LÖHNE: Bedeutet weniger Arbeit mehr Gleichheit?

Die SP wärmt die Idee der 35-Stunden-Woche auf mit einem neuen Argument: Kürzere Arbeitszeiten führten zu weniger Lohnungleichheit zwischen Frauen und Männern. Experten sind skeptisch.

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Durch die Einführung der 35-Stunden-Woche könnten sich Väter  laut der SP vermehrt ihren Kindern widmen. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Durch die Einführung der 35-Stunden-Woche könnten sich Väter laut der SP vermehrt ihren Kindern widmen. (Bild: Keystone / Gaetan Bally)

Lukas Leuzinger

Dass sich die Sozialdemokraten für kürzere Arbeitszeiten einsetzen, ist nichts Neues. Neu ist aber, dass sie dafür die Gleichstellung zwischen Frauen und Männern ins Feld führen. In einem Papier, über das an der Delegiertenversammlung in zwei Wochen abgestimmt wird, macht die Partei verschiedene Vorschläge zur Bekämpfung der Lohnungleichheit zwischen den Geschlechtern. Mit dabei: die 35-Stunden-Woche.

Eine Reduktion der Arbeitszeiten würde demnach eine bessere Vereinbarkeit von Familie und Beruf ermöglichen, heisst es in dem Massnahmenplan. «Männer können mehr Zeit für die Haus- und Familienarbeit einsetzen.» Im Gegenzug könnten Frauen vermehrt Erwerbsarbeit nachgehen. Letztlich führten kürzere Arbeitszeiten «zum Ausgleich der bezahlten und unbezahlten Arbeit», so die SP.

Nicht eins zu eins ersetzbar

Weniger Arbeit mehr Gleichheit? Der Arbeitsmarktökonom George Sheldon glaubt nicht, dass diese Gleichung aufgeht. «Dazu müsste man davon ausgehen, dass die Arbeit der Männer, die sich mehr um die Kinder kümmern, eins zu eins ersetzt werden kann durch die zusätzliche Arbeit, welche die Frauen leisten sollen.» In der Praxis zeige sich jedoch, dass Frauen, die nicht erwerbstätig seien, im Durchschnitt weniger gebildet seien als erwerbstätige Männer. Denn wer eine höhere Bildung habe, könne mehr verdienen und habe daher ein höheres Interesse, im Erwerbsleben zu bleiben.

Sheldon bezweifelt auch, dass Männer überhaupt weniger arbeiten würden. Denn 35 Stunden wäre lediglich die Regelarbeitszeit. Die Angestellten könnten weiterhin 40 oder mehr Stunden arbeiten, würden dafür aber Überstundenzuschläge erhalten. «Für Arbeitgeber könnte es unter Umständen attraktiver sein, den Leuten Überstunden zu bezahlen, anstatt neue Arbeitskräfte einzustellen», sagt der Ökonomieprofessor, der an der Universität Basel lehrt und selbst wenn die Männer tatsächlich die Arbeitszeit reduzieren würden, könnte dies laut Sheldon unerwünschte Nebeneffekte haben: «Wenn die Menschen weniger arbeiten, sinken letztlich auch ihre Einkommen.»

Dieser Meinung ist auch Ruedi Noser. «Wenn die Arbeitszeit reduziert wird und die Produktivität gleich bleibt, müssen zwingend die Löhne sinken», sagt der Zürcher FDP-Nationalrat gegenüber unserer Zeitung. In einer Zeit, in der die Unternehmen wegen der Frankenstärke die Arbeitszeit erhöhen müssen, steht der Vorschlag der SP aus seiner Sicht «völlig schräg in der Landschaft».

Lückenhafte Statistik

Laut Noser ist ohnehin unklar, wie gross die Lohnungleichheit tatsächlich ist. Gemäss der Lohnstrukturerhebung des Bundesamts für Statistik erhielten Frauen im Schnitt 18,9 Prozent weniger Lohn als Männer. Rund 60 Prozent des Unterschieds sind laut der offiziellen Erhebung durch Faktoren wie Ausbildung, Anstellungsdauer oder Anforderungsniveau des Arbeitsplatzes erklärbar. Der Rest ist nach Lesart des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Frau und Mann (EBG) auf Diskriminierung zurückzuführen.

Aus Sicht von Ruedi Noser ist die Statistik jedoch lückenhaft und blendet wichtige lohnrelevante Faktoren, wie etwa Sprachkenntnisse, aus. «Ich gehe davon aus, dass Arbeitgeber Frauen nicht diskriminieren», sagt der IT-Unternehmer. Noser hat vergangenes Jahr in einem Postulat gefordert, dass die Erhebungsmethodik überprüft wird. Der Nationalrat hat das Postulat angenommen; der Bericht soll bis Ende Jahr vorliegen.

Auch der Bundesrat hatte Nosers Postulat zugestimmt. Nichtsdestotrotz schlug er kurze Zeit später, im Oktober, vor, gesetzlich gegen Lohndiskriminierung vorzugehen. Unternehmen mit mehr als 50 Angestellten sollen künftig verpflichtet werden, regelmässig Lohnanalysen durchzuführen.

Lohngleichheit als Vorwand

Die Berner GLP-Nationalrätin Kathrin Bertschy ist derweil ebenfalls der Meinung, dass Lohndiskriminierung bekämpft werden muss. «Es gibt aber sehr viel sinnvollere Massnahmen als die 35-Stunden-Woche», sagt die Ökonomin, die sich auch beruflich intensiv mit Lohngleichheit beschäftigt hat. Allenfalls gebe es einen minimen indirekten Effekt, da, wenn Männer weniger arbeiten würden, die Arbeit von Frauen an Bedeutung gewänne was sich auch im Lohn widerspiegeln würde. Bertschy vermutet allerdings, dass die SP die Lohngleichheit in erster Linie als Vorwand verwendet, um das politische Ziel der 35-Stunden-Woche voranzubringen.

Nichtsdestotrotz enthalte das SP-Papier auch vielversprechende Vorschläge, sagt Bertschy. Namentlich nennt sie die Schaffung von Lohntransparenz sowie die bessere Vereinbarkeit von Beruf und Familie.