LUFTFAHRT: Grünes Licht für Heliskiing

Nach 14 Jahren bricht der Bund die Überprüfung der Gebirgslandeplätze plötzlich ab. Somit bleibt Heliskiing in der Schweiz unangetastet – die Alpenschutz- verbände sind enttäuscht.

Lukas Scharpf
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Solche Szenen werden auch in der Schweiz weiterhin möglich sein: Ein Skifahrer startet vom Helikopter aus seine Abfahrt (Symbolbild). (Bild: PD)

Solche Szenen werden auch in der Schweiz weiterhin möglich sein: Ein Skifahrer startet vom Helikopter aus seine Abfahrt (Symbolbild). (Bild: PD)

«Es ist ein schwarzer Tag», sagt Katharina Conradin von Mountain Wilderness. Die Organisation setzt sich dafür ein, dass Heliskiing in der Schweiz generell verboten wird. So wie in Frankreich oder Deutschland. Wegen Bedenken von Natur- und Landschaftsschützern startete der Bund im Jahr 2000 eine Überprüfung aller 42 Gebirgslandeplätze, die angeflogen werden. Nach 14 Jahren und kumulierten Kosten in geschätzter Millionenhöhe bricht das zuständige Bundesamt für Zivilluftfahrt (Bazl) das Projekt ab. Es bestünden «unüberbrückbare Differenzen» zwischen den involvierten Parteien.

Zwei Landeplätze weniger

Beim Heliskiing prallen wirtschaftliche Interessen der Anbieter und Tourismusverbände in den Bergregionen auf Bedenken von Natur- und Landschaftsschützern, aber auch Bergsportlern, die sich für eine «lärmfreie Bergwelt» einsetzen. Die Anbieter argumentieren, dass mit Heliskiing ihre Piloten für Rettungseinsätze wichtige Flugstunden erfüllen können. Der Entscheid des Bazl zementiert den Status quo. Einschränkungen gibt es praktisch keine. Als einziges Zugeständnis entscheidet das Bazl, die Anzahl der Plätze von 42 auf 40 zu reduzieren. Welche wegfallen, ist noch offen. Die Mehrheit der Plätze liegen in den Walliser, Berner und Bündner Alpen. In der Zentralschweiz ist es einer, auf dem Hüfifirn im Kanton Uri.

Für Katharina Conradin, Geschäftsleiterin von Mountain Wilderness, ist der Entscheid ein Skandal. «Das Bazl ist seit langem überfordert und versucht nicht, eine Lösung zu finden», kritisiert sie scharf. Der Bund habe beim geringsten Widerstand aufgegeben. Conradin weiter: «Aus unserer Sicht ist der ganze Prozess ein Armutszeugnis für das federführende Bundesamt.» Der Verband der Anbieter von Helikopterflügen (SAH) hingegen begrüsst, wenig überraschend, den Entscheid.

Dialog des SAC

Enttäuscht ist auch der Schweizer Alpen-Club (SAC). Die Position des grössten Bergsportverbandes der Schweiz ist differenzierter als die von Mountain Wilderness. Einzelne Sektionen, wie in Zermatt, sind für Heliskiing. Andere wollen ebenfalls ein Verbot. «Unser Ziel war eine Lenkung und Beschränkung von Heliskiing», sagt Ursula Schüpbach, Bereichsleiterin Umwelt des SAC. «Es stimmt nicht, dass es unüberbrückbare Differenzen gab, wie das der Bundesrat schreibt», sagt Schüpbach weiter. Seit dem letzten Herbst führt der SAC Gespräche mit den Akteuren aus Zermatt, um eine Kompromisslösung für die Region Wallis Südost zu finden. Der konstruktive Dialog sei sehr viel versprechend, und das Bazl und das Departement für Umwelt, Verkehr, Energie und Kommunikation (Uvek) waren laut Schüpbach darüber auch informiert gewesen. «Jetzt, da wir daran sind, Konsenslösungen zu finden, bricht der Bund das Projekt ab. Das können wir nicht nachvollziehen», sagt Schüpbach.

Verbot für Monte Rosa empfohlen

Bei Wallis Südost geht es vor allem um den Gebirgslandeplatz Monte Rosa auf 4100 Metern und eine betreffende Verfügung des Bazl. Der SAC erhob 2010 Beschwerde gegen die Verfügung, weil einseitig auf die fliegerischen Interessen eingegangen wurde und die Abklärung ungenügend war. Auch Helibetreiber legten Beschwerde ein. Das Bundesverwaltungsgericht hob die Verfügung auf Ende 2011 auf und forderte ein Gutachten der Eidgenössischen Natur- und Heimatschutzkommission (ENHK). Das Gutachten liegt seit Ende 2012 vor und fordert ein Verbot des Landeplatzes Monte Rosa. Seither habe das Bazl das Dossier liegen lassen, kritisiert der SAC, und darum habe man selbst den Dialog vor Ort gestartet.

Bazl-Sprecher Urs Holderegger würdigt zwar den Dialog des SAC in Zermatt. Aber es gebe weitere umstrittene Gebiete, wo die Fronten extrem verhärtet seien. «Diese Situation dauert schon zu lange an. Wir kommen nicht vorwärts», sagt Holderegger. Deshalb habe man die Überprüfung der Gebirgslandeplätze abgebrochen und mit der neuen Aussenlandeverordnung kombiniert. Das Gutachten zum Monte Rosa ist aus Bazl-Sicht hinfällig, da die Überprüfung abgebrochen sei. Am Standort wird festgehalten.

Kompensationen im Tal

Aus Sicht des Bazl ist der gestrige Entscheid aber keine Kapitulation vor den Interessen der Helibetreiber. «Wir kommen ihnen zwar bei den Gebirgslandeplätzen entgegen», sagt Holderegger. «Dafür gibt es bei der Aussen­lande­verordnung bei nationalen Schutzgebieten klare Einschränkungen», erklärt der Bazl-Sprecher. Die enttäuschten Naturschutzverbände sollen im Tal entschädigt werden. Denn bisher konnten Helikopter unterhalb von 1100 Meter Höhe praktisch überall landen. Nun gibt es klare Einschränkungen: In Schutzgebieten mit nationaler Bedeutung wie dem Nationalpark und in Hochmoor- und Auenlandschaften wie auch Jagdbanngebieten gilt künftig ein generelles Landeverbot. Das, und andere Elemente der neuen Verordnung, wollen wiederum die Helikopterbetreiber nicht akzeptieren.

Kampfansagen von allen Seiten

Man werde sich bei der Luftfahrtgesetzgebung dafür engagieren, dass «diese wenig praktikable und unverhältnismässig einschränkende Verordnung korrigiert wird», schreibt der Verband SAH in der gestrigen Mitteilung. Auch Mountain Wilderness gibt sich noch nicht geschlagen. «Wir werden juristische Schritte gegen den Entscheid abklären und sicher politische Vorstösse machen», sagt Geschäftsleiterin Katharina Conradin.

«Wenn beide Seiten enttäuscht sind, spricht das dafür, dass wir einen Kompromiss gefunden haben», kommentiert Holderegger die Kampfansagen.