Das Russland-Abenteuer von Bundesanwalt Lauber und die Bärenjagd: Sein ehemaliger Berater packt aus

Ein Ex-Berater des Bundesanwalts steht erneut vor Gericht: Er erzählt, wie er mit Lauber in einem Hotel in eine brenzlige Situation geraten ist.

Andreas Maurer
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Bundesanwalt Michael Lauber mit seinem Berater auf dem Baikalsee 2014 in Sibirien.

Bundesanwalt Michael Lauber mit seinem Berater auf dem Baikalsee 2014 in Sibirien.

Bild: zvg

Viktor K. sitzt auf der Terrasse des Hotels Bellevue vor einem Café Crème. Der Name ist ein Pseudonym; der 60-Jährige besteht auf Anonymität. Doch als Ort des Gesprächs wählt er keinen anonymen Ort, sondern eine Hotelterrasse mit guter Sicht auf die Alpen, das Bundeshaus und andere Gäste. Zufällig taucht ein ehemaliger Staatsanwalt des Bundes auf und winkt freudig. Viktor K. kennt sie alle.

Zwanzig Jahre lang arbeitete er für die Bundeskriminalpolizei und wurde zum Berater von Bundesanwalt Michael Lauber. Viktor K. ist Russland-Spezialist und begleitete ihn auf Reisen.

Laubers Vorgänger Erwin Beyeler war nie in Russland. Zu heiklen Staaten ging er so weit wie möglich auf Distanz. Lauber hingegen versucht, die Probleme mit Nähe zu lösen. Zu viel Nähe kann allerdings neue Probleme schaffen, wie sein Amtsenthebungsverfahren zeigt.

Die Kritik am Bundesanwalt hält Viktor K. für kleinlich. Er sieht die Probleme woanders. Als Chef sei Lauber dafür verantwortlich, dass seine Behörde ihre Aufgabe erfülle. Diese Bilanz sei mager: «Wie ist es möglich, dass ein so riesiger Apparat nur so wenige wichtige Fälle vor Gericht bringt?»

Viktor K. war Laubers Verbindungsmann zu Russland. Weil diese Verbindungen heikel sind, haben sie eine Sollbruchstelle. Viktor K. arbeitete für die Bundesanwaltschaft, formell war er aber bei der Partnerbehörde Fedpol angestellt. Wenn es schief ging, konnte die Bundesanwaltschaft deshalb sagen, Viktor K. sei gar nicht ihr Mann.

Es ging schief. Bei einer Routinekontrolle stellte Fedpol fest, dass Viktor K. zu weit gegangen war. Ohne Absprache war er mit seinem Diplomatenpass nach Russland gereist und hatte sich auf eine Bärenjagd einladen lassen. Die Einladung kam von einem Freund bei der Generalstaatsanwaltschaft. Gastgeber war ein Oligarch. Privates und Berufliches vermischten sich auf der Reise.

Weil Viktor K. offiziell nicht zur Bundesanwaltschaft gehörte, konnte diese das Verfahren gegen ihn selber führen. Sie wollte den Fall unauffällig per Strafbefehl erledigen. Doch Viktor K. akzeptierte dies nicht. So kam der Fall 2019 vor das Bundesstrafgericht. Von vielen Vorwürfen blieb nur etwas hängen. Verurteilt wurde er wegen Vorteilsannahme.

Viktor K. beteuert, stets im Interesse der Schweiz gehandelt zu haben. Er sagt: «Die Pflege der Beziehungen zu den Vertretern der Generalstaatsanwaltschaft gehörte zu meinen Aufgaben. Unsere Verfahren haben davon sehr profitiert.» Lauber bestätigte die Bedeutung der Beziehungspflege als Zeuge vor Gericht.

Gericht rollt den Fall um die Bärenjagd neu auf

Doch mit diesem Auftritt war die Russlandaffäre nicht erledigt. Viktor K. zog das Urteil vor die Berufungskammer weiter, die den Fall nun am 2. Juni verhandelt. Eine zweite Instanz studiert normalerweise vor allem die Akten. Diesmal aber will sie es genauer wissen und bietet drei neue Zeugen auf: ein Polizeichef, ein Staatsanwalt des Bundes und eine Mitarbeiterin, die auf der Reise dabei war. Das zeigt, dass das Gericht die bisherige Untersuchung für ungenügend hält.

Für Lauber kommt die Aufarbeitung zu einem ungünstigen Zeitpunkt. Viktor K. ist zwar immer noch ein Fan von ihm. Aber um seine Ehre zu retten, macht er Interna publik.

Als Lauber die Kreditkarte zücken musste

Am Anfang des Strafverfahrens standen Hotelkosten, welche die russischen Behörden für Viktor K. bezahlt haben. Dabei läuft das eigentlich immer so. Viktor K. verteidigt sich, indem er Geschichten erzählt. Zu diesem Punkt erzählt er eine Episode aus dem März 2016, als er mit Lauber im Hotel Metropol, eine der besten Adressen Moskaus, übernachtete. Die russische Opposition hatte die Computer der Generalstaatsanwaltschaft gehackt, wodurch Details der Reise publik wurden. «Deshalb wollte ich verhindern, dass die Russen auch diesmal unser Hotelzimmer zahlten», erzählt Viktor K. Als er um 6 Uhr morgens zur Rezeption gegangen sei, hiess es aber, es sei alles schon bezahlt. Nur noch der Generaldirektor des Hotels könne dies rückgängig machen. «Ich kannte ihn persönlich und schaffte es, dass er um diese frühe Uhrzeit erschien und die Zahlung stornierte.» Dann sei Lauber die Treppe heruntergekommen und er habe zu ihm gesagt: «Mike, jetzt musst du zahlen.» So kam es, dass die Bundesanwaltschaft diese Rechnung selber beglich.

Viktor K. hatte ein Gespür für korruptionsanfällige Konstellationen. Nur bei sich selber fehlte ihm das Gespür. Er räumt ein, einen Fehler begangen zu haben. Ein Verweis hätte aus seiner Sicht dafür aber genügt, eine Verurteilung sei übertrieben. Die Schweiz habe ausländischen Delegationen teurere Vergnügen finanziert wie Helikopterausflüge nach Zermatt.

Die Beziehungen, die davon profitieren sollten, leiden inzwischen darunter. Diese Woche hat die grösste Oppositionszeitung von Moskau die Schweiz für ihre russischen Beziehungen kritisiert und Viktor K. an den medialen Pranger gestellt. Sogar im «Bellevue» ist das ein Thema. «Hast du gelesen, was die Russen über dich schreiben?», fragt der Ex-Staatsanwalt. Die Affäre weitet sich aus.