Landwirtschaft
«Regierung lebt im Elfenbeinturm»: Bundesrat will Pestizideinsatz reduzieren - und erntet den Zorn des Bauernverbands

Der Bundesrat hat entschieden, wie er die vom Parlament beschlossene Reduktion des Pestizideinsatzes umsetzen will. Unter anderem sollen auf 3,5 Prozent der Ackerfläche Biodiveritätsförderflächen angelegt werden müssen. Der Bauernverband übt harsche Kritik.

Maja Briner
Drucken
Ein Landwirt beim Spritzen.

Ein Landwirt beim Spritzen.

fotolia

Nach zähem Ringen hat das Parlament vor gut einem Jahr eine Art inoffiziellen Gegenvorschlag zur Trinkwasserinitiative verabschiedet. Es legte unter anderem fest, wie stark die Risiken durch Pestizide sinken sollen. Mit welchen Massnahmen die Reduktion erreicht werden sollte, überliess es dem Bundesrat.

Dieser hat nun am Mittwoch über die konkrete Umsetzung entschieden - und damit den Schweizer Bauernverband arg verärgert. Die Massnahmen schwächten die einheimische Landwirtschaft als Ganzes, schrieb der Bauernverband in einer Medienmitteilung. Und weiter: «Es bleibt das grosse Unverständnis und die Erkenntnis, dass unsere Regierung offenbar im Elfenbeinturm lebt und die aktuelle weltweite Entwicklung an ihr vorübergeht.»

Bauernverband scheitert mit Hauptforderungen

Der Bundesrat hat ein ganzes Bündel an Massnahmen beschlossen, einen Teil davon unterstützte der Bauernverband. Unter anderem entschied die Regierung, dass Pflanzenschutzmittel, deren Wirkstoffe «ein hohes potenzielles Risiko» aufweisen, ab 2023 nicht mehr verwendet werden. Ausnahmen sollen möglich sein, falls keine risikoärmere Alternative zur Verfügung stehe. Zudem werden finanzielle Anreize geschaffen, damit weniger Pestizide eingesetzt werden.

Gleichzeitig sollen auch die Stickstoff- und Phosphorverluste «angemessen» reduziert werden, wie das Parlament festhielt. Der Bundesrat setzte dies nun in ein konkretes Ziel um: Um mindestens 20 Prozent sollen die Nährstoffverluste bis 2030 reduziert werden. Der Bauernverband hatte im Vorfeld für 10 Prozent plädiert.

Eine andere Massnahme, die der Bauernverband harsch kritisiert, betrifft die Äcker: Auf mindestens 3,5 Prozent der Ackerfläche müssen künftig spezifische Biodiversitätsförderflächen angelegt werden. Der Bauernverband findet, die Regierung habe die aktuelle Realität und den sich abzeichnenden weltweiten Engpass bei der Lebensmittelversorgung «völlig ausser Acht gelassen».

Sinkende Erträge

Der Bundesrat hat zwar durchaus darauf reagiert, allerdings anders als vom Bauernverband gewünscht: Er verzichtet nicht auf die Massnahmen, sondern verschiebt sie «aufgrund der Auswirkungen des Krieges in der Ukraine auf die weltweite Versorgung» lediglich um ein Jahr. Sie sollen erst 2024 in Kraft treten.

Tatsächlich dürfte der Selbstversorgungsgrad gemäss Berechnungen der Forschungsinstituts Agroscope sinken. Im erläuternden Bericht zur Vernehmlassungsvorlage vom April 2021 heisst es, da weniger Pestizide eingesetzt werden sollen, werde der Ertrag sinken. Ausser bei den Kartoffeln sei daher mit einer rückläufigen Produktion im Ackerbau zu rechnen. Die Fleischproduktion bliebe hingegen in etwa stabil.