LAUSANNE: Tötungsdelikt Marie: «Täter war extrem gefährlich»

Auf die Frage, warum ein gefährlicher Mörder und Vergewaltiger seine Strafe zu Hause absitzen kann, gibt es keine einfache Antwort. Die Abschätzung des Risikos ist alles andere als leicht. Und doch gab es im Fall Marie offenbar Hinweise.

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Über 200 Menschen nehmen an einem Trauermarsch für die getötete Marie teil. (Bild: Keystone)

Über 200 Menschen nehmen an einem Trauermarsch für die getötete Marie teil. (Bild: Keystone)

Die ehemalige Waadtländer Nationalrätin Anne-Catherine Menétrey (Grüne) ist Mitglied der Informationsplattform Infoprisons: Die Behörden der Vollzugsanstalt Etablissements de la plaine de l'Orbe hätten ihr einst gesagt, dass es in Schweizer Gefängnissen vier oder fünf extrem gefährliche Straftäter gebe, sagte sie am Donnerstag gegenüber Radio RTS. «Der Mörder von Marie gehörte dazu.»

Ein Vollzug im Hausarrest, der dem mutmasslichen Täter gewährt wurde, ist aber nur möglich, wenn keine Fluchtgefahr und keine Rückfallgefahr besteht. Dies einzuschätzen sei naturgemäss sehr schwierig, sagte Rebecca de Silva vom Amt für Strafvollzug des Kantons Zürich auf Anfrage der Nachrichtenagentur sda. In vielen Fällen seien die Vollzugsbehörden deshalb auf ein psychiatrisches Gutachten angewiesen.

Gesetzlich vorgeschrieben seien solche Gutachten allerdings nur bei bedingten Entlassungen. Und auch in diesen Fällen nur dann, wenn der Betroffene ein Delikt begangen habe, bei denen eine Verwahrung zulässig sei. Dazu gehört etwa Mord oder Vergewaltigung, aber auch Brandstiftung.

In den übrigen Fällen ist die Einholung eines Gutachtens gemäss de Silva Ermessensfrage. Gerade bei allfälligen Risiken für Leib und Leben werde aber oft ein Gutachten eingeholt. Die Qualität der Gutachten habe sich in den letzten Jahren «insgesamt sicher verbessert».

Abwägung durch Fachkommission

Wenn die Vollzugsbehörde die Gemeingefährlichkeit einer Person nicht selber einschätzen kann, muss die Beurteilung einer externen Fachkommission übertragen werden. Diese setze sich zusammen aus Experten verschiedener Fachrichtungen, sagte Bertrand Perrin, Strafrechtsprofessor an der Universität Freiburg, auf Anfrage.

Die Kommissionsmitglieder müssten stets abwägen zwischen dem Schutz der Öffentlichkeit sowie den Rechten des Gefangenen, sagte Perrin. Eine Vollzugslockerung habe zum Ziel, einen Verurteilten am Ende der Strafzeit auf ein Leben in Freiheit vorzubereiten.

Aus der Sicht von Perrin funktioniert dieses System grundsätzlich gut. Menschliche Fehler wie Fehleinschätzungen bei der Beurteilung der Gefährlichkeit einer Person liessen sich allerdings nicht ausschliessen.

Der Entführer von Payerne VD befand sich seit vergangenem Sommer im Hausarrest. Dieser Hausarrest war dem Mann gewährt worden, nachdem er zwei Drittel seiner 20-jährigen Freiheitsstrafe, zu der er im Jahr 2000 wegen Entführung, Vergewaltigung und Mord verurteilt worden war, verbüsst hatte. Eine bedingte Entlassung war dem Mann zuvor zweimal verweigert worden.

Andacht und weiterer Trauermarsch für Marie

Für die von einem vorbestraften Mörder und Vergewaltiger entführte und getötete Marie findet am Freitagabend in Villars (VD) eine Andacht statt. Unter welchen Umständen die 19-Jährige ums Leben kam, konnte die Waadtländer Polizei auch am Donnerstag nicht sagen.

Die evangelisch-reformierte Kirche des Kantons Waadt sprach den Eltern der getöteten jungen Frau ihr tiefstes Beileid aus. Im Einverständnis mit der Familie gab die Kirchgemeinde bekannt, dass es sich beim Opfer um die Tochter eines evangelischen Pfarrers handelt.

Marie war Montagabend in Payerne (VD) entführt und in der Nacht auf Mittwoch in einem Wald im Kanton Freiburg tot aufgefunden worden. Die evangelische Kirchgemeinde bestätigte die Identität des Opfers und deren Eltern, um die Gerüchteküche in der Region zum Schweigen zu bringen, wie es in der Mitteilung heisst.

Im Gedenken an die kurz vor ihrem 19. Geburtstag getötete Marie wird am Freitagabend in der evangelischen Kirche von Villars (VD) eine Andacht stattfinden. In dieser Kirchgemeinde hatte der Vater des Opfers früher als Pfarrer gewirkt.

Aufruf zu Zurückhaltung

Der Trauergottesdienst und die Beerdigung könnten erst in rund zwei Wochen stattfinden, präzisierte die Kirchgemeinde. Trotz der durch das Verbrechen ausgelösten Welle der Empörung ruft die Kirche die Bevölkerung zu Zurückhaltung auf.

«Es steht uns nicht zu, über den Schuldigen oder über die Waadtländer Justiz zu urteilen», schreibt die Kirche. Auch in Lausanne soll es am Pfingstmontag zu einem zweiten Trauermarsch kommen. Bereits am Mittwochabend gab es in Payerne eine Solidaritätskundgebung.

Polizei schweigt

Die Umstände des Todes waren auch am Donnerstag noch unklar. «Wir wollen der Sache auf den Grund gehen und die Aussagen des Täters mit den von uns gesammelten Elementen konfrontieren», sagte Jean-Christophe Sauterel, Mediensprecher der Waadtländer Kantonspolizei, auf Anfrage.

Die Leiche der jungen Frau war erst in der Nacht auf Mittwoch im Kanton Freiburg gefunden worden. Der Täter, ein 36-Jähriger Mann aus Bulle (FR), konnte am Dienstagnachmittag verhaftet werden. Er führte darauf die Polizei selbst zum Tatort.

Er gab zu, die Frau gewaltsam ins Auto gezerrt zu haben. Dort fesselte er sie mit einem Klebeband. Der Fall löste landesweit grosse Empörung aus, da es sich beim Entführer um einen verurteilten Mörder und Vergewaltiger handelt.

Er hatte 1998 seine damalige Ex-Freundin in ein Chalet nach La Lécherette entführt, vergewaltigt und getötet. Dafür wurde er zu einer Freiheitsstrafe von 20 Jahren verurteilt. Einer lebenslänglichen Strafe nur wegen seines damals jugendlichen Alters von 22 Jahren.