LEHRLINGE: Gewerbe fordert mehr Leistung

Aktuell sind noch viele Betriebe auf der Suche nach Lehrlingen. Grund dafür sei auch das tiefe Bildungsniveau der Jugendlichen, moniert der Gewerbeverband.

Léa Wertheimer
Drucken
Teilen
Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen. Umso wichtiger ist die Leistung schon während der Schulzeit. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen. Umso wichtiger ist die Leistung schon während der Schulzeit. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Hunderte von Schülern beenden in wenigen Wochen ein Kapitel ihres Lebens: die Schulzeit. Während die einen am Gymnasium weiterhin die Schulbank drücken, wagen sich andere als Lehrling ins Berufsleben. Aktuell sind in der Zentralschweiz noch viele Lehrstellen unbesetzt, wie die «Zentralschweiz am Sonntag» berichtete, 600 Stellen davon im Kanton Luzern. Verglichen mit dem- selben Zeitraum in den vergangenen Jahren ein Rekordwert.

Trend war absehbar

Dass heute zahlreiche Unternehmen mehr Mühe bekunden, Lehrlinge zu finden, hat verschiedene Gründe. Zum einen gibt es vermehrt Firmen, die Jugendliche ausbilden. Gleichzeitig geht jedoch die Anzahl Lehrlinge zurück. Das sollte die hiesigen Unternehmen aber nicht in die Bredouille bringen, denn dieser Trend war absehbar, sagt Hans-Ulrich Bigler, Direktor Schweizerischer Gewerbeverband. «Die geburtenstarken Jahrgänge sind vorbei, also sinkt die Nachfrage nach Lehrstellen, das Angebot bleibt hingegen bestehen», schildert er die derzeitige Lage.

Für die meisten Firmen sei dies kein Problem, denn sie hätten genügend Zeit gehabt, sich darauf vorzubereiten. Ein Blick auf die Statistik zeigt, dass vornehmlich handwerkliche Lehrstellen noch frei sind. Bigler sagt, dass nun die Berufsverbände gefordert sind: «Sie müssen das Lehrstellenmarketing dringend verstärken.»

In Europa wütet die Wirtschaftskrise. Die Jugendarbeitslosigkeit steigt vielerorts markant. Erst vergangenen Freitag trafen sich die Finanz- und Arbeitsminister von Deutschland, Frankreich, Italien und Spanien, um Wege aus der vor allem im Süden extrem hohen Jugendarbeitslosigkeit zu suchen. Bigler will das Argument Krise hierzulande aber nicht gelten lassen: «In der Schweiz haben wir keine Krise.» Die Jugendarbeitslosigkeit sei mit 2,9 Prozent im europäischen Vergleich extrem tief. «Man muss den Jugendlichen zeigen, dass ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt gut sind.»

Besonders in der Baubranche sind gemäss «Zentralschweiz am Sonntag» viele Stellen unbesetzt. Grund dafür sei mitunter das tiefe Ausbildungsniveau der Schulabgänger.

Forderungen an die Kantone

Die Qualifikationen genügten teilweise nicht. Vor allem in den Basisfächern Mathematik und Deutsch hätten die Jugendlichen grosse Lücken, sagt etwa Kurt Zurfluh, Geschäftsführer der Zentralschweizerischen Baumeisterverbände. Er erhält Sukkurs vom Direktor des Schweizerischen Gewerbeverbands: «Es ist in der Tat so, dass das Bildungsniveau der Jugendlichen sinkt», bestätigt Hans-Ulrich Bigler. Er stellt deswegen klare Forderungen an die kantonalen Erziehungsdirektoren: «Sie müssen nun dringend den Lehrplan 21 vorantreiben», das Niveau müsse unbedingt ansteigen.

Der Lehrplan 21 ist ein Projekt der Deutschschweizer Erziehungsdirektorenkonferenz. Darin erarbeiten die Kantone seit Herbst 2010 für alle deutsch- und mehrsprachigen Kantone einen gemeinsamen Lehrplan für die Volksschule aus. Das reiche aber noch nicht, ist Bigler überzeugt. «Die Kantone müssen sich auf Bildungsstandards einigen.»

«Attestlehren sind keine Lösung»

Die Kantone ihrerseits beklagen sich, dass die Unternehmen nicht genügend sogenannte Attestlehren anbieten. Das sind zweijährige Ausbildungen, die besonders Schülern mit tiefen Noten zu einer Lehre verhelfen sollen. Diese verkürzten Lehren sind Hans-Ulrich Bigler ein Dorn im Auge: «Sie sind keine Lösung», sagt er vehement. Damit lasse sich das Niveau nicht steigern.

Man orientiere sich dabei an den schwächeren Schülern, statt die Jugendlichen darauf aufmerksam zu machen, dass ihre Qualifikationen ausschlaggebend sind für ihre Chancen. «Die Anforderungen auf dem Arbeitsmarkt steigen. Der humanitäre Bildungsauftrag darf nicht weiter als Ausrede dienen.»

Ursprünglich seien diese verkürzten Lehren abgeschafft worden, erklärt Bigler weiter – um wieder eingeführt zu werden, als die geburtenstarken Jahrgänge in die Lehre kamen und das Lehrstellenangebot zu klein war. «Sie waren eine Notlösung und damals auch angebracht.» Nun sei es an der Zeit, das wieder zu korrigieren und diese Attestlehren wieder abzuschaffen.

SVP fordert mehr Disziplin

Auch die SVP kritisierte an ihrem Sonderparteitag vom vergangenen Samstag das tiefe Niveau der Schweizer Schüler und stellt klare Forderungen. «Statt Leistung und Disziplin herrscht Wellnesspädagogik in den Schulzimmern», kritisiert der Nidwaldner Nationalrat Peter Keller, selbst Lehrer. «Aber irgendwann verlassen die Schüler ihre geschützten Schulzimmer – und kommen buchstäblich auf die Welt.» Deshalb habe sich die Schule an der Berufswelt auszurichten und nicht umgekehrt. Mit einem ganzen Katalog an Massnahmen will die Partei die Volksschule und Berufsbildung stärken.

Im Zentrum stehen dabei Schulnoten und die Förderung der Wettbewerbskultur, heisst es in einer einstimmig verabschiedeten Resolution. Besonders die Grundlagen in Mathematik und Deutsch müssten solide vermittelt und eingeübt werden. Zudem solle der Unterricht an der Volksschule in der am Ort vorherrschenden Landessprache stattfinden. Ausländerkinder hätten Anrecht, bis zu einem Jahr einen intensiven Sprachunterricht zu besuchen. Erst danach sollten Fremdsprachige in eine Regelklasse eingeteilt werden.