Vielen Dank für Ihre Registrierung. Sie haben den Aktivierungslink für Ihr Benutzerkonto per E-Mail erhalten.

Vielen Dank für Ihre Anmeldung.

Umstrittene Methoden: Laubers Berater auf Bärenjagd

Mitten in die Krise der Bundesanwaltschaft platzt ein Prozess, der unangenehme Details enthüllen wird. Im Mittelpunkt steht ein ehemaliger Schweizer Ermittler und Berater von Bundesanwalt Michael Lauber.
Andreas Maurer
Beziehungspflege nach russischer Art: Man geht zusammen Bären jagen. Mittendrin: ein Schweizer Ermittler. (Bild: Getty)

Beziehungspflege nach russischer Art: Man geht zusammen Bären jagen. Mittendrin: ein Schweizer Ermittler. (Bild: Getty)

Zwanzig Jahre lang war er ein Top-Ermittler im Sold der Bundeskriminalpolizei. Jetzt ist er gezwungen, selber wie ein Verbrecher aufzutreten. Mit einem Pseudonym: Viktor K. Am 4. Juni steht der 59-Jährige vor dem Bundesstrafgericht in Bellinzona. Er wehrt sich gegen einen Strafbefehl der Bundesanwaltschaft. Früher erteilte sie ihm Aufträge, jetzt eine Geldstrafe. Sie wirft ihm Korruption vor. Von 2014 bis 2017 soll er in seiner Amtstätigkeit von den russischen Behörden nicht gebührende Vorteile angenommen haben. Denn der russische Staat finanzierte seine Hotelkosten und Jagdausflüge in Russland.

Der Prozess kommt für die Bundesanwaltschaft zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Denn vor Gericht wird einer ihrer Graubereiche ausgeleuchtet: die Methoden der Justizdiplomatie. In komplizierten Kriminalfällen erzielen Strafverfolger meist keinen Durchbruch, wenn sie der Strafprozessordnung als einziger Leitlinie folgen. Manchmal ist unorthodoxes Vorgehen gefragt. Doch wie weit darf man gehen? Bundesanwalt Michael Lauber droht die Abwahl, weil er sich mit Fifa-Boss Gianni Infantino zu einem informellen Gespräch getroffen hat und weder in den Akten noch im Gedächtnis ein Protokoll ablegte.

Viktor K. gehörte zu Michael Laubers engsten Kollegen. Zusammen reisten sie nach Russland und schliefen im gleichen Hotel. Viktor K. war sein Berater in strategischen Russland-Fragen. Was in der Fifa-Affäre zum Skandal wurde, ist in der Russland-Affäre nicht einmal der Rede wert: Natürlich existieren nicht zu allen informellen Treffen Aktennotizen. Bundesanwalt Lauber wollte den Fall diskret per Strafbefehl erledigen lassen. Weil der Beschuldigte diesen nicht akzeptiert hat, kommt es jetzt zum Showdown. Viktor K. hat nicht vor, diplomatisch zu schweigen. Im Gespräch mit dieser Zeitung nennt er nun die Hintergründe.

Der heikelste Anklagepunkt

Über Lauber sagt Viktor K.: «Er hat immer signalisiert, dass er hinter mir steht. Dass er mich dennoch fallen gelassen hat, war bitter für mich.» Vielleicht könne man es so nachvollziehen: «Das Risiko ist für ihn zu gross, sein Schicksal mit meinem zu verknüpfen.» Der heikelste Anklagepunkt für Viktor K. ist die Bärenjagd. Auf Einladung der russischen Generalstaatsanwaltschaft flog Viktor K. nach Moskau. Er ging davon aus, dass man wie immer in ein Resort in der Nähe der Hauptstadt gehen werde. Und er dachte, man werde nur Wildschweine jagen.

Doch nach der Ankunft in Moskau erfuhr er, dass die Reise nun mit dem Flugzeug weiter nach Kamtschatka gehe, eine Halbinsel nördlich von Japan. Viktor K. erklärt sich: «Ich nahm das Angebot für Jagdferien an, um Probleme mit der russischen Generalstaatsanwaltschaft zu regeln. Diesen Zweck hat die Reise erfüllt.» Doch hätte er den Umfang der Reise im Voraus gekannt, hätte er sie nicht angenommen. Die Jagdausflüge unternahm er zur Beziehungspflege. Zuvor sei er zweimal von der Bundesanwaltschaft zu Teilnahmen bestimmt worden. Die Begründung: Für ihn sei das unproblematisch, da er als Berater keine Entscheidfunktion hatte.

Viktor K. erklärt diese Form der Justizdiplomatie an einem Beispiel: «Früher hat man immer gesagt, mit den Spaniern könne man nicht zusammenarbeiten. Dann haben wir die spanische Staatsanwaltschaft zweimal nach Zermatt zum Skifahren eingeladen.» Er habe die spanische Mentalität verstanden, weil er auch diese Sprache mit allen Finessen beherrsche. Er sagt: «Seither funktioniert die Zusammenarbeit perfekt. In unserer Branche erhält man fast keine Informationen, wenn kein Vertrauensverhältnis besteht.» Nur Deutschland funktioniere anders: «Wenn man ein Fax nach Berlin schickt, erhält man tatsächlich eine Antwort.» Zu Russland habe die Schweiz so gute Beziehungen aufgebaut wie kein anderer europäischer Staat.

Viktor K.: «Ich war dafür zuständig, weil ich die russische Sprache, Kultur und Mentalität sehr gut kenne.» Immer dann, wenn die Russen in die Schweiz kamen, logierten sie im «Bellevue». Die Schweiz bezahlte die Unterkunft. Der einladende Staat zahlt, das sei die Abmachung mit Russland seit 20 Jahren. Doch ihm wird das nun zum Verhängnis. Eine Episode aus dem Restaurant Rosengarten oberhalb des Berner Bärengrabens illustriert das Dilemma. Die Bundesanwaltschaft traf sich dort einst mit Funktionären der russischen Generalstaatsanwaltschaft. Der Schweizer Delegationsleiter liess den Wein vom Kellner abmessen: Jeder Gast sollte exakt einen Deziliter erhalten. Viktor K. erzählt: «Ich bin vor Scham fast im Boden versunken.» Für einen Russen gebe es nichts Schlimmeres als das Gefühl, das Gegenüber sei geizig. Viktor K. sagt: «Wenn die Schweiz auf diese Weise die internationale Ermittlungszusammenarbeit pflegen will, kann sie nur noch mit den Holländern und den Schweden kooperieren.»

Merkliste

Hier speichern Sie interessante Artikel, um sie später zu lesen.

  • Legen Sie Ihr persönliches Archiv an.
  • Finden Sie gespeicherte Artikel schnell und einfach.
  • Lesen Sie Ihre Artikel auf allen Geräten.