15-jähriges Luzerner Mathe-Genie beginnt Master-Studium – als jüngster Anwärter aller Zeiten

Er ist der berühmteste Hochbegabte der Schweiz – und betritt weiter Neuland. Maximilian Janisch (15) aus Meierskappel startet nach nur einem Jahr an der Universität Zürich mit dem Master. Jünger als er war bislang keiner.

Yannick Nock
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Maximilian Janisch (hier im September 2018) kurz vor Beginn seines Studiums zu Hause in Meierskappel. (Bild: Claudio Thoma)

Maximilian Janisch (hier im September 2018) kurz vor Beginn seines Studiums zu Hause in Meierskappel. (Bild: Claudio Thoma)

Die vorletzte Prüfung des Semesters ist nur wenige Stunden her. 14 Seiten, 90 Minuten Zeit, Datenbanksysteme. «Das war nicht allzu schwierig», sagt Maximilian Janisch und lächelt. Wahrscheinlich wird er wieder eine 6 bekommen, wie eigentlich immer, seit er mit dem Studium begonnen hat. Dabei ist der Teenager aus Meierskappel erst 15 Jahre alt.

Maximilian ist der jüngste Student der Schweiz. Seit zwei Semestern belegt er Mathematik an der Universität Zürich – und hat schon ein Dutzend Klausuren abgelegt. Die 180 benötigten Punkte für den Bachelor-Abschluss hat er fast beisammen. Nur sechs Punkte fehlen ihm, doch dass er die bald holen wird, daran zweifelt keiner. Maximilian zählt in allen Prüfungen zu den Besten. Seine schlechteste Note im letzten Jahr: eine 5,5.

Der 15-Jährige bleibt der berühmteste Hochbegabte des Landes. Mit einem IQ von 149+ sprengt er die gängige Skala. Bekannt wurde er im Sommer 2013, als er die Mathematik-Matura mit Bestnote ablegte. Da war er gerade neun Jahre alt. Eine Leistung, wie es hierzulande keine vergleichbare gibt.

Zeitungen, Radio- und TV-Stationen rissen sich um ihn. Nicht nur in der Schweiz. Deutsche Sender berichteten über den Jungen aus Luzern, auch die britische BBC und ein japanisches Magazin verfassten Beiträge: Maximilian, das «Genie», das «Wunderkind», der «Mozart der Mathematik».

Arg übertrieben, sei das damals gewesen, sagt Maximilian. Doch noch immer wird er erkannt und angesprochen. «Bist du nicht das Mathematik-Genie aus den Medien?» fragen ihn gelegentlich Studenten und Uni-Mitarbeiter auf dem Campus. «Die Menschen sind einfach interessiert», sagt er, «das stört mich nicht.» Ein bisschen ruhiger ist es um ihn dennoch geworden. Maximilian, mittlerweile 1,84 Meter gross, fällt auf dem Campus nur auf, wenn man genauer hinschaut.

Das war zu seiner Zeit am Gymnasium ganz anders. Als 9-Jähriger unter lauter Teenagern stach er heraus wie Einsteins Zunge auf dem berühmten Foto von 1951. Maximilians Mathematik-Talent sorgte für das Übrige. Mitschülern gab er Nachhilfeunterricht. «Ich möchte euch nahelegen, dass die Matura nicht schwierig sein wird», sagte er den anderen Gymnasiasten. «Das kann jeder.» Er, der Kleine, musste den Grossen die Welt der Mathematik erklären.

Mit seinem Talent ist Maximilian aber auch an viele Grenzen gestossen. Das Schweizer Bildungssystem ist auf einen wie ihn nicht vorbereitet. Eigentlich wollte er nach der Mathematik-Matura an die ETH Zürich. Doch kein 9-Jähriger darf hierzulande studieren. Zuerst müsse er in allen Fächern die Matura erlangen, hiess es. Maximilians Vater, ein pensionierter Mathematikprofessor, ärgert sich über die mangelnde Unterstützung. Statt seinen Sohn zu fördern, würde er gebremst. Die Schweiz tue zu wenig für ihre akademischen Talente, klagte er.

Amerikanische Top-Universitäten meldeten sich. Harvard kämpfte um das Mathematik-Genie, doch umziehen kam für die Familie nicht infrage. Maximilian sollte nicht aus seinem Umfeld gerissen werden.

Es war Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich, der sich 2013 mit einer Lösung an die Familie wandte. Er bot Maximilian ein spezielles Programm an und stellte ihm einen Mentor zur Seite, Professor Camillo De Lellis, der einst selbst ein hochbegabtes Kind war. Dieser förderte Maximilian in Privatstunden an der Universität, bis er sich vergangenen Sommer offiziell an der Hochschule immatrikulieren konnte.

De Lellis, der mittlerweile an die amerikanische Elite-Universität Princeton berufen wurde, sagt über den Jungen: «Ich habe nie eine solche Begabung gesehen wie bei ihm.»

Er wird bald doktorieren

Maximilian zieht nach einem Jahr Studium ein positives Fazit. Er kommt schnell voran und auch mit seinen Kommilitonen versteht er sich gut. Zwar geht er noch an keine Studentenpartys, aber er ist mittlerweile Mitglied der Schweizerischen Studienstiftung, die leistungsstarke Akademiker fördert.

Hier trifft Maximilian auf andere begabte Studenten, mit denen er sich manchmal austauscht. In wenigen Monaten wird Maximilian wieder Neuland betreten. Im Herbst kann er mit seinem Master-Studium beginnen. Jünger war bisher keiner.

Er rechnet mit 3 Semestern, um auch diesen Abschluss zu meistern. Üblich sind vier. Ist das nicht zu knapp bemessen? «Also bitte», antwortet Maximilian und lächelt. «So habe ich auch noch gemütlich Zeit, um die Masterarbeit zu schreiben.»

Was danach kommt, weiss Maximilian auch schon. Er möchte doktorieren, bei seinem Mentor Camillo De Lellis in den USA. Weil er dann aber erst 17 Jahre alt sein wird, dürfte er der Universität Zürich zumindest bis zur Volljährigkeit erhalten bleiben – als jüngster Doktorand der Schweiz.

Maturanden besuchen die Universität

Die Universität Zürich will begabte Jugendliche besser fördern. Deshalb bietet die Hochschule seit einem Jahr Zürcher Mittelschülern an, schon während ihrer Gymizeit Kurse zu besuchen. Sie dürfen in Vorlesungen sitzen, Bachelor-Punkte sammeln und Arbeiten schreiben. «Die Erfahrungen mit Maximilian haben uns dazu bewogen, mehr für begabte Mittelschüler zu tun», sagt Michael Hengartner, Rektor der Universität Zürich. 37 Talente haben sich für das Pilotprojekt angemeldet. Beliebt sind Vorlesungen aus dem MINT-Bereich (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik), der Philosophischen Fakultät und den Rechtswissenschaften. Die Jugendlichen zwischen 17 und 19 Jahren sind in den letzten zwei Jahren ihrer gymnasialen Ausbildung. Ausgesucht wurden sie von ihren Lehrern. Dass es weniger sind als die erwarteten 60 Jugendlichen, liegt daran, dass nicht alle Gymnasien das Angebot der Universität Zürich angenommen haben. Im Herbst wird die Universität in Absprache mit den Mittelschulen entscheiden, wie es mit dem Pilotprojekt weitergeht. Womöglich könnten ab 2020 auch Jugendliche aus den Nachbarkantonen folgen, etwa aus dem Aargau, St. Gallen oder Schwyz. (yno)