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LÖHNE: Der Lohnkuchen wird ungerecht verteilt

In seinem Ver­teilungsbericht beobachtet der Gewerkschaftsbund eine aufgehende Einkommens- und Vermögensschere. Professor David Dorn zu den Gründen.
Interview Daniel Zulauf
Wer kriegt welches Stück vom Kuchen? Laut Gewerkschaftsbund ist das, was unter dem Strich zum Leben bleibt, immer noch ungerecht verteilt. (Bild: Keystone/Elisabeth Real)

Wer kriegt welches Stück vom Kuchen? Laut Gewerkschaftsbund ist das, was unter dem Strich zum Leben bleibt, immer noch ungerecht verteilt. (Bild: Keystone/Elisabeth Real)

Interview Daniel Zulauf

David Dorn, der Gewerkschaftsbund stellt einmal mehr fest: Die Löhne in der Schweiz klaffen zu weit auseinander. Wo liegt das Hauptproblem?

David Dorn: Die zunehmende Lohnungleichheit lässt sich in der Schweiz wie auch in vielen anderen westlichen Ländern beobachten. Weil das ein allgemeines Phänomen ist, geht man davon aus, dass die Ursachen einerseits der tech­nologische Wandel und andererseits die Globalisierung sein müssen. Die Löhne der Arbeitnehmer im mittleren und unteren Lohnsegment kämen demnach stärker durch Automatisierung unter Druck, während gut verdienende, gut ausgebildete Arbeitnehmer von diesen Entwicklungen profitieren können.

Müssen wir uns in der Schweiz punkto Lohnungleichheit besonders viele Sorgen machen?

Dorn: Die Zunahme der Lohnungleichheit in der Schweiz fällt beispielsweise im Vergleich zu Grossbritannien oder zu den USA deutlich schwächer aus. Vielleicht hat das auch damit zu tun, dass im Unterschied zu den genannten Ländern der Industriesektor in der Schweiz deutlich weniger stark geschrumpft ist in den vergangenen Jahrzehnten. Dieser Deindustrialisierung sind etwa in den USA viele relativ gut bezahlte Arbeitsstellen zum Opfer gefallen. In der Schweiz sind die Löhne auch in den tiefsten Kategorien gestiegen, was etwa im Vergleich zu Deutschland ein deutlich besseres Ergebnis darstellt.

Profitiert denn auch der Produktionsfaktor Kapital auf Kosten der Arbeit?

Dorn: Man kann in vielen westlichen Ländern seit vielleicht zwei Jahrzehnten einen Rückgang des Anteils der Arbeit am Gesamteinkommen feststellen.

Es profitieren also nicht nur Spitzenverdiener, sondern auch Aktionäre, Unternehmer, Wertpapierbesitzer oder Grundeigentümer.

Dorn: Genau. Und nicht zu vergessen sind die Leute mit Pensionskassenguthaben.

Würden Sie demnach dem Gewerkschaftsbund zustimmen, wenn er einen direkten Zusammenhang zwischen der hohen Vermögenskonzentration und der Lohnentwicklung herstellt?

Dorn: Die Vermögenskonzentration in der Schweiz ist nach meinem Wissensstand über das ganze letzte Jahrhundert hinweg relativ konstant geblieben. Allerdings ist die Basis an Vermögensdaten dürftig. In der Schweiz werden nicht besteuerte Vermögenswerte – wie zum Beispiel die für viele Leute sehr wichtigen Pensionskassenvermögen – statistisch gar nicht erfasst.

Der Gewerkschaftsbund stellt fest, dass nicht nur die Spitzenlöhne übermässig steigen, sondern auch die Zahl der Lohnhalbmillionäre stark zunimmt. Was ist der Grund dafür?

Dorn: Wahrscheinlich sind es die steigenden Löhne von Managern und Personen mit Spitzenfunktionen in Unternehmen. Bei dieser Gruppe spielen auch Boni und Aktienoptionen eine wichtige Rolle in den Löhnen. Es gibt unterschiedliche Forschungsergebnisse zur Frage, inwieweit der Anstieg dieser Spitzenlöhne tatsächlich gerechtfertigt ist. Es gibt das Argument, dass die Manager in der globalisierten Welt grössere Firmen führen können und deshalb ein Lohnanstieg gerechtfertigt ist. Es gibt aber auch das Argument, dass diese Personen Löhne aushandeln können, die in einem Missverhältnis zur geleisteten Wertschöpfung stehen.

Der Gewerkschaftsbund sagt, die Datengrundlage bei den Löhnen in der Schweiz sei für eine vernünftige Diskussion über die Verteilung ungenügend. Hat er Recht?

Dorn: Die Hauptschwierigkeit liegt bei den Spitzenlöhnen, die über Stichproben nur schwer erfasst werden können. Für das Gros der Arbeitnehmer sind die Lohnstatistiken aber recht zuverlässig.

In der Theorie bestimmt die Entwicklung der Produktivität die Lohnentwicklung. Ist das auch in der Realität der Fall?

Dorn: Entscheidend für das Lohnniveau ist das Verhältnis zwischen angebotener und nachgefragter Arbeit. Wenn die Produktivität, der Ausstoss pro Mitarbeiter, steigt, dann erhöht dies zwar die Nachfrage nach Arbeit, weil jeder zusätzlich eingestellte Mitarbeiter dem Unternehmen einen Mehrwert bringt. Aber es gibt andere Faktoren, die das Zusammenspiel von Angebot und Nachfrage beeinflussen. Zum Beispiel kann es sein, dass der Frankenschock die Nachfrage nach Arbeit dämpft, weil die Firmen ihre Produkte nicht mehr so leicht verkaufen können. Es kann aber auch sein, dass sich das Arbeitsangebot verändert, zum Beispiel durch Zuwanderung oder durch Änderungen beim Bildungsniveau. Die Forschung zeigt allerdings auch, dass sich eine steigende Produktivität in höheren Löhnen niederschlägt.

ZUR PERSON

David Dorn (37) ist Professor für internationalen Handel und Arbeitsmarkt an der Universität Zürich. Er hat in seiner Forschungstätigkeit die Auswirkungen des technologischen Wandels auf die Arbeitsmärkte untersucht.

Der Lohnkuchen wird ungerecht verteilt

Verteilungsberichtsda. Unter dem Strich haben Niedrigverdiener kaum mehr Geld zur Verfügung als vor 14 Jahren – ganz im Gegensatz zu Topverdienern. Zu diesem Schluss kommt der Gewerkschaftsbund. Dafür verantwortlich macht er die Politik: Während die Ärmeren unter den Krankenkassenprämien ächzten, seien Steuern für Reiche gesenkt worden.

<p>In seinem vierten Verteilungsbericht beobachtet der Schweizerische Gewerkschaftsbund (SGB) weiterhin eine aufgehende Einkommens- und Vermögensschere. Die Hoffnung, dass nach der Finanzkrise die Lohnexzesse der Topverdiener korrigiert würden, habe sich zerschlagen, sagte SGB-Ökonom Daniel Lampart gestern Mittwoch vor den Medien in Bern. Zwar seien auch die tiefen und mittleren Löhne gestiegen. Doch die höheren Abgaben hätten die Lohnerhöhungen fast vollständig weggefressen.

Gemäss Lamparts Berechnungen haben Verheiratete mit zwei Kindern der untersten Einkommensklasse nach Ausgaben wie Miete und Krankenkassenprämien 40 Franken monatlich mehr zur Verfügung. Bei Alleinstehenden sind es gar 40 Franken weniger. Familien mit mittleren Löhnen haben unter dem Strich 320 Franken mehr zur Verfügung. Familien der Lohnklasse der obersten 10 Prozent hingegen haben gemäss dem Verteilungsbericht heute fast 3000 Franken mehr in der Tasche pro Monat.

Prämien drücken auf die Budgets


Der Gewerkschaftsbund sieht den Grund dafür in einer &laquo;unsozialen Steuer- und Abgabepolitik&raquo;. Das Hauptproblem seien die Krankenkassenprämien, sagte Lampart. Seit der Einführung des Krankenversicherungsobligatoriums hätten sich die Prämien beinahe verdoppelt. Die Prämienverbilligungen hätten mit einer Zunahme von durchschnittlich 35 Prozent damit nicht Schritt gehalten. In den letzten Jahren sind sie laut Lampart wegen der kantonalen Sparmassnahmen sogar leicht gesunken. Darunter litten die tiefen und mittleren Einkommen besonders stark.

Nach den Berechnungen des SGB-Ökonomen hat eine vierköpfige Familie mit tiefem Einkommen im Jahr 2000 noch rund 6 Prozent ihres Einkommens für Prämien ausgegeben. Heute seien es 11 Prozent. Besonders stark ins Gewicht fallen die Prämien bei Familien mit jungen Erwachsenen in Ausbildung. Bei einer Familie mit zwei Kindern in der Lehre oder im Studium müssten fast 14 Prozent des Einkommens für Prämien aufgewendet werden.

Das beim Systemwechsel im Krankenversicherungsgesetz 1996 deklarierte Ziel, dass Haushalte nicht mehr als 8 Prozent ihres steuerbaren Einkommens für Prämien aufwenden sollten, &laquo;rückt für immer mehr Haushalte in immer weitere Ferne&raquo;, sagte SGB-Präsident Paul Rechsteiner. Er fordert, Bund und Kantone müssten die Prämienverbilligungen um rund 2 Milliarden Franken pro Jahr aufstocken, damit maximal 10 Prozent des Nettoeinkommens für Krankenkassenprämien bezahlt werden müssen. Das liege im Bereich dessen, was realistisch sei.

Schwächere Steuerprogression

Als Grund für die Einkommens- und Vermögensschere gibt der SGB zudem die Steuersenkungen an. Die obersten 10 Prozent trügen im Vergleich zu 2000 heute als Einzige weniger zur Finanzierung der öffentlichen Hand und der Sozialversicherungen bei, sagte Lampart. Durch Steuersenkungen, Tarifsenkungen für die oberen Einkommen, Entlastungsmassnahmen für Familien sowie die Unternehmenssteuerreform habe sich die Steuerprogression abgeschwächt, vor allem bei den Alleinstehenden. Dazu komme, dass Spitzenverdiener meist in steuergünstigen Gemeinden wohnten, was sogar zu einer degressiven Steuerbelastung führe, sagte Lampart.

Einen Kontrapunkt bildet laut SGB die AHV. Dank ihrer solidarischen Finanzierung wirke sie stark ausgleichend. Wenn die Schweizer Bevölkerung statt über die AHV privat für eine Rente in dieser Höhe vorsorgen müsste, wären Gering- und Mittelverdiener laut den SGB-Berechnungen stark zusätzlich belastet, die Topverdiener hingegen entlastet.

Der SGB-Präsident warb für ein Ja zur Initiative AHV plus, die eine Erhöhung der AHV-Renten um 10 Prozent fordert. Dies diene nicht nur den Älteren, sondern vor allem den Jüngeren. Diese müssten sonst viel mehr Geld für den Aufbau ihrer Altersvorsorge ausgeben.

David Dorn (37) ist Professor für internationalen Handel und Arbeitsmarkt an der Universität Zürich. Er hat in seiner Forschungstätigkeit die Auswirkungen des technologischen Wandels auf die Arbeitsmärkte untersucht. (Bild: pd)

David Dorn (37) ist Professor für internationalen Handel und Arbeitsmarkt an der Universität Zürich. Er hat in seiner Forschungstätigkeit die Auswirkungen des technologischen Wandels auf die Arbeitsmärkte untersucht. (Bild: pd)

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