LUFTFAHRT: Ärzte stemmen sich gegen Meldepflicht

Piloten könnten sich vor Untersuchungen drücken, wenn der Arzt den Behörden eine Krankheit melden muss: Dies fürchtet der Präsident der Schweizer Ärzteverbindung.

Kari Kälin
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Berufspiloten müssen zwar jährlich einen Gesundheitscheck bei einem Fliegerarzt machen. Ihre Vertrauensärzte hingegen können gesundheitliche Probleme nicht den Behörden melden – anders als etwa bei Lokomotivführern oder Buschauffeuren. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Berufspiloten müssen zwar jährlich einen Gesundheitscheck bei einem Fliegerarzt machen. Ihre Vertrauensärzte hingegen können gesundheitliche Probleme nicht den Behörden melden – anders als etwa bei Lokomotivführern oder Buschauffeuren. (Bild: Keystone/Christian Beutler)

Kari Kälin

Andreas L. war offenbar gar nicht flugfähig. Laut Medienberichten fanden Ermittler in seiner Wohnung zerrissene Arzt-Atteste. Der 27-jährige Copilot, der letzte Woche vermutlich mit voller Absicht einen Germanwings-Airbus gegen eine Felswand in den französischen Alpen steuerte und 149 Menschen mit in den Tod riss, verschleierte seinem Arbeitgeber, dass er an Sehstörungen und psychischen Problemen litt. Zudem war er vor mehreren Jahren wegen möglicher Suizidgefährdung in psychiatrischer Behandlung (siehe Kasten).

Stellt ein Hausarzt fest, dass zum Beispiel ein Fahrzeuglenker medizinische Probleme hat, die seine Fahrfähigkeit in Frage stellen, kann er das Verkehrsamt in seinem Kanton informieren. Dieses hat die Möglichkeit, der gesundheitlich angeschlagenen Person den Ausweis zu entziehen. Anders als im Strassenverkehrs- fehlt im Zivilluftfahrtsgesetz ein Melderecht für Ärzte. Sie können den zuständigen Behörden, im Falle der Fliegerei dem Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl), nur eine Meldung erstatten, falls sie durch den Patienten oder den Kantonsarzt vom Berufsgeheimnis respektive der Schweigepflicht entbunden werden. Alarm schlagen darf ein Arzt auch dann, wenn sich eine unmittelbare Gefahr anders nicht mehr abwenden lässt. Das wäre etwa im (unwahrscheinlichen) Fall möglich, dass ein Pilot seinem Hausarzt mitteilt, er werde demnächst ein Flugzeug absichtlich abstürzen lassen.

Warnung vor Aktionismus

Jürg Schlup ist Präsident der Schweizer Ärzteverbindung FMH. Für ihn ist klar: Gleich wie bei Berufschauffeuren sollten Ärzte auch bei Berufspiloten die Möglichkeit haben, die Behörden über gesundheitliche Probleme ins Bild zu setzen. «Der Gesetzgeber muss sich überlegen, bei den Piloten ein vereinfachtes Melderecht einzuführen», sagte er in der «Sonntagszeitung. Eine Meldepflicht hingegen lehnt Schlup ab. «Das könnte dazu führen, dass sich gesundheitlich angeschlagene Piloten aus Angst, ihre Lizenz zu verlieren, nicht mehr beim Arzt melden.»

Einzelne Politiker haben in der Sonntagspresse derweil bereits eine Meldepflicht ins Spiel gebracht. Der Luzerner FDP-Ständerat Georges Theiler, Mitglied der verkehrspolitischen Kommission, hegt diesbezüglich die gleichen Bedenken wie FMH-Präsident Jürg Schlup. Und: «Wir müssen aufpassen, dass wir nicht nach jedem Vorfall nach einer neuen gesetzlichen Regelung schreien», sagt er. Auch das Bazl will nicht «wegen eines Einzelfalls in Aktionismus verfallen», wie Sprecher Urs Holder­egger sagt. Es werde aber prüfen, ob sich nach dem absichtlich herbeigeführten Absturz Massnahmen aufdrängten. Gut möglich ist auch, dass sich die Europäische Agentur für Flug­sicherheit (Easa), an der auch die Schweiz beteiligt ist, des Themas annehmen wird. Die Schweiz übernimmt die Regeln der Easa automatisch.

Man setzt auf Eigenverantwortung

Grundsätzlich setzt man in der Fliegerei auf Eigenverantwortung. Weltweit gilt der Standard, dass Piloten gesundheitliche Probleme von sich aus ihrem Arbeitgeber mitteilen müssen. Der Arbeitnehmer hat also eine Bringschuld.

In der Schweiz werden Linienpiloten zudem mindestens einmal jährlich zu einem Gesundheitscheck bei einem Fliegerarzt des Bazl aufgeboten. Stellt dieser eine Krankheit fest, mit der sich der Pilot besser nicht ins Cockpit setzt, (unfit to fly), muss er dies dem Bazl mitteilen. Laut Experten verlieren Piloten ihre Lizenz nach dem Check beim Fliegerarzt nur in Ausnahmefällen. Dabei handelt es sich tendenziell eher um Privat- als um Berufspiloten. Oft ist ein Grund für den Entzug der Lizenz eine schwächere Sehkraft.

Nicht nur Piloten transportieren täglich Tausende Menschen. Auch Lokomotivführer oder Buschauffeure tragen eine riesige Verantwortung für die Sicherheit ihrer Passagiere. Entsprechend werden auch sie immer wieder auf Herz und Nieren geprüft.

Lokomotivführer alle 5 Jahre geprüft

Sämtliche Eisenbahnbetriebe müssen ihre Lokomotivführer mindestens alle fünf Jahre zum Gesundheitscheck schicken. Dies schreibt das Bundesamt für Verkehr vor. Wenn ein Vertrauensarzt feststellt, dass ein Lokomotivführer ein ernsthaftes medizinisches Problem hat, muss er dessen Arbeitgeber über die Fahruntauglichkeit informieren. Um was für eine Krankheit es sich handelt, darf der Vertrauensarzt jedoch nicht mitteilen. Dies ist Sache des Angestellten. Laut SBB-Sprecher Reto Schärli kommt es selten vor, dass ein Lokomotivführer wegen einer ärztlichen Meldung ausfällt oder seinen Beruf aufgeben muss.

VBL setzen auf Prävention

Eine Gesundheitscheck-Pflicht existiert auch im Strassenverkehr. Taxifahrer, Bus- oder Lastwagenchauffeure müssen regelmässig beim Vertrauensarzt der Strassenverkehrsämter antraben. Dieser ist verpflichtet, die Verkehrsämter über gesundheitliche Probleme, die die Fahrtüchtigkeit in Frage stellen, zu orientieren. Den Entscheid über einen Ausweisentzug hat dann das Verkehrsamt zu treffen. Wie bei den SBB fallen auch bei der Verkehrsbetriebe Luzern AG (VBL) nur in Ausnahmefällen Chauffeure aus, weil sie einen Gesundheitstest nicht bestehen. Die VBL setzten zudem auf Prävention. «In unseren Weiterbildungskursen werden die Chauffeure immer wieder darauf aufmerksam gemacht, welche Verantwortung sie übernehmen und dass sie im Zweifelsfall lieber von sich aus auf einen Einsatz verzichten sollen», sagt VBL-Sprecher Christian Bertschi. Die Sicherheit habe Vorrang. Erst kürzlich pausierte eine Busfahrerin nach einem Unfall mit Todesfolge am Pilatusplatz nach Absprache mit Fachpersonen für einige Tage. Unterdessen ist sie wieder im Dienst. ­