LANDWIRTSCHAFTSPOLITIK: Nach politischen Erfolgen: Kommt für Schweizer Bauern die Krise?

Die Agrarlobby in Bern kümmert sich um die Schweizer Bauern, doch in der Öffentlichkeit bröckelt der Rückhalt. Was richtet das bei ihnen an? Einblicke in einen verunsicherten Berufsstand.

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Der Rückhalt für die Schweizer Bauern in der Öffentlichkeit bröckelt. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Der Rückhalt für die Schweizer Bauern in der Öffentlichkeit bröckelt. (Symbolbild) (Bild: Keystone)

Wenn sich am heutigen Montag der Ständerat in Bern versammelt, dann stehen – wieder einmal – die Bauern im Zentrum. Es geht um Steuerprivilegien für Landwirte mit Baulandreserven, ums Geld also, natürlich ums Geld. Und doch dürfte etwas anders sein als sonst: Es zeichnet sich eine Niederlage ab für die Bauern. Die vorberatende Kommission jedenfalls empfiehlt ein Nein zur Vorlage, im Gegensatz zum Nationalrat. Und sie tut das so deutlich, dass alles andere als ein Nein im Rat eine Über­raschung wäre.

Eine Niederlage: Das ist sich die Bauernlobby nicht gewohnt. Als letzte Woche das Bundesbudget für 2017 beraten wurde, hatte sie noch Dutzende zusätzliche Millionen herausgeschlagen, bei den Direktzahlungen etwa waren es 62. Es war ein Sieg von vielen in den letzten Monaten. Doch diese Erfolgsserie hat auch ihre Schattenseiten, weil sie vieler­orts das Gefühl genährt hat, dass die Agrarlobby den Bogen überspanne. Der Gewerbeverband schimpfte über die «Selbstbedienungsmentalität» der Bauern, die NZZ sprach vom «Sünden­fall Landwirtschaftspolitik». Der «Blick» hat vor ein paar Tagen ­einen Subventionsrechner auf seine Website gestellt, mit dem die Leser nachrechnen können, wofür die Bauern Geld bekommen. Das Echo war gross.

«Man darf nicht vergessen, was die Bauern leisten»

Das Bauern-Bashing ist zur Normalität geworden, zuletzt in den Medien – aber nicht nur. Als der liberale Thinktank Avenir Suisse vor ein paar Monaten für eine Studie die Schweizer fragte, wo sie beim Bundesbudget sparen würden, landeten die Bauern auf Rang zwei – gleich hinter der ­öffentlichen Verwaltung, den Beamten. Die Bauern und die Beamten in einem Atemzug: Das illustriert eindrücklich, wie sehr der Rückhalt in der Bevölkerung für die Landwirtschaftspolitik derzeit bröckelt.

Wie hart das die Bauern trifft, zeigt eine Umfrage bei jenen, die ihr Innenleben kennen wie sonst kaum jemand. Die Betreiber von bäuerlichen Sorgentelefonen sind am Puls der Schweizer Landwirtschaft. Sie hören zu, wenn die Bauern nicht mehr weiterwissen. Und sie alle zeichnen das Bild eines Berufsstandes, der mit vielen Problemen zu kämpfen hat – und der sich zunehmend unverstanden fühlt im Land.

Lukas Schwyn ist Präsident des Bäuerlichen Sorgentelefons. Zweimal pro Woche kann man dort anrufen. Schwyn, als Pfarrer im Emmental oft in Berührung mit dem landwirtschaftlichen Milieu, betreut die Hotline seit sieben Jahren. Er und seine Leute vermitteln, wenn Schwiegermütter die neue Bäuerin auf dem Hof nicht akzeptieren wollen. Oder wenn Eheleute zwar tagaus, tagein miteinander krampfen, vor lauter Arbeit aber den Draht zueinander verlieren. Vor allem aber, sagt Schwyn, ist es der Blick nach vorne, der viele Landwirte beschäftigt. «Es gibt viel Un­sicherheit bei ihnen, sie leiden unter der Frage, was die Zu­kunft bringt», sagt Schwyn. Dazu kommt etwas, das er als «Graben zwischen Stadt und Land» umschreibt, der sich etwa im «romantischen, aber realitätsfremden Bauernbild» in den Städten ausdrücke.

Auch der bald 63-Jährige hat in den letzten Monaten schon gedacht, dass die Bauernlobby zu weit gegangen ist. «Sie muss aufpassen, dass sie den Goodwill gegenüber den Bauern in der Bevölkerung nicht kaputt macht», sagt Schwyn. Das Bild des verwöhnten Landwirts, über den das Subventions-Füllhorn ausgeschüttet wird, ärgert ihn dennoch. «Man darf nicht vergessen, dass die Bauern sehr viel leisten. Sie haben kaum Freizeit und kaum Ferien. Viele können sich gar nicht vorstellen, was es heisst, Bauer zu sein.»

Hadern mit dem System der Direktzahlungen

60 Prozent der Einnahmen der Schweizer Bauern, das zeigt eine OECD-Studie aus dem Jahr 2015, kommen vom Staat. Kein anderes OECD-Land subventioniert seine Landwirtschaft so gross­zügig. Laut dem Bund erreichte das durchschnittliche Gesamteinkommen der Bauern im Jahr 2014 das höchste Niveau seit den 1990er-Jahren.

Christian Eggenberger von der kantonalen Beratungsstelle für Bauern im Thurgau hat dennoch oft mit Betrieben zu tun, in denen das Geld nicht reicht. «Es gibt viele Bauern, die sich finanziell durchseuchen», sagt Eggenberger. Und er stellt auch fest, dass ausgerechnet der Weg zum Geld vom Staat viele Bauern überfordert. «Der Papierkrieg, den die neue Agrarpolitik mit dem Direktzahlungssystem verursacht, macht vielen zu schaffen», sagt er. Gerade die Zeit, in der die Kontrolleure der Kantone unterwegs sind, um zu prüfen, ob die Formulare von den Landwirten auch richtig ausgefüllt worden sind, bedeute für viele auf den Bauernhöfen «ganz bange Stunden».

Ausgerechnet die Subventionen, über die sich viele im Land immer mehr ärgern, sind also Fluch und Segen? Margrit Kottmann, die im Kanton Luzern das Sorgentelefon «Offeni Türe i de Not» betreibt, sieht das genau so. Und sie sagt, dass es vielen ih­rer Bauernkollegen gleich gehe. «Vielen Landwirten», sagt sie, «ist der gesunde Bauernstolz abhandengekommen.» Kottmann spricht von einer «Resignation», die vielerorts um sich greife. Und davon, dass manche Bauern «ihre Seele verkaufen», weil das Subventionssystem ihnen falsche Anreize gibt. Was aber soll die Lösung sein? Keine Subventionen mehr? «Ja», sagt Margrit Kottmann, «aber dafür Produktpreise, die den Wert der Arbeit der Bauern spiegeln.»

Dominic Wirth