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Spielball eines irren Diktators: Wie Max Göldi als Geisel die Libyen-Krise erlebte

Max Göldi wurde zwei Jahre lang vom libyschen Diktator Gaddafi festgehalten. Zehn Jahre nach der Verhaftung erzählt der Ex-ABB-Manager, wie er heimlich die Botschaft in Tripolis übernahm und welche Fluchtpläne er schmiedete.
Andreas Maurer
Nach der Freilassung wurde Max Göldi von der damaligen Bundesrätin Micheline Calmy-Rey am Flughafen Zürich empfangen. Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Kloten, 14. Juni 2010)

Nach der Freilassung wurde Max Göldi von der damaligen Bundesrätin Micheline Calmy-Rey am Flughafen Zürich empfangen. Bild: Steffen Schmidt/Keystone (Kloten, 14. Juni 2010)

Max Göldi führte sein Tagebuch auf Papiertaschentüchern, wenn er keinen Notizblock zur Hand hatte. 695 Tage sass er in Libyen fest, ein halbes Jahr verbrachte er in Gefängnissen, den Rest auf der Schweizer Botschaft in Tripolis. Jeden Tag hielt er seine Gedanken fest. Als er in seiner Zelle die Schüsse hörte, mit denen andere Insassen im Gefängnis ­exekutiert wurden, notierte er:

«In nächster Nähe werden acht oder mehr Menschen umgebracht, und ich esse seelenruhig zwei hart gekochte Eier zum Frühstück. Absolut surreal.»

In den zwei Jahren schrieb Göldi 1,5 Millionen Buchstaben. Eine Million davon veröffentlicht er jetzt in einem Buch, das sind 624 Seiten. Es ist sein Beitrag zur Aufarbeitung der Libyen-Affäre, der grössten diplomatischen Krise der jüngeren Schweizer Geschichte.

Die involvierten Politiker verspürten schon früher das Bedürfnis, ihre Sicht niederzuschreiben. Die damalige Aussenministerin Micheline Calmy-Rey, die Göldi 2010 in einem Regierungsjet heimholte, veröffentlichte 2014 ein Buch und schilderte, wie sie als einzige Frau unter 60 Männern in Gaddafis Zelt sass: «Das Gespräch beginnt harmlos, mit einigen Witzen über die Frauen. Ich drücke mich in meinen Sitz und vergesse nicht, dass ich am Schluss mit Max ­Göldi zurückkehren muss.» Ist sie die Heldin der Geschichte?

Oder gebührt die Ehre dem dama­ligen Bundespräsidenten Hans-Rudolf Merz, der vor dem Diktator in die Knie ging? Er selber schrieb 2011 in einem Gastbeitrag für «Die Zeit» und die «Weltwoche»: «Die Geschäftsprüfungskommission und teilweise die Medien beurteilen mein Vorgehen kritisch. Nach einem Hinweis, wie es anders hätte ­ablaufen sollen, sucht man im Bericht vergeblich.» Göldi schwieg derweil acht Jahre lang, wanderte nach Japan aus und begann ein neues Leben. Nun meldet er sich mit seinem Buch zurück, verrät neue Aspekte der Staatsaffäre und erklärt, wem die Heldenrolle gebührt.

Nach der Freilassung wurde Max Göldi von seiner Ehefrau Yasuko am Flughafen Zürich empfangen. Bild: Steffen Schmidt/KEY (Zürich, 14. Juni 2010)

Nach der Freilassung wurde Max Göldi von seiner Ehefrau Yasuko am Flughafen Zürich empfangen. Bild: Steffen Schmidt/KEY (Zürich, 14. Juni 2010)

Auge um Auge, Zahn um Zahn

Der Tag, den Göldis Leben für immer veränderte, war der 19. Juli 2008. Der Ingenieur leitete die Niederlassung des Technologiekonzerns ABB im Wüstenstaat. Ohne dass er etwas Böses getan hatte, geriet er in einen kafkaesken Thriller. Ein Ereignis, 1700 Kilometer entfernt, führte dazu, dass ihn drei Polizisten um zehn Uhr abends aus dem Haus klingelten und in eine Zelle steckten. In Genf hatte die Polizei vier Tage zuvor das Nobelhotel Président Wilson gestürmt. Die Kantonspolizei führte den Diktatorensohn Hannibal Gaddafi in Handschellen ab, weil er zwei Haus­angestellte misshandelt haben soll. Hannibals Schwester trat im Hotel vor die Medien, verlas eine Erklärung und sprach: «Auge um Auge, Zahn um Zahn.»

Damals realisierte die Schweiz nicht, was das Geschwätz zu bedeuten hatte. Für Göldi begann ein Albtraum, in dem er immer wieder glaubte, am nächsten Morgen sei alles vorbei und er würde freigelassen. Er wurde zum Spielball eines irren Diktators, dem die Schweizer Demokratie anfangs nichts entgegenzusetzen hatte. Zwei Jahre lang sass er fest als Vergeltung für zwei Tage Haft von Hannibal. Erst 2010, als die Schweiz Visa-Sperren für Libyens Elite im Schengen-Raum durchsetzte, wurde Gaddafi schwach.

Nach den ersten zehn Tagen Haft kam Göldi vorübergehend auf Kaution frei und wurde in der Schweizer Botschaft einquartiert, weil ihn Libyen mit einer Ausreisesperre belegt hatte. Mit zwei Diplomaten aus dem Umfeld des Schweizer Geheimdienstes schmiedete er spektakuläre Fluchtpläne. Ein Ideengeber war Jacques Pitteloud vom ­Aussendepartement, der wegen seiner Geheimdienstvergangenheit in der ­Botschaft den Spitznamen 007 trug.

Legendär waren auch die undiplomatischen Sprüche des Spitzendiplomaten. So soll er gescherzt haben, am liebsten würde er den Kanton Genf an Burkina Faso verschenken. Zwei Fluchtvarianten wurden in der Botschaft geprüft. Durch die Wüste: Göldi soll versteckt im Kofferraum eines Diplomatenfahrzeugs nach Tunesien fahren. Von dort würde 007 die Weiterreise organisieren. Oder über das Meer: Göldi soll in einem Schlauchboot Libyens 12-Meilen-Zone verlassen. Von dort würde 007 die Weiterfahrt über Italien koordinieren. Göldi favorisierte die Variante Boot, da er Angst hatte, bei einer Strassenkontrolle in Tunesien oder Ägypten vom nächsten Regime verhaftet zu werden.

Hannibal Gaddafi, Auslöser der Affäre und Sohn des Diktators, besuchte Max Göldi 2010 im libyschen Gefängnis Al-Jeida. (Bild: AP (Tripolis, 1. März 2010))

Hannibal Gaddafi, Auslöser der Affäre und Sohn des Diktators, besuchte Max Göldi 2010 im libyschen Gefängnis Al-Jeida. (Bild: AP (Tripolis, 1. März 2010))

Dass die Pläne mehr als Gedankenspiele waren, zeigten die Vorbereitungen. Pitteloud wies Göldi an, täglich zu einem Sportcamp zu fahren, um Tennis zu spielen. Die Agenten des libyschen Geheimdienstes, die in Autos vor der Botschaft Präsenz markierten und Göldi auf seinen Ausfahrten folgten, sollten daran gewöhnt werden, dass die Schweizer Crew regelmässig in einem Diplomatenauto zum Sportplatz fuhr. Dort hätte bei der sogenannten Exfiltration ein Fahrzeugtausch stattfinden können. ­Göldi schaltete zudem sein Handy von Zeit zu Zeit ab, um seine Überwacher an Unterbrüche zu gewöhnen.

Die Pläne des eidgenössischen Aussendepartements waren filmreif, doch der Anwärter für das beste James-Bond-Drehbuch stand im Sold des Verteidigungsdepartements. Militärattaché Jack Rohner verfeinerte das Szenario «Flucht über das Meer». Das geeignetste Transportmittel schien ihm ein Jet-Ski zu sein, ein Wassermotorrad des Typs Wave-Runner. Um die libyschen Agenten an die extravagante Freizeitbeschäftigung zu gewöhnen, mietete Göldi eine 125-PS-Maschine für eine Probefahrt.

Am Abend notierte er, das Fahren sei einfach und mache Spass. Im Auftrag des Militärattachés wurde Göldi selber zum Spion. Er beobachtete die Beobachter des Geheimdienstes und führte Protokoll über deren Präsenzzeiten vor der Botschaft. In sogenannten TC-007-Depeschen übermittelte er die Informationen an Rohner. Morgens zwischen 2.30 und 6 Uhr seien meistens keine Wachen sichtbar. Besonders günstig erschien der Fastenmonat Ramadan in einer Nacht von Freitag auf Samstag.

Der Plan wurde konkreter. Phase 1: Göldi verschwindet unbemerkt aus der Botschaft und versteckt sich in einem Haus in der Nähe. Phase 2: Bei Einbruch der Dunkelheit rast er auf einem Jet-Ski aus der Zwölf-Meilen-Zone. Phase 3: Ein Schiff von Jack Rohner erwartet ihn auf dem offenen Meer und führt die Mission zu Ende. Rohner gab grünes Licht zum Kauf eines Wave-Runners. Import via Luftfracht, hielt Göldi im Tagebuch fest.

Doch die Pläne scheiterten. Nicht etwa weil den Schweizer Behörden der Plan zu waghalsig erschienen wäre, sondern weil der Jet-Ski-Lieferant kalte Füsse kriegte. Dieser befürchtete Pro­bleme mit dem libyschen Regime, sollte die Mission auffliegen. Endgültig ­beerdigt wurden die Fluchtpläne, als der libysche Geheimdienst die Überwachung der Schweizer Botschaft auf 24 Stunden ausdehnte. Wahrscheinlich hatte er von den abenteuerlichen Plänen Wind bekommen.

Von der Geisel zum Diplomaten

Max Göldi beriet die Schweizer Behörden nicht nur bei der Ausarbeitung der Fluchtszenarien. Zwischenzeitlich führte er die Botschaft sogar als ranghöchster Beamter. Das kam so: Der Konsul war versetzt worden, weil er überfordert war. Botschafter Daniel von Muralt ging in Frühpension, weil er sich mit seiner Chefin Calmy-Rey überworfen hatte. Mitten in der Staatskrise wurde die Botschaft führungslos.

Am 15. Juni 2009 erhielt Göldi einen unerwarteten Anruf: Calmy-Rey war am Apparat. Sie ernannte ihn zum Zweiten Botschaftssekretär und stellte ihm einen Diplomatenpass aus. Er dürfe diesen ­allerdings nicht benutzen, sondern solle ihn im Tresor hinterlegen. Göldi erhielt alle Codes für die Safes, eine Bank­unterschriftsberechtigung und einen ­Botschafts-Mail-Account. Verwundert schrieb er in sein Tagebuch: «Die Geisel in der Botschaft schmeisst den Laden allein.»

Max Göldi: Gaddafis Rache, Wörterseh Verlag, 2018, 624 Seiten, Fr. 39.90

Max Göldi: Gaddafis Rache, Wörterseh Verlag, 2018, 624 Seiten, Fr. 39.90

Er fragte sich, welche Schlagzeilen diese Nachricht wohl in der Schweiz ausgelöst hätte. Als auch der Techniker abreiste, war Göldi der einzige Schweizer auf der Schweizer Botschaft. Er verwaltete die diplomatische Post und wachte über bis zu 130000 US-Dollar Bargeld im Tresor. Staatssekretär Michael ­Ambühl erklärte in einem Brief an den «Herrn Botschaftssekretär»: «Ungewöhnliche Situationen benötigen ungewöhnliche Massnahmen.»

Der Bundesrat hatte viel Zeit verstreichen lassen, bis er zu ungewöhnlichen Massnahmen bereit war. Schon am Anfang der Krise schlug Botschafter von Muralt vor, dass der damalige Bundespräsident Pascal Couchepin mit Gaddafi sprechen müsste. Das Problem sei nur lösbar von Präsident zu Präsident, von Mann zu Mann. Doch Aussenministerin Calmy-Rey soll dies nicht erlaubt haben, weil Libyen ihr Dossier sei. Als Göldi ihr ein Mail schrieb, erhielt er keine Antwort. «Das werde ich ihr nie verzeihen», schrieb er in sein Tagebuch. Als er Merz einen Brief schickte, kam die Antwort postwendend.

Intrigen im Bundesrat

Merz versuchte, die Affäre im Alleingang zu lösen. Ohne seine Bundesratskollegen zu informieren, reiste er nach Libyen, entschuldigte sich bei Gaddafi, unterzeichnete einen Staatsvertrag und flog zurück in die Schweiz – alleine, ohne Göldi zu befreien, nur dessen Gepäck hatte er an Bord des Bundesratsjets. Aus Göldis Sicht tat Merz das einzig Richtige. Er nahm in Kauf, sich zu blamieren, um die Geiseln zu retten. Das habe sich später ausbezahlt. Calmy-Rey hingegen hatte gemäss Göldi ihr Departement nicht im Griff. Für Stellenbesetzungen hätten Beziehungen und Seniorität mehr gezählt als berufliche und charakterliche Eigenschaften. Göldi zitiert eine Aussage des Botschafters von Muralt, der Calmy-­Reys Führungsstil als populistisch und diktatorisch bezeichnet haben soll.

Calmy-Rey bewies allerdings bei der Organisation des Heimflugs Einfallsreichtum. Gaddafi wollte verhindern, dass sie sich als Retterin in Szene setzen konnte, und bestand darauf, dass Göldi mit einem Linienflug ausreiste. Calmy-Rey hob zeitgleich im Jet der spanischen Regierung ab und gab dem Tower in Tripolis als Zielflughafen Madrid an. In der Luft bat sie dann aber um eine Zwischenlandung in Tunis. Dort holte sie Göldi beim Umsteigen ab, und so konnte sie die Landung in Zürich perfekt inszenieren, die Bilder mit ihr und Göldi gingen um die Welt.

Seither hat Göldi Calmy-Rey nicht mehr gesehen. Zu Merz hingegen kam ein besonderer Kontakt zustande. Der Ausserrhoder verfasste den Klappentext zum Tagebuch. Die Lektüre sei für ihn in vielerlei Hinsicht erhellend. Das Buch sei aber mehr als die Aufarbeitung der Libyen-Krise, schreibt der Alt-Bundesrat: «Es ist die Geschichte eines Menschen, der sich standhaft weigerte, zum Opfer zu werden.»

Ereignisse: Die Stationen der Affäre

19.7.2008

Die libysche Polizei in Tripolis verhaftete den Aargauer Max Göldi und den Waadtländer Rachid Hamdani. Göldi war damals 54 Jahre alt, Hamdani 68. Das Regime behauptete, sie hätten gegen Aufenthaltsbestimmungen verstossen. Die meiste Zeit sassen sie in der Schweizer Botschaft fest.

20.8.2009

Bundespräsident Hans-Rudolf Merz reiste im Alleingang nach Libyen, entschuldigte sich bei Gaddafi und unterzeichnete einen Staatsvertrag. Doch er kehrte ohne die Schweizer Geiseln zurück nach Bern. Nur Göldis Gepäck hatte er dabei. Für den Kniefall wurde Merz in der Schweiz hart kritisiert.

9.12.2009

Die Geiseln Rachid Hamdani und Max Göldi baten die Öffentlichkeit um Hilfe. Vor der Botschaft nahmen sie das erste Foto von sich auf, das in der Affäre veröffentlicht wurde. Amnesty International verbreitete es und lancierte später eine weltweite Briefaktion für Göldi. Hamdani war früher als er freigekommen.

13.6.2010

Gaddafi empfing die Schweizer Aussenministerin Micheline Calmy-Rey in einem Zelt in Libyen. Anwesend waren auch der italienische Regierungschef Silvio Berlusconi und der EU-Ratsvorsitzende Miguel Angel Moratinos. Calmy-Rey unterzeichnete ein Abkommen zur Klärung der diplomatischen Krise.

14.6.2010

Göldi landete mit Calmy-Rey im Regierungsjet in Zürich, wo er von seiner Frau und Angehörigen empfangen wurde. Am gleichen Tag trat er an einer Medienkonferenz auf. Danach wanderte er aus und mied die Öffentlichkeit acht Jahre lang. Heute meldet er sich mit seinem Tagebuch zurück.

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