LUZERN: Behinderte besser gleichstellen

Das Internationale Menschenrechtsforum befasst sich diesmal mit den Rechten von Behinderten. Dabei wird an den Bund appelliert, die Schweiz solle ein Vorbild sein.

Aleksandra Mladenovic
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Ein Beispiel für geglückte Integration ist die Grosswäscherei Inotex in Bern. Sie hat einige Arbeitsschritte bewusst nicht automatisiert, um so für behinderte Menschen Arbeitsplätze zu schaffen. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

Ein Beispiel für geglückte Integration ist die Grosswäscherei Inotex in Bern. Sie hat einige Arbeitsschritte bewusst nicht automatisiert, um so für behinderte Menschen Arbeitsplätze zu schaffen. (Bild: Keystone/Gaetan Bally)

«Im Bereich der Gleichstellung von Behinderten sind in der Schweiz schon viele gute Projekte auf dem Weg – es ist aber wichtig, dass das Thema systematischer angegangen wird», sagt Peter Kirchschläger. Er ist Co-Leiter des Internationalen Menschenrechtsforums Luzern (IHRF), das heute und morgen stattfindet (siehe Kasten) und unter dem Thema «Menschenrechte und Menschen mit Behinderungen» steht.

UNO-Konvention im Vordergrund

Das Thema habe man aufgrund von dessen Bedeutung und der Diskussionen um die UNO-Konvention über die Rechte von Menschen mit Behinderung gewählt, so Kirchschläger. Die Schweiz hat die 2006 verabschiedete Konvention bisher weder unterzeichnet noch ratifiziert. Wie aus einer Vernehmlassung im Frühling 2011 hervorgegangen ist, lehnen FDP und SVP den Beitritt ab. Dennoch hat der Bundesrat letzten Dezember die Ratifizierung des Übereinkommens beschlossen, jedoch unter Vorbehalt der Genehmigung des Parlaments. Der Nationalrat wird sich voraussichtlich in der Sommersession damit beschäftigen, ein Entscheid dürfte frühestens in der kommenden Wintersession gefällt werden.

«Die Konvention deckt sich weit gehend mit dem schweizerischen Recht zur Gleichstellung», sagt Andreas Rieder, Leiter des Eidgenössischen Büros für die Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen, der am Menschenrechtsforum als Referent teilnimmt. «Der grosse Vorteil der Konvention ist aber, dass sie für alle Lebensbereiche konkrete Vorgaben macht.»

«Bewusstsein für Probleme fehlt»

Der «Knackpunkt» sei heute in der Schweiz, dass «das Bewusstsein für die Probleme und Barrieren von Personen mit Behinderung in der Gesellschaft fehlt», so Rieder, der grosse Hoffnungen in das Menschenrechtsforum setzt: «Hier werden verschiedenste Themen durch verschiedene Akteure aus den unterschiedlichsten Perspektiven betrachtet. Ich hoffe auf Inspiration und neue Ansätze, die wir vielleicht sogar in unsere Arbeit mit einfliessen lassen können.»

Caroline Hess, Leiterin der Fachstelle Egalité Handicap, tritt heute am Forum im Verkehrshaus als Referentin zum Thema UNO-Konvention und Schweiz auf. Auch sie führt an: «Im Falle einer Ratifizierung würde sich in der Schweiz rechtlich nichts grundsätzlich ändern. Sie nicht zu ratifizieren, wäre aber ein ganz eigenartiges Zeichen nach aussen. Die Schweiz hat hier auch eine Vorbildfunktion.» Die Konvention könne die bestehenden Rechte in der Schweiz stärken, und sie sei als konkretes Massnahmenprogramm hilfreich bei deren Umsetzung. «So etwa im Bereich von Bildung und Arbeit», sagt Hess.

Marathon für Eltern

Das Kita-Pilotprojekt in Luzern, bei dem auch behinderte und verhaltensauffällige Kinder in sechs Kindertagesstätten gemeinsam mit anderen Kindern betreut werden (Ausgabe vom 18. April), sowie andere Massnahmen würden zwar in die richtige Richtung weisen, so Hess. «Dennoch ist es für die Eltern von behinderten Kindern auch heute oft noch ein Marathon, bis sie entsprechende Anlaufstellen und passende Schulen gefunden haben.» Das gelte es zu ändern, findet auch IHRF-Co-Leiter Kirchschläger: «Es muss eine Inklusion von Personen mit Behinderungen im Bereich Bildung und Arbeit stattfinden. Dazu gehört auch ein politischer Prozess.» So fordert Kirchschläger politische Massnahmen, um bei Unternehmen Anreize für die Anstellung von behinderten Personen zu schaffen.

Beide Seiten profitieren

Im Bereich der Bildung sei die Schwierigkeit, dass die Unterstützungsmassnahmen kostenintensiv sein können. Kinder mit Behinderungen in einer Regelklasse bedürfen spezieller Betreuung. «Bei der integrativen Förderung etwa ist diese noch nicht für alle Kinder gegeben. Sind die Betreuer überlastet, entsteht ein schlechter Eindruck von dieser Massnahme», ist Kirchschläger überzeugt.

Allerdings sagt er auch: «Viele Projekte, wie das Kita-Projekt ihn Luzern, zeigen, dass bei entsprechend guter Betreuung alle voneinander profitieren – Personen mit und Personen ohne Behinderung.» So vermindere man nicht nur die Ausgrenzung – es entstehe ein natürlicher Umgang mit Behinderungen.

Forum ist öffentlich

Das neunte internationale Menschenrechtsforum, das von der Pädagogischen Hochschule Zentralschweiz (PHZ) organisiert wird, bietet Interessierten heute und morgen im Verkehrshaus Luzern und in den Räumen der PHZ Luzern diverse Referate und Workshops um das Thema «Menschenrechte und Menschen mit Behinderung». Zu den Highlights im Programm gehört das Referat von Roland McCallum, dem ehemaligen Präsidenten des UNO-Ausschusses über die Rechte von Menschen mit Behinderungen über die entsprechende UNO-Konvention und ihre weltweite Umsetzung (heute, 10.10 Uhr). Alle Programmpunkte sind öffentlich zugänglich. Der Eintritt für beide Forumstage kostet 190 Franken, für Studenten 50 Franken. Für einen Forumstag zahlt man 110 beziehungsweise 30 Franken als Student. Ein einzelner Programmpunkt kostet 30 Franken. Interessierte melden sich am Info-Desk im Verkehrshaus.

mla

Weitere Informationen gibt es im Internet unter www.ihrf.phz.ch