LEHRPLAN 21: «Der Lehrplan 21 ist einfach naheliegend»

Bildungsforscher Urs Moser findet es richtig, dass unter den Kantonen stärker harmonisiert wird. Von Rankings hält er hingegen gar nichts.

Interview Eveline Rutz
Drucken
Teilen
Nicht mehr ganz so bunt wie ein Satz Farbstifte: Der Lehrplan 21 soll unter anderem verschiedene Lehrpläne der Kantone koordinieren (Symbolbild). (Bild: Keystone)

Nicht mehr ganz so bunt wie ein Satz Farbstifte: Der Lehrplan 21 soll unter anderem verschiedene Lehrpläne der Kantone koordinieren (Symbolbild). (Bild: Keystone)

Herr Moser, wird der Lehrplan 21 den Bedürfnissen der heutigen Gesellschaft besser gerecht als frühere Standards?

Urs Moser*: Ich finde schon, ja. Eine gewisse Koordination unter den Kantonen ist absolut sinnvoll und kommt der Bevölkerung entgegen. Insofern stellt der neue Lehrplan keine Revolution dar; er ist einfach naheliegend. Weil er konkreter formuliert ist, versteht nun auch ein Laie eher, was ein Schüler können muss.

Computerkenntnisse werden immer wichtiger. Wie sie geschult werden sollen, ist umstritten. Welcher Weg ist der richtige?

Moser: Das ist schwierig zu beantworten. Ich verstehe die Forderung der Informatiker, dass mehr als nur Anwenderkenntnisse vermittelt werden sollen. Ob das heisst, dass die Schüler auch programmieren lernen sollen, kann man diskutieren. So oder so muss der Bereich einen angemessenen Stellenwert erhalten.

Im Zentrum des neuen Lehrplans stehen nicht der Schulstoff, sondern die Kompetenzen, welche die Schüler erwerben sollen. Was bringt dieser Perspektivenwechsel?

Moser: Für die Lehrerinnen und Lehrer ist dies eine wertvolle Orientierungshilfe. Sie haben beispielsweise nicht mehr bloss den Auftrag, Bruchrechnen zu vermitteln. Der Lehrplan gibt ihnen nun detailliert vor, welche Fähigkeiten die Schüler erwerben müssen. Die Kompetenzstufen erleichtern es zudem schweizweit, die Schüler zu beurteilen.

Es wird einfacher werden, Leistungen interkantonal zu vergleichen. Führt

dies nicht automatisch zu Rankings?

Moser: Überhaupt nicht. Rankings sind in der Schweiz verpönt. Sie bringen in der Bildung wenig, da sie zu wenig aussagekräftig sind. Daher habe ich auch keine Angst, dass Lehrer und Wissenschaftler das Monitoring falsch einsetzen werden. Nicht zuletzt schrecken negative Beispiele aus dem Ausland davon ab.

Woran denken Sie?

Moser: Es bringt nichts, wie in den USA Schulen miteinander zu vergleichen, weil sie je nach Bevölkerungszusammensetzung ganz unterschiedliche Lehr-/Lern-Voraussetzungen vorfinden. Was die Schüler wissen und können, hängt zu einem grossen Teil auch vom Elternhaus ab. Es ist zwar wichtig zu wissen, ob die Ziele des Lehrplans erreicht werden. Dazu braucht es aber keine Rankings.

Sind die Lehrpersonen noch frei genug, den Unterricht nach ihren Vorstellungen zu gestalten?

Moser: Absolut. Es werden ja keine Methoden vorgeschrieben. Zudem muss sich der Lehrplan erst in der Praxis durchsetzen, um nicht wirkungslos zu bleiben. Weil er konkreter ist als frühere Lehrpläne hat er gute Chancen, dass er auch genutzt werden wird. Bislang haben sich die Lehrerinnen und Lehrer in erster Linie auf die Lehrmittel gestützt.

Führt der Lehrplan 21 zu Änderungen in der Lehrerausbildung?

Moser: Die Fachdidaktik – also die Frage, wie man den Schulstoff vermittelt – wird an Bedeutung gewinnen. Sie ist für den Lernerfolg ganz zentral.

Welche Hürden gilt es bei der Einführung des Lehrplans 21 zu meistern?

Moser: Grosse Hürden! Ein Knackpunkt sind etwa die Stundenzahlen, die zurzeit noch kantonal sehr unterschiedlich sind. Da sind die Kantone zwar frei, aber es wird zu Diskussionen über die notwendigen Stundenzahlen kommen, damit die festgelegten Kompetenzen erreicht werden können. Hinzu kommt, dass verschiedene Bereiche wie der Informatikunterricht umstritten sind.

Sie haben die Koordination unter den Kantonen als Pluspunkt erwähnt. Weshalb ist diese Harmonisierung wichtig?

Moser: Ein Kanton ist im Bildungswesen keine relevante Grösse. Ich wüsste nicht, weshalb in Zürich andere Ziele erreicht werden sollen als in der Ost- oder in der Zentralschweiz. Mathematik zum Beispiel ist weltweit hochgradig standardisiert. Auch in Brasilien vermittelt man den Schülern nicht als Erstes, wie man Wurzeln zieht. Es wäre schwer zu verstehen, wenn man sich in der Schweiz nicht auf Lernziele einigen könnte.

Die Schweiz ist mit ihren vier Landessprachen in einer besonderen Situation. Ist die Koordination in anderen Ländern weiter fortgeschritten?

Moser: Absolut. In vielen Ländern ist das Bildungssystem zentral organisiert, was allerdings nicht besser sein muss. Als ich einmal an einem internationalen Projekt teilnahm, hatte ich als Vertreter des kleinsten Landes 20 Lehrpläne und unzählige Lehrmittel im Gepäck. Das war so viel Papier, wie die anderen Länder zusammen mitbrachten. Meine Kollegen staunten nicht schlecht.

Hinweis

*Urs Moser ist Professor am Institut für Bildungsevaluation der Universität Zürich.