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MEDIEN: Eine Nachrichtenagentur in Not

Die Schweizerische Depeschenagentur (SDA) ist plötzlich zum öffentlichen Thema geworden. Zu Recht – allerdings vernebelt die Debatte Fehler und Versäumnisse in der Vergangenheit.
Balz Bruppacher
Journalistinnen und Journalisten der SDA demonstrieren vor dem Tamedia-Hauptsitz. (Bild: Walter Bieri/Keystone (Zürich, 31. Januar 2018))

Journalistinnen und Journalisten der SDA demonstrieren vor dem Tamedia-Hauptsitz. (Bild: Walter Bieri/Keystone (Zürich, 31. Januar 2018))

Balz Bruppacher

Ich bin beim Thema SDA doppelt befangen. Erstens war ich während fast drei Jahrzehnten bei der einzigen Konkurrenzagentur der SDA tätig, den grössten Teil davon in leitender Stellung. Und zweitens habe ich jene Verlagshäuser beraten, die seit 2016 erwogen, eine Alternative zur SDA aufzubauen. Und noch etwas: Dass die Situation für die betroffenen Kolleginnen und Kollegen höchst bedauerlich ist, soll hier weder relativiert noch bestritten werden.

Wenn ich dennoch über die SDA schreibe, so deshalb, weil bei der Berichterstattung der letzten Tage und Wochen vieles vergessen ging, was sich in den letzten Jahren im Agenturjournalismus in der Schweiz abgespielt hat. Es sind ziemlich genau acht Jahre her, als sich die SDA das Monopol auf dem Inlandmarkt für Nachrichtenagenturen verschaffte. Was war geschehen? In einem als Lizenzabkommen kaschierten Deal hatte die SDA erreicht, dass sich die neuen Eigentümer des deutschsprachigen Dienstes der Nachrichtenagentur Associated Press (AP) mit sofortiger Wirkung aus dem Schweizer Markt zurückzogen. Die Eigentümer der SDA – vorab Tamedia, die NZZ-Gruppe und die SRG – hielten es nicht einmal für nötig, die Chefredaktoren ihrer Publikationen über den Entscheid zu konsultieren, der den Verlust der zweiten Quelle für Inlandnachrichten zur Folge hatte.

Ein teuer erworbenes Monopol

Während die SDA-Geschäftsleitung in einer Hausmitteilung vom 28. Januar 2010 von einem «Meilenstein» schrieb, erhielten die über 20 Angestellten des 1981 gegründeten ehemaligen Schweizer AP-Dienstes gleichentags den blauen Brief. Die SDA erklärte sich nicht in der Lage, entlassene Mitarbeiter des ehemaligen AP-Dienstes zu übernehmen. Laut einer geleakten Absichtserklärung mit den neuen Eigentümern des deutschsprachigen AP-Dienstes war die SDA aber bereit, sich mit 250 000 Franken an den Kosten zu beteiligen, die durch die Kündigungen entstehen. Der Absichtserklärung war auch zu entnehmen, dass die SDA willens war, gestaffelt über einen Zeitraum von fünf Jahren bis zu 12 Millionen Franken als Lizenz­gebühr für den deutschsprachigen AP-Dienst zu zahlen. Weil die beiden deutschen Finanzinvestoren, denen der AP-Dienst gehörte, im Oktober 2012 in Deutschland Pleite machten, musste die SDA nicht die vollen Lizenzgebühren zahlen.

Dennoch: Das Gemeinschaftsunternehmen der Schweizer Verleger und der SRG scheute vor acht Jahren keine Kosten, um den einzigen Konkurrenten loszuwerden. Wie sich im Nachhinein herausstellte, war der Deal von langer Hand vorbereitet. Dabei spielte die SDA allerdings mit gezinkten Karten. Schon Ende 2008 hatte der Marktleader damit begonnen, seinen Kunden sogenannte Exklusivitätsrabatte zu gewähren, wenn sie auf den Schweizer AP-Dienst verzichteten. «Die unzulässige Verhaltensweise der SDA hat in einem für den Wettbewerb sehr heiklen Zeitraum stattgefunden und war direkt gegen die einzige Konkurrentin auf dem wichtigsten relevanten Markt gerichtet», stellte im Sommer 2014 die Wettbewerbskommission (Weko) fest.

Unlautere Rabatte mit 2 Millionen Franken gebüsst

Die Folge: eine Busse samt Verfahrenskosten von gut 2 Millionen Franken, auf die sich die SDA mit der Weko einigte. Die Höhe der Busse deutet auf einen schweren Verstoss gegen das Wettbewerbsrecht hin und führte (wegen der vorab zurückgestellten Mittel für die Weko-Busse) zu einem Verlust von 1,5 Millionen Franken im SDA-Stammhaus im Jahre 2013. Unter dem Strich hat die Eroberung des Monopols die SDA also viel Geld gekostet. Umso erstaunlicher ist, dass auch die saftige Weko-Busse keine sichtbaren Folgen auf Ebene von Verwaltungsrat und Geschäftsleitung auslöste. Warum, mag man sich fragen, hat weder die für Schweizer Verhältnisse ziemlich einmalige Art und Weise der Eliminierung eines Konkurrenten noch die Sanktionierung durch die Wettbewerbsbehörde eine öffentliche Diskussion über das Tun und das Lassen der einzigen Nachrichtenagentur des Landes ausgelöst?

Zum einen war dies eben eine Folge des Monopols: Die SDA konnte es sich als einziger Nachrichtenlieferant leisten, diese Entwicklungen in ihrem Dienst nicht an die grosse Glocke zu hängen oder gar in Frage zu stellen. Zum anderen macht der Blick auf die Eigentümerstruktur der SDA verständlich, warum sich das Interesse an einer ausführlichen Berichterstattung in Grenzen hielt. Mit Abstand grösste Aktionärin ist Tamedia, deren Beteiligung seit der Übernahme der Westschweizer Edipresse-Zeitungen auf 29,4 Prozent gestiegen ist. Die NZZ-Gruppe hält 11,4 Prozent am SDA-Kapital, die SRG 10 Prozent und der Westschweizer Verlegerverband Médias Suisses 9,8 Prozent.

Die Umwälzungen in der Medi­enlandschaft – Stichworte: Inserate­schwund bei den Printmedien, Digitalisierung, Konkurrenz der Techgiganten – betreffen auch die Nachrichtenagenturen. Schon in den Nullerjahren zeichnete sich ab, dass die traditionellen Preismodelle der Agenturen, die bei den Zeitungen die Auflage als wichtigsten Faktor hatten, keine Zukunft hatten. Hinzu kam der Druck, sich technisch und inhaltlich den Bedürfnissen der Kunden bei den Onlineangeboten anzupassen, ohne die Prinzipien der Quellentreue und der Quellengenauigkeit über Bord zu werfen – Grundsätze, die mit dem Aufkommen der Fake-News-Debatte noch an Bedeutung gewinnen sollten.

Der Monopolist SDA befand sich Anfang 2010 in einer guten Ausgangslage, diese Herausforderungen zu meistern. Verwaltungsrat und Geschäftsleitung versäumten es aber, ein von den Kunden akzeptiertes neues Preismodell zu erarbeiten. Das ist umso erstaunlicher, als die Kunden gleichzeitig Eigentümer der SDA sind. Auch die Kommunikation über die Bedürfnisse der Kunden scheint nicht geklappt zu haben, bis es jetzt zur harten Konfrontation und zu ultimativen Forderungen wichtiger Kunden kam. Inhaltlich bestätigte sich, dass Monopolisten selten durch Beweglichkeit und Innovation glänzen. Der unmotivierte Versuch, einen englischsprachigen SDA-Dienst aufzubauen, wurde rasch wieder begraben.

Nachrichtenredaktionen monierten, dass das Tempo der Berichterstattung mit dem Ausscheiden der Konkurrenz spürbar nachgelassen hat. Die SDA glänzte in den letzten Jahren auch wenig bei Neuerungen in Technik und Service. Die Deutsche Presse-Agentur (DPA) – ebenfalls ein Gemeinschaftsunternehmen der Medienbranche des Landes, aber ohne beherrschende Teilhaber – überzeugt zum Beispiel mit einem modernen Webauftritt. In der Berichterstattung hat sie 2010 einen sogenannten Notizblock eingeführt, auf dem sie die Quellen der jeweiligen Meldung detailliert offenlegt – eine Serviceleistung, die von den Kunden sehr geschätzt wird und zudem die Glaubwürdigkeit fördert.

Kein neues Bundesgeld ohne Remedur

Viel Einsatz legte die SDA-Führung hingegen an den Tag, wenn es darum ging, sich neue Subventionen des Bundes zu erschliessen. Im Lichte der jüngsten Entwicklung und der seltsamen Äusserungen des Geschäftsführers scheint aber die Einsicht in der Politik zu wachsen, dass es ohne eine neue Eigentümerstruktur nicht angehen kann, die SDA mit Bundesmillionen zu füttern. Denn davon würden in erster Linie die Grossaktionäre, allen voran Tamedia, profitieren. Und nach der geplanten Fusion der SDA mit der Bildagentur Keystone wäre die österreichische Nachrichtenagentur APA als neue Hauptaktionärin die grösste Nutzniesserin. Bevor öffentliche Gelder freigegeben werden, sollte eine unabhängige Prüfung des Managements der SDA angeordnet werden. Auch die Rolle des Verwaltungsrats in den vergangenen Jahren wäre zu durchleuchten. Im Lichte dieser Erkenntnisse und nach einer gründlichen Klärung der Bedürfnisse der Kunden wären schliesslich die Weichen für einen Neuanfang zu stellen. Und zu klären, unter welchen Bedingungen und in welcher Form öffentliche Gelder zu sprechen sind, um die legitimen Bedürfnisse der Medien in der lateinischen Schweiz nach einer soliden Agentur­berichterstattung zu befriedigen.

Hinweis

Der Autor vertritt hier seine persönlichen Ansichten.

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