LAUSANNE: Wenn Protestanten protestieren

Die Waadtländer Reformierten sind tief gespalten. Der Hungerstreik eines Pfarrers ist nur eine Manifestation der Zwietracht.

Christophe Büchi
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Im Hungerstreik: der reformierte Pfarrer Daniel Fatzer vergangenen Freitag in der Kirche Saint-Laurent in Lausanne. (Bild: Keystone/Manuel Lopez)

Im Hungerstreik: der reformierte Pfarrer Daniel Fatzer vergangenen Freitag in der Kirche Saint-Laurent in Lausanne. (Bild: Keystone/Manuel Lopez)

Christophe Büchi

Die Kirche Saint-Laurent in der Lausanner Innenstadt, auf deren Fassade ein Foto des ermordeten amerikanischen Menschenrechtskämpfers Martin Luther King prangt, war schon immer ein Gotteshaus der besonderen Art. Sie ist für die «Eglise évangélique réformée vaudoise», (EERV), wie sich die offizielle reformierte Kirche in der Waadt nennt, ein sogenannter «Leuchtturm», wo neue Formen des Gottesdienstes ausprobiert werden, von der Armensuppe bis zum «culte» mit Kaffee und Croissants.

Was aber zur Zeit abläuft, ist ziemlich ungewohnt. Denn letzte Woche ist einer der beiden Pfarrer, die die Gemeinde im Jobsharing betreuen, in den Hungerstreik getreten; und zwar hungert er nicht irgendwo, sondern mitten in der Kirche. Diese wirkt mittlerweile eher wie ein Schlafsaal oder ein Sanatorium. Wenn man in das Gotteshaus eintritt, erkennt man im Dämmerlicht zwischen Decken und Kissen den 64-jährigen Daniel Fatzer. Ein Manifest liegt auf, einige Aktivisten kümmern sich um den Hungernden.

Protest via Radio

Dieser Protestaktion vorausgegangen war ein unschöner Hickhack zwischen Fatzer und dem Synodalrat. Dieser hatte vor einiger Zeit einen mit Fatzer befreundeten Pfarrer entlassen. In einer Predigt, die via welsches Radio in der ganzen Romandie verbreitet wurde, protestierte Fatzer gegen diese Entlassung und geisselte den autoritären Führungsstil des Synodalrats. Dieser reagierte mit der Entlassung des Protestierenden.

Die Spannungen zwischen den Kontrahenten sind allerdings um einiges älter. Fatzer gilt schon seit Jahren als, gelinde gesagt, schwierig. Aber auch die Führung der evangelischen Kirche gilt nicht gerade als einfach. Im Gegenteil: Mit harten Personalentscheiden, wozu auch mehrere Entlassungen gehören, hat sie in letzter Zeit vor allem unter den Pastoren viel Unbehagen hervorgerufen. Kritik am autoritären Führungsstil wurde in den letzten Monaten wiederholt auch von Persönlichkeiten geäussert, die mit der Person und den Methoden Fatzers nicht viel am Hut haben.

Um die Spannungen richtig zu verstehen, muss man wissen, dass die reformierte Kirche Waadt zur Zeit unter grossem, nicht zuletzt auch finanziellem Druck steht. Zwar gibt es in der Waadt, anders als in den Nachbarkantonen Genf und Neuenburg, keine Trennung zwischen Staat und Kirche(n). Konkret bedeutet dies: Im Kanton Waadt erhebt der Staat nach wie vor eine Kirchensteuer; die (anerkannten) Kirchen sind hier also besser gestellt als bei den Nachbarn.

Aber weil die Waadt die Kirchensteuern gemäss der Anzahl der deklarierten Kirchenmitglieder auf die öffentlich-rechtlich anerkannten Kirchen (Reformierte, Katholiken und Christkatholiken) verteilt, die Reformierten aber einen starken Mitgliederschwund verzeichnen, ist die reformierte Kirche unter starken Sparzwang geraten. Diesen versuchte der Synodalrat in den vergangenen Monaten mit der Einführung von modernen Human-Resources-Praktiken aufzufangen. Man kennt die Folgen.

Zu den finanziellen kommen weltanschaulich-religiöse Spannungen. So wird die EERV von den evangelikalen Freikirchen stark konkurrenziert. Aber auch in den eigenen Reihen sind Auseinandersetzungen zwischen Traditionalisten und Fortschrittlichen an der Tagesordnung.

So führte die von der EERV-Synode monatelang diskutierte und schliesslich akzeptierte Segnung für homosexuelle Paare für eine alles andere als evangelische Stimmung. Auch die Haltung gegenüber den Flüchtlingen und Asylbewerbern sorgt immer wieder für Divergenzen. Als ein Flüchtlingskollektiv die Kirche Saint-Laurent besetzte und schliesslich von der Pfarrei während Wochen beherbergt wurde, wurde dies im Synodalrat scharf kritisiert. Dieser Mix an Problemen ist jetzt mit der Fatzer-Affäre so richtig an die Oberfläche und an die Öffentlichkeit geschwemmt worden.

Organisation wie jede andere?

Die Grundfrage, die diese Affäre stellt: Ist eine anerkannte christliche Kirche eine Organisation wie alle andern, die nach den gleichen Prinzipien der Unternehmensführung wie alle andern gemanagt werden soll? Die Kritiker des Synodalrats sagen klar: Non! Ein reformierter Pfarrer erklärt uns im vertraulichen Gespräch: «Es gibt in der Waadtländer reformierten Kirche eine starke Tradition der Mitbestimmung und des Protests. Da kann man nicht hineinfahren wie in einem grossen Konzern.» Aber auch seitens der Vertreter des Synodalrats tönt es nicht viel anders. «Unsere Kirche ist keine Arbeitgeberin wie die andern», versichert Xavier Paillard, «sondern in vielen Bereichen modellhaft». Zumindest in der Überzeugung, dass man eine Kirche nicht wie ein multinationales Unternehmen führen könne, scheinen sich die Streitparteien einig. Das ist immerhin schon etwas.