LEBENSÜBERGÄNGE: Gebetsmantel und ein Laptop

Ydan Ripphausen aus Zug hat Grund zur Freude: Morgen feiert er Bar-Mizwa, das jüdische Fest zur religiösen Mündigkeit. Das bedeutet eine grosse Premiere.

Benno Bühlmann
Drucken
Teilen
Der Zuger Ydan Ripphausen bereitet sich auf seine Bar-Mizwa vor. (Archivbild) (Bild: Neue LZ / Archiv)

Der Zuger Ydan Ripphausen bereitet sich auf seine Bar-Mizwa vor. (Archivbild) (Bild: Neue LZ / Archiv)

13-jährige Ydan Ripphausen sitzt in der Bibliothek der Israelitischen Cultusgemeinde in Zürich und betrachtet konzentriert die fremdartigen Schriftzeichen eines Textes aus der Thora, dem heiligen Buch der Juden. Es handelt sich um die fünf Bücher Mose, die auch für die Christen von Bedeutung sind. Allerdings wären die mehrheitlich christlichen Schulkollegen von Ydan kaum in der Lage, den entsprechenden Wochenabschnitt aus der Bibel zu entziffern: schön verzierte hebräische Buchstaben, von rechts nach links geschrieben und nur aus Konsonanten bestehend, sodass die dazugehörigen Vokale aus dem Gedächtnis «abgerufen» werden müssen.

Grosser Auftritt in der Synagoge

Das Vortragen des schwierigen Textes stellt für einen Sechstklässler eine echte Herausforderung dar. Doch Ydan scheint keinerlei Probleme damit zu haben: Mit beachtlicher Souveränität trägt er singend eine längere Passage aus der hebräischen Bibel vor. Sein Religionslehrer Daniel Spitzer hört aufmerksam zu und meint dann mit sichtlichem Stolz, dass ihm der grosse Lerneifer seines Schülers viel Freude bereite. «Wir haben ein halbes Jahr fleissig geübt und sehen nun, dass Ydan für seinen grossen Auftritt in der Synagoge gut vorbereitet ist.»

Es sei wichtig, dass sich die Jugendlichen sicher fühlten und das bevorstehende Fest ohne Stress erleben und geniessen könnten. Ydan Ripphausen gesteht zwar, dass «ein wenig Aufregung » dazugehört, doch die Vorfreude sei gross: «Es ist ein besonderes Erlebnis, zum ersten Mal vor über 200 Leuten aus der Thora vorlesen zu können.»

Religiös mündig mit 12 oder 13

Als Bar-Mizwa (Sohn der Pflicht) wird im Judentum bei den Knaben die religiöse Mündigkeit bezeichnet, während bei Mädchen von «Bat- Mizwa» (Tochter der Pflicht) die Rede ist. Knaben erreichen sie im Alter von dreizehn Jahren, Mädchen im Alter von zwölf Jahren. Das heute übliche religiöse Zeremoniell war aber nicht schon immer Bestandteil der jüdischen Tradition, sondern ist für die Jungen erst im 14. und für die Mädchen im 20. Jahrhundert entstanden. Das Fest ist vergleichbar mit der christlichen Firmung oder Konfirmation, wobei im Judentum die einzelne Person im Zentrum steht, denn das Fest wird jeweils unmittelbar nach dem Geburtstag am darauf folgenden Sabbat gefeiert.

248 Gebote und 365 Verbote

Natürlich bringt die Religionsmündigkeit Verpflichtungen, etwa die Einhaltung der 248 Gebote und der 365 Verbote, die von der Thora gelehrt werden. Zudem sollten die Knaben künftig beim Morgengebet den Gebetsmantel (Tallit) und die Gebetsriemen (Tefillin) anziehen. Ein Mädchen lernt bei seiner Vorbereitung auf die Religionsmündigkeit insbesondere die Reinheitsgebote für Haus, Nahrung und seinen Körper, weil es nach jüdischer Auffassung später für die Zubereitung koscheren Essens und die Erziehung der Kinder verantwortlich sein wird.

Für Ydan Ripphausen sind die strengen Vorschriften des Judentums nur zum Teil von Bedeutung, da er sich nicht als orthodoxer Jude versteht. Seine Eltern leben in einer interreligiösen Ehe, wie sie bei jüdischen Gläubigen in der Schweiz relativ häufig vorkommt. Sein Vater hat christliche, seine Mutter jüdische Wurzeln, und sie gestalten als Familie ihre Glaubenspraxis gemäss einem liberalen Judentum: «Wir feiern zu Hause zwar die grösseren jüdischen Feste, halten uns aber nicht an die Sabbat-Gebote oder die strengen Essensvorschriften, die für einen koscheren Haushalt gelten.» Eine Kippa, wie die Kopfbedeckung jüdischer Männer heisst, trägt Ydan nur beim Besuch des Gottesdienstes in der Synagoge.

Auch in der Schule gibt seine jüdische Religionszugehörigkeit kaum zu Diskussionen Anlass. Er fühlt sich dort gut integriert und hat seine ganze nichtjüdische Klasse zu seiner Geburtstagsparty eingeladen, die am gleichen Tag wie die Bar-Mizwa-Feier stattfindet.

Grosses Familienfest

Natürlich werden an diesem grossen Fest auch zahlreiche Verwandte teilnehmen. Die Grosseltern und die Geschwister der Mutter werden eigens aus Israel anreisen. Zudem wird im Anschluss an den Gottesdienst in der Synagoge ein besonderer Imbiss, Kiddusch genannt, für alle Anwesenden serviert. Selbstverständlich dürfen bei diesem freudigen Ereignis auch die Geschenke nicht fehlen – so beispielsweise ein Laptop, den sich Ydan sehnlichst gewünscht hat. Es gibt bei der Bar-Mizwa-Feier zwar keine Paten, aber es entspricht der Tradition, dass Ydan zu seinem Fest etliche Glückwunschkarten oder Bücher und von seinen Grosseltern einen schönen Tallit (Gebetsmantel) erhält. «Die Geschenke sind zwar nicht das Wichtigste an diesem Tag, aber sicher eine angenehme Nebenerscheinung», meint Ydan mit einem Lächeln.