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LEBENSMITTEL: Aufstand der Bauern gegen die Pläne des Bundesrates

Der Bundesrat forciert den Freihandel mit Ländern in Südamerika. Der Bauernverband zieht rote Linien. Doch was denken eigentlich die Bauern?
Doris Keck
Bauer Tobias Steffen betreibt in Bütikofen BE einen Rindermastbetrieb der intensiven Art. Sein Hof steht gleich aus mehreren Gründen unter Druck. (Bild: Chris Iseli)

Bauer Tobias Steffen betreibt in Bütikofen BE einen Rindermastbetrieb der intensiven Art. Sein Hof steht gleich aus mehreren Gründen unter Druck. (Bild: Chris Iseli)

Doris Keck

Per Videobotschaft meldet sich Johann Schneider-Ammann regelmässig aus Südamerika. Seit Samstag reist er mit einer 50-köpfigen Delegation durch die Mercosur-Staaten (Brasilien, Paraguay, Uruguay und Argentinien), um einem Freihandelsabkommen Schub zu verleihen. Schneider-Ammann berichtet von guter Stimmung und interessanten ­Gesprächen. Die Bauern, Professoren, Wirtschaftsvertreter und Parlamentarier würden gegenseitig voneinander lernen: «Es ist ein freundschaftliches Miteinander.»

Das tönt wie ein Seitenhieb an den grossen Abwesenden. Der Bauernverband verzichtete auf die Teilnahme an dieser «kostspieligen Marketingveranstaltung, ohne effektive Verhandlungsergebnisse», wie Präsident Markus Ritter die Reise im Vorfeld nannte. Schneider-Ammann und Ritter trafen sich zwar kürzlich zu einem Versöhnungsessen, doch inhaltlich sind die Differenzen enorm. Die Bauern wehren sich vehement gegen die Pläne der Regierung, den Grenzschutz für die Landwirtschaft abzubauen, um neue Freihandelsabkommen und damit Exportmöglichkeiten für die Wirtschaft zu ermöglichen. Im Vordergrund steht ein solches Abkommen mit den Mercosur-Staaten.

Ritter betont, der Bauernverband sei nicht gegen Freihandelsabkommen. Die Position lautet: «Ja, aber es gibt rote ­Linien.» Diese sind in einem Papier festgehalten. So will der Bauernverband ­keine Konzessionen ausserhalb der WTO-Kontingente und bei sensiblen Produkten wie etwa Fleisch, Gemüse oder Obst. Zudem müssten bei Importprodukten die Anforderungen an die Produktionsstandards aufrechterhalten werden. Der Bauernverband hat allerdings auch handfeste Interessen. Er fordert für den Export von Käsespezialitäten die Befreiung von Zöllen, den Abbau technischer Handelsschranken sowie die Anerkennung von Herkunftsangaben und Produktionsstandards.

Bedenken wegen tierquälerischer Haltung

Der Bauernverband verweist darauf, dass es mit China gelungen sei, ein Freihandelsabkommen auszuhandeln, das auch für die Bauern akzeptabel war. ­Allerdings präsentiert sich die Ausgangslage mit den Mercosur-Staaten anders: Deren wichtigste Exportgüter sind ­Agrarprodukte. Der Bundesrat versucht, den Bauern die Angst zu nehmen, indem er auf die Verhandlungen zwischen der EU und den Mercosur-Staaten verweist. Nimmt man diese zum Nennwert, könnten mit einem Abkommen etwa 2000 Tonnen Rindfleisch zu tieferen Zöllen in die Schweiz importiert werden. Bei einem Konsum von 100 000 Tonnen pro Jahr scheint das wenig.

Bedenken gegen ein Abkommen ­haben jedoch nicht nur die Bauern. Die Entwicklungsorganisation Swissaid warnte gestern, dass ein Abkommen nicht nur Aussicht auf günstigere Steaks bedeute, sondern auch auf Fleisch, das häufig aus tierquälerischer Haltung stamme. Mit Hormonen und Antibio­tika sei es belastet, und Kleinbauernfamilien in Südamerika würden an den Rand der Existenz gedrängt. Der Bundesrat wiederum befürchtet, dass die hiesige Exportindustrie ohne Abkommen gegenüber der Konkurrenz aus der EU bald ­benachteiligt sein könnte. Denn die Verhandlungen zwischen der EU und Mercosur sind kurz vor dem Abschluss.

Steffen und der unmögliche Spagat

Bauer Tobias Steffen betreibt in Bütikofen BE einen Rindermastbetrieb der intensiven Art. Sein Hof steht gleich aus mehreren Gründen unter Druck. (Bild: Chris Iseli)

Bauer Tobias Steffen betreibt in Bütikofen BE einen Rindermastbetrieb der intensiven Art. Sein Hof steht gleich aus mehreren Gründen unter Druck. (Bild: Chris Iseli)

Bütikofen. Ein 120-Seelen-Dorf im Emmental, unweit von Burgdorf. Die traditionellen Bauernhäuser mit den prächtigen Walmdächern und den gepflegten Gärten prägen das Bild. Dazu Wälder, Wiesen und Vieh. Auch hinter dem Luderhof weiden Kühe und Rinder. Doch sie gehören nicht zum Betrieb von Tobias Steffen. Seine Munis können nie auf die Weide – was manchen Besucher irritiert. Steffen gibt dies unumwunden zu, als er seinen langen und offenen Stall zeigt. Links und rechts stehen die Rinder, statt Namen haben sie Nummern: Blaubelgier, Simmentaler und Angus-Rinder werden gemästet. Ganz vorne sind jene, die bald in den Schlachthof kommen. Je weiter man läuft, desto leichter und jünger werden die Rinder. Steffen hat einen Mastbetrieb, die «Fresser» kauft er zu, wenn sie etwa vier Monate alt und 180 bis 200 Kilogramm schwer sind. Zehn bis elf Monate bleiben sie bei Steffen, bis sie 520 bis 540 Kilogramm erreicht haben. Der Futtergang ist so breit, dass man locker mit dem Futtermischwagen durchfahren kann.

Steffen ist Pächter des Luderhofs und betreibt mit einem Kollegen, dem Wälch­li Martin, wie man hier sagt, einen Rindermastbetrieb der intensiven Art. Für 260 Rinder bietet der Stall Platz. Momentan sind 240 da. Steffen weiss, dass sein Hof nicht den klischierten Vorstellungen der Schweizer Landwirtschaft entspricht. Weil seine Rinder eben nicht auf die Weide dürfen. Aber sie können den Regen auf dem Rücken spüren. Denn Steffen produziert nach den Richtlinien von IP-Suisse. Und dafür muss er die Anforderungen an die Tierwohlprogramme Raus (Regelmässiger Auslauf im Freien) und BTS (Besonders tierfreundliche Stallhaltungssysteme) erfüllen. Letzteres bedeutet, dass ein Teil der Liegefläche eingestreut ist. Das heisst Mehrarbeit und Mehrkosten. Jeden Morgen mistet Steffen aus und streut Stroh. Zwei Kilogramm pro Rind und Tag.

Bauer aus freien Stücken

Tobias Steffen ist 33-jährig, seit kurzem Familienvater und unter den Bauern eine Rarität: Seine Eltern führten nämlich keinen Hof, sondern ein Restaurant im aargauischen Murgenthal. Steffen wurde nicht Bauer, weil ihm dies in die Wiege gelegt worden ist, sondern weil Bauer «der schönste Beruf» ist, wie er sagt. Auf dem Luderhof hat er sein zweites Lehrjahr absolviert und als Angestellter gearbeitet, bevor er 2017 den Hof als Pächter übernahm. Einige Zeit arbeitete er zudem in Kanada, fuhr Mähdrescher auf einem für dortige Verhältnisse kleinen Betrieb — mit 2000 Hektaren Land.

Zur Tierhaltergemeinschaft auf dem Luderhof gehören 42 Hektaren. Gras und Mais bauen Steffen und Wälchli vorwiegend an — das Futter für die Tiere. Etwas Mais müssen sie von anderen Bauern zukaufen. Dazu bekommen die Rinder Ergänzungsfutter und Mineralstoffe — und altes Brot, das nicht verkauft werden konnte. «Das hilft gegen Food Waste und ist ein kostengünstiger Ersatz für Getreide», sagt Steffen. 3,4 Tonnen Nahrung verfüttert der Mäster seinen Rindern täglich. Das Fleisch der Luderhof-Rinder geht bei Migros und bei Coop über die Theke. Doch es gab schon bessere Zeiten für hiesige Rindermäster. Das Angebot an IP-Rindern ist derzeit zu gross. Es kommt vor, dass Steffen seine Tiere nicht abbringt, obschon sie das ideale Gewicht erreicht haben. Aus seinen Worten tönt eine gewisse Ohnmacht gegenüber den Detailhändlern.

Es ist nicht Steffens einzige Sorge: Die Pläne des Bundesrates für ein Freihandelsabkommen mit den Mercosur-Staaten treiben ihn um: «Fällt der Grenzschutz weg, würden die Schlachtviehpreise zusammenbrechen.» Steffen rechnet damit, dass sein Einkommen um 20 bis 30 Prozent sinken würde. Hat er kein Vertrauen in die Schweizer Konsumenten, dass sie hiesiges Fleisch bevorzugen? «Der Einkaufstourismus zeigt, dass es am Schluss immer um den Preis geht.» Mercosur sei ein Todesstoss für die Schweizer Rindermäster. Steffen spricht von Existenzängsten: «Wir können nicht hurtig den Stall umnutzen, wenn die Politik ändert», sagt Steffen.

Doch eben, als Bauer ist man abhängig von der Politik. Alles müsse immer billiger werden, und gleichzeitig werde mehr Ökologie gefordert – für Steffen ein unmöglicher Spagat. Er hat eine klare Vorstellung: «Ich will eine produzierende Landwirtschaft. Von Blumenwiesen können wir uns nicht ernähren. Kaufen wir dann alles im Ausland?», fragt er rhetorisch. Er zeigt auf das Umland: «Wir haben so viel Gras. Das sind ideale Verhältnisse für Rinder und Kühe.»

Anna Wanner

Sahli ist egal, was die Politik macht

Bauer Fritz Sahli aus Uettligen BE versteht seinen Hof als KMU. Er ist überzeugt: Konsumenten sind bereit, für Qualität mehr Geld auszugeben. (Bild: Chris Iseli)

Bauer Fritz Sahli aus Uettligen BE versteht seinen Hof als KMU. Er ist überzeugt: Konsumenten sind bereit, für Qualität mehr Geld auszugeben. (Bild: Chris Iseli)

Bei Bise sind die Hühner lieber im Stall. Nur ein paar Dutzend der rund 800 Legehennen nutzen an diesem Nachmittag den weiten Auslauf, der ihnen auf dem Hof Schüpfenried von Bauer Fritz Sahli in Uettligen BE zur Verfügung steht. Entsprechend dicht gedrängt scharren sie im Stall und gackern. Auch 20 Hähne wohnen im mobilen Unterstand. Der Vorteil: Sobald die Hühner die Wiese abgegrast haben, zieht der Bauer den mehrere Tonnen schweren Stall mit zwei Traktoren ein paar Meter weiter. Und schon ist die Wiese wieder frisch. Ein Solar-Panel vor dem Stall produziert Strom, um die Hühner mit Wasser und Futter zu versorgen und die Eier auf einem Fliessband in ein Vorzimmer zu transportieren.

Neben den mehr als 750 Eiern pro Tag verkauft Sahli auch Kartoffeln, Rüebli, Rind- und Schweinefleisch, Dinkel und Roggen sowie Strom und Wärme aus der eigenen Produktion. Doch es sind nicht seine verschiedenen Standbeine, die dazu führen, dass er optimistisch in die Zukunft blickt. Er fürchtet weder volatile Preise noch offene Grenzen. Es ist seine Überzeugung, dass sich mit Qualität, mit tierfreundlicher Haltung weiterhin Geld verdienen lässt. «Agrarbetriebe auf der ganzen Welt produzieren heute nicht mehr Lebensmittel, sondern Rohstoffe, literweise Milch zum Beispiel. Den Rohstoff Milch gibt es auf dem Markt für 30 Cent pro Liter zu kaufen. Die Preise sind gegeben, also muss der Bauer sein Einkommen über die Menge herausholen. In der Schweiz ist das unmöglich.» Nur für Wiesenmilch erhalte der Bauer einen halbwegs anständigen Preis. «Wer will da noch melken?» Bloss: Auch die reine Mutterkuhhaltung rentiere in der Schweiz nicht. Ein Verlustgeschäft, sagt Sahli. Denn die Aufwendungen an Zeit und Futter seien zu hoch. Deshalb setzt er auf Qualität statt Menge.

Trotz den vielen Tieren auf dem Hof – Sahli hat neben Kühen, Rindern und Schweinen auch Bienen, drei Esel und 20 Geissen – betreibt Sahli hauptsächlich Ackerbau. Er bewirtschaftet 20 Hektaren Getreidefläche; auf drei davon baut er Kartoffeln und Gemüse an, pflegt Wald und Grün- und Ackerflächen in einem Umfang, der ungefähr fünfzig Fussballfeldern entspricht.

Vorteil für die Agglomeration

Fritz Sahli trägt kein Klumpenrisiko wie etwa ein Milchbauer. Dafür muss er seine Ware selbst vermarkten und absetzen. Schon vor 20 Jahren, als Bio noch wenig populär war, baute er sich ein Netzwerk von Läden und Restaurants auf, die seine Ware verkaufen. Die Nähe zur Stadt Bern, die nur 10 Autominuten entfernt ist, sei ein Vorteil. Ein zahlungskräftiges Publikum, das umweltbewusst isst – Bio eben.

Sahli ist überzeugt, dass sein Modell zwar nicht für alle, aber für viele Betriebe funktionieren würde. Nur was bedeutet es, wenn die Bauern nur noch auf Qualität setzen? Können sich in der Konsequenz bald nur noch reiche Leute Fleisch leisten? «Wer sagt denn, dass wir jeden Tag Fleisch essen müssen?», fragt Sahli. «Lieber ein Mal die Woche, dafür gutes Fleisch.» Und was, wenn nun die Zölle herabgesetzt werden und mehr ausländisches Fleisch auf den Markt kommt? «Mir ist das egal, wenn die Grenzen sich öffnen. Auf die Politik will ich mich sowieso nicht verlassen.» Was ihn hingegen ärgert, ist die Inkonsequenz. «Wenn wir den Markt öffnen, dann auch für Dienstleistungsberufe, für Geometer und Notare.» Die Schweizer profitierten von viel höheren Löhnen, seien aber nicht bereit, etwas mehr für ihr Essen auszugeben.

Zudem sollen die Bauern mehr machen dürfen, die Regeln seien zu streng. Er habe Glück gehabt, sagt Sahli. Da sein Hof nicht in einer reinen Landwirtschafts-, sondern in einer Sonderzone liegt, konnte er bauen. Er wolle nicht klagen, sein Hof erwirtschafte rund eine Million Franken Umsatz. Doch viel bleibe ihm nicht. Er nennt seinen Hof ein KMU und verweist auf die Löhne, die er zahlen muss. Die tiergerechte und ökologische Landwirtschaft fördert auch der Bund, Sahli erhält 100000 Franken Direktzahlungen. Trotz hoher Verschuldung kann er weiter investieren.

Fritz Sahli sagt, er könne auch ohne das Geld des Bundes gut leben. Sein Hof funktioniert relativ autonom. Die Felder düngt er mit eigenem Mist, den er mit Kompost anreichert. Den von den Solar-Panels auf den Dächern produzierten Strom verkauft er. Für Elektroautos hat er eine Tankstelle eingerichtet. Nur für seine Hühner und Schweine kauft er 40 Tonnen Futter zu.

Anna Wanner

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