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Interview

Labor-Spiez-Chef zum Fall Skripal: «Wir wurden politisch instrumentalisiert»

Marc Cadisch, Leiter des renommierten Instituts im Berner Oberland, blickt zurück auf ein «verrücktes» Jahr. Die politischen Druckversuche und die Spionage gegen das Labor haben Spuren hinterlassen.
Roman Schenkel
Marc Cadisch leitet das Labor Spiez seit 2003. (Bild: Dominik Wunderli, Spiez, 22. Januar 2019)

Marc Cadisch leitet das Labor Spiez seit 2003. (Bild: Dominik Wunderli, Spiez, 22. Januar 2019)

Marc Cadisch, das Labor Spiez arbeitet am liebsten unter dem Radar der Öffentlichkeit. 2018 wurde Ihr Labor nach der Nervengift-Attacke in Salisbury (UK) allerdings mitten auf die Bühne der Weltpolitik gezogen. Wie haben Sie die Skripal-Affäre erlebt?

Wir arbeiten gerne in Ruhe im Hintergrund, aber auf keinen Fall in der Anonymität. Unsere Website, unser Jahresbericht sind transparent. In der Vergangenheit standen wir bereits regelmässig im Rampenlicht. Zum Beispiel nach der Katastrophe in Fukushima 2011, beim Ebola-Ausbruch in Westafrika 2014 ebenfalls. In diesen Situationen stehen wir gerne hin, klären auf und zeigen mögliche Konsequenzen für die Schweiz auf. 2013 haben wir zudem Giftgas-Proben aus dem Syrienkonflikt untersucht. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW), sozusagen einer unserer Arbeitgeber, hat in diesem Zusammenhang ja auch den Friedens­nobelpreis erhalten. Aber ja, ich gebe zu, das Jahr 2018 war verrückt.

Hinweis: Am Ende des Artikels finden Sie zwei Infoboxen zum Thema.

Erzählen Sie!

Wir wurden politisch instrumentalisiert. Das ist absolut einzigartig für eine Institution wie das Labor Spiez.

Sie sprechen die Aussagen des russischen Aussenministers Sergej Lawrow an. Er hat die Arbeit der OPCW kritisiert und aus einem angeblichen Bericht des Labors Spiez zitiert.

Der russische Aussenminister hat erklärt, er sei im Besitz eines vertraulichen Berichts von uns. Darin stehe etwas ganz anderes als im offiziellen Bericht der OPCW. Er wollte wohl damit die Glaubwürdigkeit der OPCW anzweifeln und Unsicherheit schüren. Seine Aussagen waren aber falsch.

Was war falsch?

Herr Lawrow hat unter anderem gesagt, im Bericht stehe, wer das Gift entwickelt habe. Eine solche Aussage jedoch kann gar nicht aus einem offiziellen Bericht von uns stammen. Die Labors untersuchen die Proben jeweils auf ihre Inhaltsstoffe und liefern als ­Ergebnis chemische Formeln. Wir und auch die anderen Labors machen aber auf keinen Fall Aussagen dazu, welcher Akteur einen Giftstoff entwickelt oder eingesetzt haben könnte.

Das Labor geriet auch in den Fokus des russischen Geheimdienstes. Es gab einen Hackerangriff, zudem wurden vier russische Agenten in Holland aufgehalten, die nach Spiez reisen wollten. Sind Sie beunruhigt?

Vor einem Jahr hätten mich diese Vorfälle noch überrascht. Aber nach den Aussagen des russischen Aussenministers war mir schnell klar, wie politisch die Chose geworden ist. Die Cyberattacke war eine erste Warnung. Dabei wurde eine Ankündigung für eine Konferenz hier in Spiez von unserer Homepage kopiert und zusammen mit einem Trojaner unter unserem Namen gezielt an Abrüstungslabors und entsprechende Experten verschickt. Dass dann tatsächlich russische Agenten ins Berner Oberland reisen wollten, hat mich schon beunruhigt.

Welche Konsequenzen haben Sie aus den Vorfällen gezogen?

Unsere Vision ist eine Welt ohne Massenvernichtungswaffen. Ein wichtiger Grundsatz für die Abrüstung ist Transparenz. Vertrauen gewinnt man nur, indem man transparent zeigt, was man macht. Wir haben in der Vergangenheit stark auf Transparenz gesetzt. Wir ­informieren umfassend auf unserer Homepage, alle fünf Jahre machen wir einen Tag der offenen Tür. Das war stets ein grosser Erfolg, 2015 kamen rund 3000 Besucher nach Spiez. Hier müssen wir ein paar Änderungen vornehmen. Nicht, dass wir einen Sicherheitsmangel hätten, wir müssen künftig aber noch vorsichtiger sein.

Sie haben Ihre Sicherheits­vorkehrungen schon im Dezember verstärkt.

Unsere Sicherheitsvorkehrungen waren in Ordnung, sie entsprechen den vorgegebenen Standards des Verteidigungs- departements. Sie wurden zuletzt Anfang 2018 überprüft. Es werden dennoch verschiedene Anpassungen vorgenommen – bauliche Massnahmen und auch die Prozesse.

Wie gehen Ihre Mitarbeitenden mit dem Druck um?

Wir müssen uns auf unsere Arbeit konzentrieren und Fehler vermeiden. Denn das ist das Ziel von politischem Druck. Dass ein Bericht einen Fehler enthält und deshalb angreifbar ist.

Fakten haben an Stellenwert ver­loren, Fake News grassieren. Der russische Aussenminister instrumentalisiert, der US-Präsident glaubt nicht einmal seinem eigenen Geheimdienst. Das Labor Spiez sucht jedoch nach Fakten, nach der Wahrheit. Muss das Labor seine Arbeitsweise ändern?

Nein, unsere Arbeitsweise muss nicht geändert werden. Wir erhalten Proben einer internationalen Organisation. Diese gilt es, nach wissenschaftlichen Kriterien sauber und unabhängig zu analysieren und das Ergebnis bekannt zu geben. Dass Fakten nicht mehr anerkannt werden, ist vor allem ein politisches Phänomen. Es betrifft die Organisationen, die uns beauftragen. Die UNO, die OPCW oder auch einzelne Staaten. Diese müssen sich mit den Fake-News herumschlagen. Ich halte diese Entwicklung für äusserst beunruhigend. Wenn entlang von Werten und nicht mehr nach Fakten entschieden wird, ist das gefährlich für die Demokratie, für die Weltordnung und für internationale Organisationen.

Was tun Sie, damit Ihre Fakten gehört werden?

Ich möchte trotz aller Sicherheitsbedenken auch künftig möglichst transparent informieren. Kommunikation ist ein zentrales Element. Wenn man unsere Arbeit nachvollziehen kann, sieht die Bevölkerung, dass das Chemiewaffenabkommen funktioniert und gestützt ist auf seriöse und unabhängige Arbeit. So werden die Fakten gehört und nicht die Fake News.

Die OPCW hält geheim, welche Labors sie wann aufbietet. Gleichzeitig ist es kein Geheimnis, welches die besten Labors der Welt sind. Weshalb diese Geheimhaltung?

Das geschieht zum Schutz der Labors. Die Unabhängigkeit ist zentral, um die Labors vor politischem Druck zu schützen. Die OPCW hat rund 20 sogenannte designierte Labors, die nach strengen und jährlichen Qualitätstests ausgewählt sind. Diese sind bekannt. Sie sollen der OPCW verlässliche Analysen liefern. Sie müssen unabhängig vom nationalen und internationalen Druck ihre Arbeit machen können. Es gibt diverse Labors, die sich disqualifizieren, weil sie Partei sind. Also beispielsweise Labors aus einem Land, das in einen Konflikt involviert ist.

Die Zulassung als Vertrauenslabor sei sehr streng.

Das ist so: Die Tests sind aufwendig und schwierig. Sie finden zweimal pro Jahr statt. Jedes designierte Labor muss einmal pro Jahr an einem Test teilnehmen. Dabei gilt eine Nullfehlertoleranz. Passiert trotzdem ein Fehler, kann die Mitarbeit für eine gewisse Zeit sistiert oder sogar die Designierung entzogen werden. Es kann mehrere Jahre dauern, bis ein Labor dann wieder zu den Tests zugelassen wird. Doch das muss so sein. Denn die Analysenresultate können unter Umständen gravierende politische Konsequenzen nach sich ziehen.

Sind diese Druckversuche neu?

Ja, auf die Labors gab es das bis anhin nicht. Der Grund liegt an der Veränderung der sicherheitspolitischen Lage. Das Chemiewaffenabkommen trat 1997 in Kraft, bis heute sind fast alle Länder der Welt dabei. Es war bis vor kurzem völlig unbestritten und erfolgreich: Über 95 Prozent der damals vorhandenen chemischen Waffen sind vernichtet. Die ganze Arbeit war für die Labors politisch nicht heikel. Nun ist man sich über diese Themen aber nicht mehr einig.

In Syrien oder Salisbury kehren Chemiewaffen zurück, die seit Jahrzehnten geächtet sind. Bröckelt das Verbot chemischer Waffen?

Ich befürchte keinen Rückfall in alte Zeiten, in denen die Grossmächte riesige Arsenale an chemischen Kampfstoffen hatten. Aber die Unstimmigkeiten, die man international etwa im Handel oder beim Vorgehen im Syrienkonflikt kennt, die haben sich auf den Bereich Chemiewaffen ausgeweitet. Das zeigt sich zum Beispiel daran, dass man sich an der letzten Staatenkonferenz vom Chemiewaffenabkommen auf keinen Konsensbericht einigen konnte. Das Budget musste erstmalig im Abstimmungsverfahren beschlossen werden. Früher gab es einen Konsens, keinen Mehrheitsentscheid. Diese Entwicklung ist besorgniserregend. Denn Fakt ist: Wir haben ein Chemiewaffenabkommen, und es wird punktuell nicht eingehalten.

Wie gut ist die Schweiz gegen einen Giftgas-Anschlag geschützt?

Eine Prognose ist unmöglich. Dazu bräuchte es Erfahrung und entsprechende Zahlen. Verkehrsunfälle beispiels­weise kann man quantifizieren aufgrund der Unfälle des Vorjahres. Solche Zahlen fehlen uns, weil solche Ereignisse kaum auftreten. Ich schätze die Gefahr als klein ein, aber nicht gleich null. Es gab zuletzt mehrere Vorfälle weltweit. In Malaysia etwa wurde 2017 der Halbbruder von Kim Jong-un vergiftet, 2018 war der Vorfall in Salisbury und in Deutschland konnte im letzten Jahr ein offenbar islamistischer Attentäter von den Sicherheitskräften bei seinen Vorbereitungen mit Ricin-Gift und Sprengstoff festgenommen werden. Die Gefahr für einen Vorfall in der Schweiz ist deshalb leicht angestiegen. In den Referenzszenarien, die wir für den Bund erstellen, werden wir das Risiko nach oben korrigieren.

Sitz in der Schweiz ist ein Vorteil

Marc Cadisch (57) leitet das Labor Spiez seit 2003. Das Labor, ein unscheinbarer Zweckbau am Fuss des Niesen, beschäftigt knapp 100 Angestellte. Die meisten sind Chemiker, Biologen oder Physiker, sagt Cadisch. Der gebürtige Bündner ist selber Pharmazeut und Chemiker. Er wohnt in Thun, ist verheiratet und Vater von drei Kindern. Das nach dem 1. Weltkrieg gegründete Labor Spiez gehört zu den angesehensten seines Gebiets. Von den Analysen des Labors, das dem Verteidigungsdepartement unterstellt ist, hängt ab, ob nach AKW-Unglücken wie in Tschernobyl oder Fukushima bestimmte Nahrungsmittel gemieden werden müssen, ob es Massnahmen zur Prävention von Seuchen braucht oder ob die Schweiz Geräte exportieren darf, die zur Anreicherung von Uran dienen könnten. Bei den jährlichen Überprüfungen durch die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) erhält es regelmässig Bestnoten. Oft wird das Labor von internationalen Organisationen für Missionen im Ausland beigezogen. Der Sitz in der neutralen Schweiz ist ein Vorteil für Aufträge, die politisch heikel sind. So waren Spezialisten aus Spiez in den 90er-Jahren im Irak, um den Giftgasbeständen von Saddam Hussein nachzugehen. 2006 klärten sie im Libanon ab, ob Uranmunition verwendet wurde. Und 2010 half das Labor im Kongo mit, gefährliche Schwermetalle im Trinkwasser aufzuspüren, 2013 hat das Labor Spiez bei den Giftgas-Untersuchungen zu Syrien eine Mission erfolgreich abgeschlossen. Im Rahmen eines EU-Projekts arbeitet das Labor an der Entwicklung eines Ebola-Impfstoffs. (rom)

Das Labor Spiez und die russischen Spione

Sergej Skripal und seine Tochter Julija waren am 4. März vergiftet auf einer Parkbank in der südenglischen Kleinstadt Salisbury entdeckt worden. Die Täter nutzten dabei ein Mittel, das dem in der früheren Sowjetunion entwickelten Kampfstoff Nowitschok entspricht. Nach britischen Ermittlungen steckte der russische Militärgeheimdienst GRU hinter der Tat. Die Regierung in Moskau streitet jegliche Verantwortung ab. Der Fall löste eine schwere Krise zwischen Russland und dem Westen aus, beide Seiten veranlassten die Ausweisung von Diplomaten. Die Organisation für das Verbot chemischer Waffen (OPCW) hat die Proben aus Salisbury darauf zwei anerkannten Labors zur Prüfung zugestellt. Zwei weitere Labors erhielten eine Kontrollprobe. Zu den rund 20 designierten Labors der OPCW gehört auch das Labor Spiez. Es darf aufgrund einer Geheimhaltungsvereinbarung mit der OPCW nicht Stellung dazu nehmen, ob es eines der beiden Referenzlabors war, die im Fall Skripal beigezogen wurden.

Dennoch geriet es Mitte April 2018 in den Strudel der Affäre. In Den Haag wurden vier mutmassliche Agenten des russischen Geheimdienstes GRU festgenommen. In ihrem Gepäck zeigte sich, dass die Russen auch ein Ziel in der Schweiz im Visier hatten: Man fand Zugtickets für die Reise von Utrecht nach Basel. Die Weiterreise in der Schweiz sollte sie wohl nach Spiez führen. So finden sich auf dem Computer eines der Verhafteten Hinweise, wonach Recherchen über das Schweizer Labor getätigt wurden. Ebenfalls im April erklärte der russische Aussenminister Sergej Lawrow, dass beim Giftanschlag auf Skripal in Salisbury nicht ein in der Sowjetunion entwickeltes Nervengift der Nowitschok-Klasse, sondern offenbar der im Westen entdeckte Kampfstoff BZ zum Einsatz gekommen sei. Lawrow beschuldigte die OPCW schwer. Die Organisation habe, als sie ihren Befund zur Skripal-Untersuchung präsentierte, BZ mit keinem Wort erwähnt. Dabei erwähnte Lawrow auch das Labor Spiez. Es habe in den von der OPCW zur Verfügung gestellten Proben auch BZ entdeckt.

Die OPCW widersprach den Äusserungen Lawrows in der Folge deutlich. Das Nervengift BZ sei in Salisbury nicht zum Einsatz gekommen, in den dort gesammelten Proben sei hingegen ein Nowitschok-Gift entdeckt worden. Ein Vorläuferstoff von BZ wurde jedoch den Kontrollproben beigemischt, die die beiden herangezogenen Fachlabors erhielten. Das entspricht der gängigen Praxis der OPCW, die jeweils drei verschiedene Proben einschickt: die «richtige», ferner eine negative Kontrollprobe, in der sich keine verbotene Substanz befindet, und eine positive Kontrollprobe, die einen anderen Kampfstoff enthält. Dieses Vorgehen dient der Qualitätssicherung; die Institute wussten auf diese Art nicht, welches die Probe aus Salisbury war. Die Aussenminister der EU-Staaten haben vergangene Woche wegen des Giftanschlags auf Skripal Einreiseverbote und Vermögenssperren gegen die Spitze des russischen Militärgeheimdienstes GRU beschlossen. Der Chef des Geheimdienstes und sein Stellvertreter würden wegen «des Besitzes, der Beförderung und der Verwendung eines giftigen Nervengases» bei dem Anschlag im englischen Salisbury auf die Sanktionsliste gesetzt, hiess es. Symbolisch würden Sanktionen auch gegen die beiden Agenten verhängt, die den Anschlag auf Skripal verübt haben sollen, teilten die EU-Aussenminister mit. Sie werden von Grossbritannien bereits seit längerem über Interpol gesucht. (rom)

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