Magnetwirkung auch in Coronazeiten: Zuwanderung sinkt in Nachbarländern deutlich stärker als in der Schweiz

Während des Lockdowns im Frühling strömten weniger Ausländer in die Schweiz. Aber immer noch viel mehr als in andere vergleichbare Staaten. Und der Wanderungssaldo ist unterdessen sogar höher als im Vorjahr.

Kari Kälin
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Mitte Juni: Die Schweiz hebt nach dem Lockdown die Grenzkontrollen gegenüber allen EU/Efta-Staaten auf und kehrt zurück zur vollen Personenfreizügigkeit.

Mitte Juni: Die Schweiz hebt nach dem Lockdown die Grenzkontrollen gegenüber allen EU/Efta-Staaten auf und kehrt zurück zur vollen Personenfreizügigkeit.

Bild: Elia Bianchi/Keystone/TI-Press

Das Coronavirus hat die Migration gedämpft. In den Monaten April bis Juni kamen 37'485 Ausländer neu in die Schweiz. Das waren knapp 17'000 oder 31 Prozent weniger als in der Vorjahresperiode. Thomas Liebig, leitender Ökonom der Abteilung internationale Migration bei der Organisation für wirtschaftliche Entwicklung und Zusammenarbeit (OECD), sagt:

«Das ist einer der stärksten Rückgänge, die wir für die Schweiz jemals gemessen haben»

Im internationalen Vergleich wirkte die Schweiz jedoch weiterhin wie ein Magnet, wie eine Auswertung der OECD zeigt. Innerhalb dieser Organisation, zu der vorab westliche Industriestaaten gehören, sank die Zuwanderung im zweiten Quartal dieses Jahres im Durchschnitt um 72 Prozent. Auch die Nachbarländer Deutschland (-57 Prozent), Frankreich (-45 Prozent) und Österreich (-40 Prozent) verzeichneten deutlich weniger Zuwanderer.

Während des Lockdowns errichteten die Schweiz und die EU ähnliche Einreisehürden. Die Erklärung für die unterschiedlichen Migrationsflüsse ortet Liebig anderswo: «Der Anteil der Personenfreizügigkeit an der Zuwanderung in die Schweiz ist höher als in anderen europäischen Ländern.» Die Coronakrise hinterlässt zwar auch in der Schweiz heftige konjunkturelle Bremsspuren. Das Land bleibt aber auch in Zeiten der Pandemie überdurchschnittlich attraktiv. «Wir sind im internationalen Vergleich wirtschaftlich ziemlich gut durch die erste Welle gekommen. Dank dem Instrument der Kurzarbeit ist die Arbeitslosigkeit relativ moderat angestiegen», sagt Reto Föllmi, Volkswirtschaftsprofessor an der Universität St. Gallen.

Ausländer haben wegen der Pandemie überdurchschnittlich oft ihre Stelle verloren. 46 Prozent des Anstiegs der Arbeitslosigkeit entfällt auf Ausländer, wie die OECD festhält. Denn sie sind übervertreten in Branchen, die wegen Corona in Schwierigkeiten geraten sind, etwa im Gastgewerbe. Dort beträgt die Arbeitslosenquote derzeit 8,1 Prozent. Im September war das Gastgewerbe trotzdem diejenige Branche, die am zweitmeisten neue Zuwanderer aus der EU/Efta anzog.

Auswanderung stärker gebremst als Zuwanderung

Trotz Pandemie und rückläufiger Zuwanderung ist der Wanderungssaldo im September im Vergleich zum Vorjahr auf 40'690 Personen angestiegen (plus 10,3 Prozent). Die Ursache: Der Rückgang (-14,8 Prozent) bei der Auswanderung fiel noch stärker aus als jener bei der Einwanderung. In Krisenzeiten bleiben offenbar viele Ausländer lieber im sicheren Hafen Schweiz.

Wanderungssaldo in der Schweiz

2016 60'262
2017 53'221
2018 54'763
2019 55'017
2020* 40'690

Aktuell gibt es keine Reiseeinschränkungen für Arbeitskräfte aus dem Ausland. Im Frühling war das anders. Personen aus EU/Efta- und Drittstaaten durften nur noch einreisen, wenn sie vor den im März erlassenen Restriktionen eine Bewilligung erhalten hatten. Nach diversen Lockerungsetappen setzte der Bundesrat die volle Personenfreizügigkeit ab Mitte Juni wieder in Kraft. Wenig später wurden auch Gesuche für Personen aus Drittstaaten wieder bearbeitet.

Komplett verriegelt hat die Schweiz die Grenzen während des Lockdowns nie. Gesuche von EU/Efta-Staatsangehörigen, die einen systemrelevanten Beitrag zur wirtschaftlichen Landesversorgung leisten, etwa in den Bereichen Pflege, Lebensmittel oder Energie, wurden weiterhin entgegengenommen. Auch Spezialisten aus Drittstaaten wurden zugelassen, falls sie für das Gesundheitswesen unerlässlich waren oder dringende Service-Arbeiten, zum Beispiel an Kernkraftwerken, zu verrichten hatten.