MEDIEN: «Journalisten waren schon immer subventionierte Bauern»

Die Vorschläge zur Medienförderung sorgten für Aufsehen. Ein Experte findet, dass diese nötig sind, da der Wettbewerb nicht mehr spielt.

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«Wir haben eine Medienkrise, und das ist schlecht für eine Demokratie.»
Kurt Imhof, Universität Zürich (Bild: Keystone)

«Wir haben eine Medienkrise, und das ist schlecht für eine Demokratie.» Kurt Imhof, Universität Zürich (Bild: Keystone)

Die SP ging diese Woche hart mit der Schweizer Medienlandschaft ins Gericht. Unter anderem wird den Medien mangelnde Qualität und Vielfalt vorgeworfen. Deshalb sollen über Abgaben auf Werbeumsätzen und eine Steuer auf Datenverkehr im Internet unter anderem Zeitungen gefördert werden (Ausgabe vom Dienstag). Bürgerliche Politiker lehnen die Idee ab, da die Medien auf diese Weise künstlich am Leben gehalten werden. Aus der Medienforschung melden sich aber nun gegenteilige Meinungen.

Die SP attestiert der Schweizer Medienlandschaft Marktversagen sowie eine Abnahme an publizistischer Vielfalt. Teilen Sie diese Meinung?

Kurt Imhof*: Diese Entwicklung lässt sich messen. Es ist so, dass es in der Schweizer Medienlandschaft zu einer massiven, vorher noch nie da gewesenen Konzentration gekommen ist. Vor allem die Presse und der Onlinebereich sind betroffen. Die grossen Verlage haben sich die Gebiete aufgeteilt. Innerhalb dieser «Claims» oder Ansprüche herrscht kaum noch Konkurrenz. Ausserdem sank die Auflage bei den Abonnementszeitungen seit 2001 um 32 Prozent und die Titelzahl um 26 Prozent, und die Kopfblatt- und Mantelsysteme nahmen massiv zu. Kurz: Wir haben eine Medienkrise, und das ist schlecht für eine Demokratie.

Wie steht es um die Qualität?

Imhof: Auch die Qualität der Medienprodukte hat abgenommen. Redaktionen und Ressorts wurden aufgelöst, der Allround- und Multikanaljournalismus nahm zu. Es kann weniger eingeordnet werden. Die Berichterstattung ist episodischer, es gibt weniger Recherche. Dafür erscheinen mehr Agenturbeiträge sowie Unterhaltung. Zusätzlich haben wir es neben dem Schwund qualitätsmittlerer und qualitätshoher Informationsmedien mit einer gewaltigen Expansion qualitätsniedriger Gratismedien on- und offline zu tun, darunter sind die Gratiszeitungen die einzigen Goldesel bei den Informationsmedien. Ökonomisch wirft nur noch Billig-Journalismus kräftig Rendite ab.

Was sind die Gründe für diese Entwicklung?

Imhof: Zunächst die Kommerzialisierung bei Print und Rundfunk in der Schweiz der 1980er- und 1990er-Jahre, d. h. die Orientierung an Nutzung und Rendite und die Krise dieses Geschäftsmodells seit dem Platzen der Internetblase um 2000. Dann die zeitgleiche Lancierung von Gratismedien, die die Werbe- und Abonnementseinnahmen der Kaufzeitungen kannibalisieren und das Preisbewusstsein für journalistische Leistungen zerstören, und schliesslich der Strukturwandel des Informationswesens durch die Digitalisierung. Die Werbeeinnahmen online decken bei weitem nicht die Werbeverluste offline, und die Online-Bezahlmodelle bringen viel zu wenig ein. Im Effekt führte die Renditeorientierung zum einen, die Einnahmeausfälle zum anderen zu einschneidenden Sparrunden der Verlagshäuser. Dadurch leidet der Informationsjournalismus, die Attraktivität des Berufs sinkt, und viele flüchten in den PR-Bereich.

Wie bewerten Sie das Instrument des Fördertopfes, um die Situation zu verbessern? Und ist es nicht unrealistisch, Firmen wie Google und Facebook per Steuer auf Datenverkehr zur Kasse zu bitten?

Imhof: Das ist nicht unrealistisch. In Frankreich besteht dieses Modell einer Werbeabgabe beim Privatfernsehen, bei Telekom- und Internetdienstleistern, und es funktioniert. Wir haben das Problem, dass die uralte «Ehe», welche redaktionelle Inhalte durch Werbung finanziert hat, zerbricht. Die Werbung fliesst von der Publizistik ab, belohnt im Rundfunk ausgeprägt das private Unterhaltungsfernsehen und orientiert sich über Suchmaschinen und Social Media an immer spezifischeren Zielgruppen. Wenn wir guten Journalismus wollen, dann sollten wir die Werbung besteuern und diese wieder der Publizistik zuführen.

Ist die Sorge der Verleger berechtigt, dass eine Abgabe auf Werbeumsätze die angespannte Inseratelage noch verschärfen würde?

Imhof: Eigentlich würden die Verleger von diesem Modell profitieren und mehr Einnahmen machen, deshalb sollten Redaktionen gefördert werden. Denn es würden Einnahmen aus der Werbung beim Unterhaltungsfernsehen und im Internet in den Informationsjournalismus zurückfliessen. Eigentlich ist diese Massnahme der Forderung der Verleger, Google für die Verwendung ihrer Inhalte zur Kasse zu bitten, nicht unähnlich.

Was halten Sie vom oft vorgebrachten Vergleich, dass Journalisten auf diese Weise zu einer neuen Art «subventionierter Bauern» werden würde?

Imhof: Wenn man so will, waren die Journalisten eigentlich schon immer «subventionierte Bauern». Die Presseförderung in der Schweiz ist nichts Neues. Seit Gründung des Bundesstaats achtete man auf die Meinungsvielfalt, da diese die Voraussetzung für eine lebendige Demokratie ist. Die neuen Instrumente wären nun einfach eine gezielte Förderung im Gegensatz zum heutigen Giesskannenprinzip, welches Vergünstigungen bei der Post und Mehrwertsteuerreduktionen beinhaltet. Zudem würde mit den neuen Massnahmen der Informationsjournalismus gezielt gefördert und Trittbrettfahrer in Form von Werbepostillen und ähnlichen Blättchen könnten nicht mehr davon profitieren.

Sind die Befürchtungen berechtigt, dass mit dem Erhalten von Fördergeldern und den daran geknüpften Pflichten die Unabhängigkeit der Journalisten auf eine andere Art als heute beeinträchtigt wird?

Imhof: Diese Befürchtungen sind unberechtigt. Wir haben bereits schon eine breite Gebührenfinanzierung des privaten Rundfunks in der Schweiz. Den Redaktionen werden mit den Fördergeldern keine inhaltlichen Vorgaben gemacht.

Mit Radio und Fernsehen haben wir bereits staatlich geförderte Medien. Diese finden sich jedoch bezüglich Qualität auch ziemlich oft im Kreuzfeuer der Kritik wieder. Ist die staatliche Förderung doch nicht der Weisheit letzter Schluss?

Imhof: Diese Medien gehören zum Service public und haben umfangreiche Vorschriften bezüglich des Programms. Sie haben vor allem auch die Aufgabe, der Einheit der Schweiz über ihre Sprachregionen hinweg zu dienen, und sie machen ihren Informationsjournalismus im Vergleich gut. Im Jahrbuch «Qualität der Medien» steht das öffentliche Radio übrigens an der Spitze bezüglich Qualität. Das Fernsehen befindet sich im vorderen Mittelfeld. Daher kann man von der Qualität her keine Defizite bei dieser Art von Förderung feststellen. Aber es ist klar, dass der öffentliche Rundfunk – wie überall – von allen Parteien besonders kritisch verfolgt wird.

Aus dem bürgerlichen Lager wird argumentiert, dass eine staatliche Förderung eine eher linkslastige Berichterstattung mit sich bringt. Ist Ihrer Ansicht nach daran etwas dran?

Imhof: Das ist ein Mythos. Skandinavien hat eine lange Tradition bezüglich direkter Medienförderung, und dort stimmt die Argumentation überhaupt nicht. In Schweden trägt eine konservative Regierung ein derartiges Fördermodell mit. In Finnland genauso.

Bürgerliche Politiker argumentieren ebenfalls damit, dass mit der Förderung Medien künstlich am Leben gehalten werden und der Strukturwandel auch mit 200 Millionen Franken nicht aufzuhalten ist. Wie sehen Sie das?

Imhof: Darum geht es ja gar nicht. Die Medien sollen nicht auf Leben und Tod gefördert werden. Die gleichen Anforderungen an Qualität und Vielfalt gelten auch für die Berichterstattung, wenn sie vom Print- in den Onlinebereich verschoben wird. Gerade im Onlinebereich lässt sich Journalismus noch weniger finanzieren. Ein Ausgleich der Werbeverluste dient auch dem Onlinejournalismus.

Im Internet haben Sie angedeutet, dass etwa in Basel keine wesentlichen, nichtsubventionierten Medien bestehen. Ist dies nicht etwas zugespitzt formuliert?

Imhof: Überhaupt nicht. Neben den mit öffentlichen Geldern geförderten privaten Runfunkmedien in Basel bleiben die «Basler Zeitung», welche durch «politisches Geld» (der Familie Blocher und der Holding von Investor Tito Tettamanti, Anm. d. Red.) subventioniert wird, und die «Tageswoche», welche durch eine Stiftung unterstützt wird. Daneben existiert noch ein nichtsubventioniertes Info-Portal und dank der aktuellen Expansion des AZ Verlags auf Basler Territorium die «Basellandschaftliche Zeitung» als Investitionsprodukt.

Laut SP herrscht in vielen Regionen bezüglich der Medien kein Wettbewerb mehr. Welche Gebiete sind Ihrer Meinung nach besonders betroffen?

Imhof: Nur im Raum Zürich bestehen mit dem «Tages-Anzeiger» und der NZZ zwei gewichtige Zeitungen, die direkt gegeneinander antreten. In Bern existieren ebenfalls zwei grössere Zeitungen, die aber denselben Besitzer haben. Die Regionen sind unter den Verlagshäusern sauber aufgeteilt. Die Zentralschweiz ist das Gebiet der NZZ-Gruppe. Dies sieht man auch mit der neuesten Entwicklung beim «Boten der Urschweiz», der nicht mehr im Verbund mit der «Südostschweiz» kooperieren wird. Auf diese Weise gehen auch den Journalisten die Arbeitgeber verloren. Sie können nur noch zwischen wenigen Verlagshäusern wählen, was in der Praxis auch Auswirkungen auf die Berichterstattung hat.

Hinweis

* Kurt Imhof (57) ist Professor für Soziologie und Publizistikwissenschaft an der Universität Zürich und im Stiftungsrat des Forschungsinstituts Öffentlichkeit und Gesellschaft (FÖG). Er ist Mitherausgeber des Jahrbuchs «Qualität der Medien».