. Betroffen sind rund 500 Werke. Das Kunstmuseum in Bern setzt zudem eine eigene Taskforce ein, um die Werke vorzuprüfen. Bei NS-Raubkunstverdacht werden diese zur weiteren Abklärung der deutschen Taskforce übergeben. Bern darf ein bis zwei Mitarbeiter in die deutsche Taskforce berufen.
  • Werke, die erwiesenermassen oder mit hoher Wahrscheinlichkeit keine NS-Raubkunst sind, werden nach Prüfung nach Bern übergeben.
  • NS-Raubkunst oder vermutliche NS-Raubkunst bleibt in Deutschland, Bern verliert jeglichen Anspruch auf das Werk. Deutschland wird NS-Raubkunst auf eigene Kosten restituieren und den rechtmässigen Besitzern so schnell wie möglich aushändigen.
  • Können die rechtmässigen Besitzer der NS-Raubkunst nicht ausfindig gemacht werden, bleibt das Werk in Deutschland. Das Werk soll über «lostart.de» publiziert und in deutschen Museen gezeigt werden. Bleibt der Raubkunstverdacht bis ins Jahr 2020 bestehen, überträgt Bern sämtliche Rechte an dem Werk an Deutschland.
  • Lässt sich die Herkunft eines Werkes nicht eindeutig klären, muss Bern innerhalb von 24 Monaten entscheiden, ob es das Werk übernimmt oder nicht.
  • Werke der «entarteten Kunst», die einst von den Nazis aus deutschen Museen entfernt wurden, aber nicht zugleich NS-Raubkunst sind, stehen dem Museum in Bern zu. Bern signalisiert aber, dass es diese Werke früheren Besitzern – Museen in Deutschland, Österreich und Polen – zu besonderen Bedingungen für Ausstellungen leihen wird.

Werk als Raubkunst identifiziert

Erleichtert zeigten sich nach der Unterzeichnung der Vereinbarung auch Vertreter der deutschen Seite. Bayerns Justizminister Wilfried Bausback (CSU) sprach von einem «komplexen Fall». «Es ging ja auch und gerade um die Frage, wie gehen wir mit unserer Geschichte, mit unserer historischen Verantwortung für die Aufarbeitung von NS-Unrecht, mit den Opfern der Nationalsozialisten um.» Die deutsche Staatsministerin für Kultur, Monika Grütters (CDU), versprach, dass «wir alles in unserer Möglichkeit Stehende tun werden, um NS-Raubkunst zeitnah an die Nachkommen der Opfer des NS-Regimes zurückzugeben».

Inzwischen wurde ein drittes Bild aus der Gurlitt-Sammlung als NS-Raubkunst identifiziert, teilte Grütters mit. Es handelt sich um das Gemälde «Das Klavierspiel» von Carl Spitzweg. Das Bild wird laut Grütter unverzüglich an die Erben des 1942 im KZ Auschwitz verstorbenen jüdischen Sammlers Henri Hinrichsen übergeben. Zuvor waren die Werke von Matisse («Sitzende Frau») und Liebermann («Zwei Reiter am Strand») als NS-Raubkunst identifiziert worden.

Deutschland bezahlt die Provenienzen-Forschung und behält heikle Werke zurück – die Vereinbarung zwischen dem Kunstmuseum Bern und Deutschland scheint nur auf den ersten Blick ziemlich einseitig zu sein. Denn Deutschland profitiert ebenso davon, dass Bern das Erbe antritt. Einerseits gilt das Kunstmuseum Bern als seriöse Institution in einem neutralen Land. Zudem lässt Bern die deutsche Taskforce ihre wichtige Arbeit fortsetzen. Hätte das Kunstmuseum das Erbe ausgeschlagen, stünde Deutschland vor neuen Fragen in einem heiklen Bereich. Das Erbe wäre dann wohl auf die Nachkommen Cornelius Gurlitts übergegangen. Diese wären wegen der Verjährungsfristen rechtlich nicht dazu verpflichtet, NS-Raubkunst zurückzugeben.

Das Kunstmuseum Bern begibt sich mit der Übernahme des Gurlitt-Erbes dennoch auf heikles Terrain. Nicht zuletzt, weil die Vorsitzende der Raubkunst-Kommission der Bundesregierung, Jutta Limbach, einen neuen Umgang mit von den Nazis als «entartete Kunst» diffamierten Werken fordert. Limbach schlägt vor, im Dritten Reich von den Nazis beschlagnahmte Werke an die Museen zurückzugeben, die bis 1938 im Besitz der Gemälde waren. Würde ein solches Gesetz in Kraft treten, geriete das Kunstmuseum Bern vermutlich in Probleme.

Mehr Bürde als Geschenk

bec. Für Peter Fischer, Direktor Zentrum Paul Klee Bern und ehemaliger Direktor des Kunstmuseums Luzern, tritt das Kunstmuseum Bern ein schwieriges Erbe an.

«Die Angelegenheit ist zu komplex, um bereits jetzt adäquat beurteilt werden zu können. Im Zusammenhang mit der Annahme des Erbes von Cornelius Gurlitt ist zu Recht hauptsächlich von Verantwortung die Rede. Verantwortung gegenüber Vorbesitzern, die ihre Kunstwerke möglicherweise gegen ihren Willen veräussern mussten, Verantwortung gegenüber der Kunst selbst, Verantwortung im Sinne von transparenter Aufarbeitung von Geschichte, Verantwortung aber auch gegenüber dem Erblasser.

Insofern hat sich das Kunstmuseum Bern nicht für ein Geschenk entschieden, sondern für eine Bürde, deren ‹Wert› heute nicht abschliessend eingeschätzt werden kann. Die Sammlungsteile, über die das Kunstmuseum wird verfügen können, haben vermutlich nur bescheidenen künstlerischen Wert, und der Gewinn von musealem und kunsthistorischem Renommee aufgrund der zu leistenden Forschungen ist fraglich, beziehungsweise nur mit grossen Aufwand zu erlangen, da das Kunstmuseum Bern seine wissenschaftliche Infrastruktur in der jüngeren Vergangenheit nicht prioritär behandelt hatte.

Risiko minimiert

Die enge Zusammenarbeit mit der Bundesrepublik und dem Freistaat Bayern minimiert das Risiko für das Kunstmuseum Bern, schmälert aber in gewissem Sinne das diesem Legat innewohnende Potenzial. Würde die Sammlung nie integral präsentiert, wäre dies meines Erachtens eine verpasste Chance, nicht nur im Hinblick auf eine publikumswirksame Ausstellung in Bern, sondern auch weil das Ausmass der Sammlung beziehungsweise die Tragweite ihrer Entstehungsgeschichte nur anhand der gemeinsam an einem Ort ausgestellten Originale ermessen werden kann.»

Der Fall Gurlitt

sda. Seit über einem Jahr hält der Fund von rund 1600 verschollenen oder bis dahin unbekannten Kunstwerken in einer Münchner Wohnung die Fachwelt in Atem. Hier die wichtigsten Stationen des Kunstkrimis:

22.9.2010
Der damals 77-jährige Kunsthändlersohn Cornelius Gurlitt wird im Zug von Zürich nach München von Zollfahndern kontrolliert. Diese schöpfen Verdacht, es könne ein Steuerdelikt vorliegen. Gurlitts Wohnung in München-Schwabing wird durchsucht. Die Fahnder entdecken rund 1280 Kunstwerke. Der Fund wird geheim gehalten.

3.11.2013
Das deutsche Nachrichtenmagazin «Focus» macht den Fund publik.

28.1.2014
Die Taskforce, welche die Sammlung prüft, gibt bekannt, dass nach einer ersten Sichtung 458 Werke aus Gurlitts Sammlung unter Raubkunstverdacht stehen.

10.2.2014
In Gurlitts Haus in Salzburg werden weitere 238 Kunstwerke gefunden.

6.5.2014
Cornelius Gurlitt stirbt 81-jährig. Als seine Alleinerbin setzt er das Kunstmuseum Bern ein.