MEDIEN: Wie Fake News entstehen und was dagegen zu tun wäre

Falsche und gefälschte Nachrichten bringen die Medien in Verruf. Für den Journalismus wären sie eigentlich eine Chance.

Balz Bruppacher
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Die Pressekonferenz von Donald Trump, an der er einen CNN-Reporter mit den Worten beschimpft: «Du bist Fake News.» (Bild: Seth Wenig/AP (New York, 11. Januar 2017))

Die Pressekonferenz von Donald Trump, an der er einen CNN-Reporter mit den Worten beschimpft: «Du bist Fake News.» (Bild: Seth Wenig/AP (New York, 11. Januar 2017))

Balz Bruppacher

Am 17. Januar war es wieder so weit: Newsportale führender Medien in Deutschland und der Schweiz meldeten mit hoher Priorität, das deutsche Bundesverfassungsgericht habe die Nationaldemokratische Partei Deutschlands (NPD) verboten. Richtig war das Gegenteil. Die falsche Schlagzeile kam zu Stande, weil die Journalisten den vom vorsitzenden Richter verlesenen Antrag ans Gericht mit dem Urteil verwechselten – so zumindest die Erklärung von «Zeit Online» und von «Spiegel Online».

Eine klassische Falschmeldung also. Und keine gefälschte Nachricht. Ein ärgerlicher Fehler, aber keine absichtliche Irreführung.

«Du bist Fake News»

Für beides, falsche und (politisch unkorrekt formuliert) «getürkte» Nachrichten, hat sich in den letzten Monaten der Begriff «Fake News» eingebürgert. Sogar vermenschlicht, seit Donald Trump an einer Pressekonferenz am 11. Januar einem CNN-Reporter das Wort mit dem Zuruf «Du bist Fake News» abschnitt. Bei aller Aufregung über das «postfaktische Zeitalter» sollte nicht vergessen gehen, dass es sich bei falschen und gefälschten Nachrichten nicht um ein neues Phänomen handelt. Und – diese Prognose sei gewagt – dass sich die Versuche, Fake News unter Strafe zu stellen und damit quasi gesetzlich zu verbieten, als ebenso untauglich erweisen werden, wie die geplanten technischen Vorkehrungen gegen Nachrichtenmanipulation.

Ein falscher Buchstabe genügt

Nachstehend einige Beispiele, beruhend auf persönlichen Erfahrungen und auf Beobachtungen des Nachrichtengeschäfts während über drei Jahrzehnten: Welche Folgen ein einziger falscher Buchstabe haben kann, erfuhr ich Ende 2006. In einer Meldung über eine Anklage der Zürcher Justiz wegen Porno-Angeboten für Handys schrieb ich den Namen der beschuldigten Firma mit «v» statt mit «w». Damit stand eine völlig unbescholtene Produktionsgesellschaft im Ruf, im Sexbusiness tätig zu sein. Nur der Nachsicht des Inhabers war es zu verdanken, dass die Angelegenheit mit einer nachträglichen Berichtigung bereinigt werden konnte.

Wie ist der Fehler entstanden: Meine Quelle war ein Fernsehbericht, den ich mir samt dem nur genannten, aber nicht geschriebenen Firmennamen vom Gericht bestätigen liess. Dürftige Quellen sind ein häufiger Grund für Falschmeldungen.

In Erinnerung ist zum Beispiel die AP-Nachricht von 1997, wonach eine «fliegende Kuh» im Ochotskischen Meer ein japanisches Fischerboot versenkt haben soll. Diese tolle Geschichte ging so: Russische Soldaten stahlen in Sibirien Kühe und verfrachteten sie in ein Transportflugzeug. In der Luft wurden die nicht angebundenen Tiere unruhig und brachten das Flugzeug ins Trudeln. Die Soldaten sahen keinen anderen Ausweg, als die Kühe durch die grosse Heckklappe hinauszutreiben. Eines der Tiere prallte auf ein japanisches Fischerboot, das unterging.

Als Quelle wurde im Bericht eine deutsche Zeitung genannt, die sich ihrerseits auf eine vertrauliche Meldung der deutschen Botschaft in Moskau an die Zentrale in Deutschland berief. Belegen liess sich die Geschichte nie. Ursprung war vermutlich ein Witz, der in russischen Offizierskreisen zirkulierte.

Zwischen Nachricht und Schauermärchen

Dann gibt es jene Sorte von Nachrichten, die insofern gefahrlos in Umlauf gesetzt werden können, als die Quelle schlicht nicht überprüfbar ist. Paradebeispiel sind die vermeintlichen oder tatsächlichen Gräueltaten von Kim Jong Un. Das Schreckensregime in Nordkorea soll hier nicht verniedlicht werden. Wenn aber auch sogenannt seriöse Medien berichten, der Verteidigungsminister des Landes sei «offenbar mit einer Flugzeugabwehrkanone erschossen» worden, würde etwas mehr Zurückhaltung nicht schaden. Zumal wir uns an Kims Onkel erinnern, der an 120 Hunde (oder waren es nur 100?) verfüttert worden sein soll, und an Kims Säuberungsaktion in einem Ministerium mit dem Flammenwerfer, der angeblich ein Vizeminister zum Opfer fiel. Die Quellenlage ist bei all diesen Meldungen derart dünn und fragwürdig – oft eine südkoreanische Zeitung, die sich auf Geheimdienstinformationen beruft –, dass sie besser im Papierkorb landen würden.

Nachhaltiger Schaden (begleitet von Schadenfreude der Konkurrenz) entsteht, wenn Medien lebende Prominenz beerdigen. So geschehen am 1. Juni 1963, als der «Blick» auf der Frontseite meldete «Ein grosser Papst ist gestorben». Johannes XXIII. starb erst zwei Tage später. Eine Verwechslung der Druckplatten in der Druckerei war die Ursache. In der Redaktion wurde gesündigt, als die Nachrichtenagentur DPA acht Monate später, am 13. April 1964, den Tod des sowjetischen Parteichefs Nikita Chruschtschow meldete. Eine Kette von Missverständnissen und ein fiktiver Telex an einen DPA-Kunden waren vorausgegangen. Chruschtschow starb erst acht Jahre später. 1991 sass die Nachrichtenagentur SPK einem Telefonanrufer auf, der sich als Parteisekretär der CVP ausgab und den Tod von alt Bundesrat Kurt Furgler meldete. Die Nachricht ging ungeprüft auf den Draht; Furgler lebte noch bis 2008. «Der Bericht über meinen Tod war eine Übertreibung», hatte der amerikanische Schriftsteller Mark Twain schon 1897 erklärt.

Besonders perfid sind täuschend echt fabrizierte Falschinformationen, mit denen Medien gefüttert werden. So geschehen am 23. Januar 2000, als die deutschen Nachrichtenagenturen ein Fax mit Absender und Telefonnummer der CDU-Fraktion erhielten, in dem es hiess, der ehemalige Bundeskanzler Helmut Kohl habe sich entschieden, die Namen der Geldgeber in der CDU-Spendenaffäre zu nennen. Die Nachricht wurde mit hoher Priorität weiterverbreitet und erst eine Stunde später als Fälschung erkannt, als eine Agentur, die das Fax nicht erhalten hatte, bei der CDU-Zentrale nachhakte.

Zu gutgläubig war die Agentur DPA in der sogenannten Bluewater-Affäre. Sie fiel am 10. September 2009 auf eine aufwendig inszenierte Guerilla-Marketing-Aktion für einen Film herein und berichtete über einen Bombenanschlag in der kalifornischen Kleinstadt Bluewater. Die Stadt existiert nicht, und es gab auch keinen Anschlag. Die Liste der Fehler und Fälschungen liesse sich beliebig verlängern. Und weit zurückverfolgen in frühere Jahrhunderte, wie der US-Historiker Jacob Soll kürzlich im Magazin «Politico» schilderte. Verändert haben sich allerdings die technischen Möglichkeiten, mit denen Fake News generiert und verbreitet werden. Was nicht heisst, dass es neue Mittel und Methoden braucht, um Falschmeldungen zu erkennen und Fehler zu verhindern. Journalisten sind zwar zum Fehlermachen verdammt, wie «Spiegel»-Gründer Rudolf Augstein einmal sagte. Sie hätten es aber in der Hand, die Fehlerquote auf ein erträgliches Mass zu reduzieren. Indem sie einigen Grundregeln wieder mehr Nachachtung verschaffen würden.

Wie sich der Journalismus profilieren könnte

Da wäre erstens einmal der Leitsatz «Get it first, but first get it right», der klarmacht, dass Schnelligkeit und Genauigkeit keine Alternativen sind. Weil sonst die Glaubwürdigkeit auf der Strecke bleibt. Wie wenig Schnelligkeit und Exklusivität nützen, wenn es an der Glaubwürdigkeit fehlt, zeigt ein Beispiel des US-People-News-Portals TMZ. Es meldete am vergangenen 21. April als erstes Medium den Tod des Musikers Prince. Erst 17 Minuten später, als die Nachrichtenagentur AP den Tod bestätigte, wurde die Meldung von grossen Newspor­talen weltweit verbreitet. Aus dem «get it right» leitet sich zweitens das Gebot der Quellenprüfung und der Quellengenauigkeit ab. Ereignisse wie der Germanwings-Absturz in Frankreich und die Terroranschläge der letzten beiden Jahre haben eindrücklich gezeigt, wie wichtig der Umgang mit Quellen ist, wenn Informationen im Minutentakt über Twitter und andere Kanäle verbreitet werden.

Drittens gehört eine Portion Standfestigkeit dazu, wenn die Quellenlage zu unsicher ist. Hier wird wohl am meisten gesündigt. So muss zum Beispiel das Wort «offenbar» für nicht verifizierbare Nachrichten herhalten. Oder die nicht ganz koschere Meldung wird mit einem Fragezeichen versehen. «Wird Clooney Vater von Zwillingen?» ist dann zu lesen. Für die Glaubwürdigkeit entscheidend ist viertens die Transparenz. Wie sie sich auf den Online-Portalen mit den Rubriken «Was wir wissen» und «Was wir nicht wissen» im Falle von Breaking News durchzusetzen beginnt. Ebenso wichtig ist Transparenz im Umgang mit Fehlern.

Hinweis

Der Name des Papstes im neunten Abschnitt wurde nachträglich korrigiert.