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Geheimstudie zu Spieleragenten, zur Fifa und zu illegalen Milliarden - warum ermittelt Lauber nicht in diesem Krimi?

Eine unter Verschluss gehaltene Studie zeigt: Die Berater von Fussballern haben weltweit bei Spielertransfers rund 3 Milliarden Euro illegal für sich abgezweigt. Die Fifa tolerierte dieses Gebaren offenbar, griff jedenfalls nicht ein. Und noch etwas ist merkwürdig: Warum ermittelt Bundesanwalt Michael Lauber nicht?
Henry Habegger
Der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber steht in der Kritik, seit er sich mit Fifa-Chef Gianni Infantino mehrfach geheim getroffen hat. (Bild: KEY)

Der Schweizer Bundesanwalt Michael Lauber steht in der Kritik, seit er sich mit Fifa-Chef Gianni Infantino mehrfach geheim getroffen hat. (Bild: KEY)

Für Philippe Renz, Anwalt der Freiburger Sportagentur Sport 7, ist der Fall klar: «Bundesanwalt Michael Lauber verschliesst die Augen vor der riesigen und systemischen Kriminalität bei Fussballer-Transfers.» Dabei müsste Lauber längst gegen die Fifa von Gianni Infantino ermitteln. Der Weltfussballverband toleriere diese Kriminalität, statt sie zu stoppen.

In Fall geht es um Spielerberater und Klubverantwortliche, die gemeinsame Sache machen. Es geht weltweit um riesige Summen, die in den falschen Taschen landen.

Riesige Summen fliessen an Agenten

In den Jahren 2014 bis 2017 kassierten Agenten und Vermittler insgesamt 4,75 Milliarden Euro: 2,15 Milliarden an Vermittlungs- und Managementgebühren, 2,6 Milliarden an Transferprovisionen.

Das geht aus einer Studie hervor, die das renommierte Centre International d’Etude du Sport (CIES) in Neuenburg letztes Jahr im Auftrag des europäischen Fussballverbands Uefa ausarbeitete. Eine Zusammenfassung der Studie, die von der Uefa unter Verschluss gehalten wird, liegt dieser Zeitung vor.

Aber nur auf 1,75 Milliarden hatten Agenten wirklich Anspruch: Als Honorare für die Vermittlung der Spieler an die Klubs und für Managementdienstleistungen. Dies ergab, auf Basis der CIES-Zahlen, eine Berechnung der Agentur Sport 7.

«3 Milliarden werden abgezweigt»

Der Grossteil der 4,75 Milliarden, nämlich 3 Milliarden, floss demnach illegal in die Taschen der Berater. Bei diesen 3 Milliarden handelt es sich vor allem um Kommissionen, die die Berater bei Transfers ihrer Spieler erhalten. Kommissionen, die ihnen von den Klubs bezahlt werden.

Agenten kassieren vom Verein einen bestimmten Prozentsatz des Spielergehalts für die Vermittlung. Zehn oder mehr Prozent sind, je nach Wert des Spielers, keine Seltenheit. Berater erhalten aber auch ihren Anteil an der Transfersumme. Beides in der Regel ohne Wissen des Spielers.

Auf diese Kommissionen, betont Renz, hätten die Agenten kein Anrecht. Indem sie von den Klubs Geld nähmen, befänden sich die Berater rechtlich gesehen in einem Interessenkonflikt: «Sie vertreten in Wirklichkeit nicht die Interessen der Spieler, sondern ihre eigenen Interessen und die der Klubs.»

Derartige Abzocker-Praktiken wurden zuletzt durch Enthüllungen von «Football Leaks» ausführlich dokumentiert. Untermauert werden diese Vorwürfe aber auch von der Geheimstudie des Neuenburger Instituts CIES. Einer Stiftung, die vom bekannten Neuenburger Anwalt und Kantonsrichter Pierre Cornu präsidiert wird.

Agenten über Druck aus

Aus der CIES-Studie wird deutlich, was im Fussball-Geschäft schief läuft. «Agenten üben einen übertriebenen und oft negativen Druck auf Spieler aus, besonders auf Minderjährige. Mangel an Kompetenz, Gier und schlechte Ratschläge setzen die Karriere vieler Talente auf Spiel», steht im Bericht.

Im Zentrum stehe bei vielen Agenten der kurzfristige eigene Profit. Dabei kämen verschiedene Strategien zum Einsatz, um Spieler zu kontrollieren: sie zu verschulden, ihre Ersparnisse schlecht zu verwalten oder ihnen Informationen vorzuenthalten.

Dank ihrem Informationsvorsprung und ihrem Zugang zu den Spielern sind die Agenten die mächtigsten Player im Spiel. Aber auch Klubs spielen laut der Studie eine miese Rolle. «Die weit verbreiteten Absprachen zwischen Klubverantwortlichen und Agenten oder Vermittlern führen zu korrupten Praktiken, bei welchen die involvierten Akteure Klubgelder für ihren persönlichen Gewinn missbrauchen». Das werfe viele Fragen aus strafrechtlicher Sicht auf, so die Studie.

Die Mafia mischt mit

Aber es geht noch weiter: Das organisierte Verbrechen kaufe sich in Spielervertretungen ein, das gehe «Hand in Hand mit Geldwäscherei». Geldwäscherei-Fragen wärfen auch die Zahlungen von hohen Provisionen auf, die die Klubs verdeckt und ohne Kontrolle der Endempfänger zahlten. Es gehe bei derartigen Zahlungen an Agenten oder Vermittler oft auch um Steuerflucht: Das Geld werde in Steuerparadiesen versteckt. Davon profitierten dann «nicht nur Agenten oder Vermittler, sondern auch Klubbesitzer und Klubverantwortliche, mit denen sie zusammenarbeiten».

Laut CIES steckt also ein kriminelles System dahinter, es ist eine eigentliche internationale Agenten- und Vereinsmafia am Werk. Opfer sind Tausende von Fussballspielern, aber auch Klubs. Es ist ihr Geld, das da in die falschen Taschen fliesst.

Die Agentur Sport 7 merkte rasch einmal, wie Renz sagt, dass Agenten in diesem Umfeld nur «erfolgreich» sein konnten, wenn sie selbst diese illegalen Methoden übernahmen. Das wollte Sport 7 nicht, und so kämpft die Agentur seit zwei Jahren offensiv gegen die Praktiken.

Schweizer Anwalt Philippe Renz kritisiert Fifa-Chef Gianni Infantino für seine Untätigkeit. (BILD: Mario Heller)

Schweizer Anwalt Philippe Renz kritisiert Fifa-Chef Gianni Infantino für seine Untätigkeit. (BILD: Mario Heller)

Oberster Verantwortlicher für die Missstände ist laut Renz der alles beherrschende Weltfussballverband, die Fifa. «Sie könnte die kriminellen Machenschaften längst stoppen, tut es aber nicht.» Der Anwalt wirft der Fifa und namentlich auch ihrem Boss Gianni Infantino vor, dass «sie auf Druck der grossen Klubs und der Agenten das kriminelle System» schütze, von dem «eine kleine Elite» profitiere.

Laubers Leute: «Nicht zuständig»

Renz und seine Agentur forderten Bundesanwalt Michael Lauber daher auf, gegen den Weltfussballverband Fifa mit Sitz in Zürich Ermittlungen aufzunehmen. Renz sah unter anderem im Unternehmens-Strafrecht einen Hebel. Aus seiner Sicht machen sich die Berater mit ihrer Doppelrolle der ungetreuen Geschäftsbesorgung und des unlauteren Wettbewerbs schuldig.

Bei der Bundesanwaltschaft biss Sport 7 allerdings auf Granit. Sie erliess eine Nichtanhandnahme-Verfügung, unterzeichnet von Laubers Stellvertreter Jacques Rayroud. Begründung unter anderem: In der Verantwortung stünden in erster Linie die einzelnen Fussball-Landesverbände, nicht die Fifa. Und in Sachen ausländische Fussballverbände sei die Bundesanwaltschaft nicht zuständig.

«Als ich las, dass sich der Bundesanwalt mit dem Fifa-Chef heimlich traf, ging mir ein Licht auf», sagt Renz. «Die informellen Treffen zwischen den beiden erwecken den Eindruck, dass Lauber nicht gegen Infantino vorgehen will.»

Bundesanwaltschaft weist Vorwürfe zurück

Ein Sprecher der Bundesanwaltschaft weist die Vorwürfe zurück. Die Bundesanwaltschaft habe von Sport 7 eingereichten Unterlagen geprüft, obwohl die «Mindestanforderungen an eine Strafanzeige nicht erfüllt waren». Der Vorwurf, die Treffen zwischen dem Bundesanwalt und dem Fifa-Boss spielten für die Beurteilung der Anzeige eine Rolle, entbehre «jeder Grundlage». Und schliesslich habe Sport 7 auch keine Beschwerde gegen die Nichtanhandnahme eingereicht.

Anwalt Renz bleibt dabei und hat das Dossier bei der Aufsichtsbehörde der Bundesanwaltschaft deponiert: «Die Bundesanwaltschaft hat keine Strategie und auch keine Lust, diese Kriminalität im Sport zu bekämpfen. Dabei ist das Ausmass dieser jedes Jahr wachsenden Kriminalität viel grösser als das der Fifa-Korruption, gegen die Bundesanwaltschaft ermittelt. Jedes Jahr werden Spieler und Klubs um eine Milliarde betrogen.» In der Schweiz geht es laut Renz «um etwa 5 Millionen pro Jahr - Tendenz steigend.»

Renz verlangt, dass Berater nur von den Spielern bezahlt werden dürfen, nicht aber von den Klubs. Im Eishockey ist das bereits so, und es hat sich bewährt. Nur so würden die Agenten wirklich die Interessen der Spieler wahrnehmen, sagt Renz. Auch das CIES erhebt diese Forderung: «Um Interessenkonflikte und unlauteren Wettbewerb zu einzudämmen, sollten Berater nur von ihren wirklichen Kunden bezahlt werden.»

Fifa: «Reform ist unterwegs»

Und was tut die Fifa? Sie streitet jedenfalls nicht ab, dass sie am Zug und verantwortlich ist. Man sei an der Arbeit, beteuert ein Sprecher: «Die Fifa ist derzeit an einer Reform des Transfersystems.» Das Paket umfasse unter anderem die Entwicklung neuer und strengerer Vorschriften für Agenten. So sollten Entschädigungs- und Vertretungsbeschränkungen eingeführt und die Zahlung der Agentenkommissionen künftig über eine Clearingstelle abgewickelt werden. Weiter werde die Lizenzierung der Agenten wieder eingeführt. Die Arbeiten seien im Gange, so der Sprecher.

«Die Fifa spielt wieder einmal auf Zeit», hält Anwalt Renz dem entgegen. «2017 hat sie auf Anzeige von Sport 7 hin zwar eine Reform gestartet. Aber in Realität ist diese Reform blockiert. Durch Leute, die in der Fifa-Organisation die Macht haben: Klubs und Agenten.» Deshalb brauche es Druck von aussen, deshalb müsse endlich die Justiz tätig werden.

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