MEDIENKOMPETENZ: Schutz im Netz: Bund geht neue Wege

Um Jugendliche auf die Gefahren im Internet vorzubereiten, geht der Bund neue Wege in der Prävention. Die Zentralschweiz ist vorn dabei.

Sermîn Faki
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Kinder im Alter zwischen 9 und 16 Jahren sind mit digitalen Medien bereits einem hohen Risiko ausgesetzt. (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Kinder im Alter zwischen 9 und 16 Jahren sind mit digitalen Medien bereits einem hohen Risiko ausgesetzt. (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Das Internet ist für Kinder und Jugendliche eine Spielwiese, setzt sie aber auch beträchtlichen Gefahren aus. Das hat zuletzt eine am Freitag veröffentlichte Studie der Universität Zürich ergeben. Demnach war die Hälfte der 1000 befragten Kinder im Alter von 9 bis 16 Jahren bereits einem Risiko ausgesetzt: Sie haben Sexbilder gesehen, Cybermobbing erlebt oder fremde Internet-Bekanntschaften getroffen.

Der Bund hat das Problem erkannt und vor zwei Jahren das Nationale Programm Jugend und Medien gestartet. 3 Millionen Franken lässt er sich das kosten. Unter anderem ist die Broschüre «Medienkompetenz» erschienen, die Tipps für Eltern bereithält.

Neue Ansätze in der Prävention

Wenn Kinder ins Jugendalter kommen, nimmt der Einfluss der Eltern jedoch ab, Gleichaltrige werden zur Bezugsgruppe – zur Peer Group, wie Pädagogen sagen. Jugendliche sozialisieren sich gegenseitig. Hier setzt ein Bereich des Bundesprogramms an: In acht Pilotprojekten werden schweizweit unterschiedliche Ansätze von Peer Education (siehe Box) erprobt. Finanziert werden die Projekte durch die Jacobs Foundation. Die von Unternehmer Klaus J. Jacobs gegründete Stiftung engagiert sich mit einer halben Million Franken.

Im kommenden Jahr werden die Projekte ausgewertet, die besonders erfolgreichen sollen schweizweit angeboten werden. Eines der innovativsten Pilotprojekte hat Dominik Petko von der Pädagogischen Hochschule (PH) Schwyz in Zusammenarbeit mit Radix, dem Schweizer Kompetenzzentrum für Gesundheitsförderung und Prävention, und der Stiftung idée:sport entwickelt. «Virtual Stories» setzt auf echte Geschichten. Jugendliche erzählen in Videos, welche Erlebnisse sie auf Facebook oder im Internet hatten, und sprechen auch über unangenehme Erfahrungen. Nachdem die Stimmen verzerrt und die Bildaufnahmen unscharf gemacht wurden, werden die Videos auf eine Website gestellt. Der Plan: Andere Jugendliche sehen die Videos, wodurch eine Online-Diskussion angestossen wird.

«Virtual Stories» unterscheidet sich deutlich von klassischen Ansätzen. «Bei der klassischen Peer Education machen Erwachsene Jugendlichen oft Vorgaben, was sie anderen Jugendlichen vermitteln sollen», sagt Petko, Leiter der Abteilung Forschung und Entwicklung an der PH Schwyz. Nicht von ungefähr wird Peer Education häufig als Instrumentalisierung von Jugendlichen kritisiert. Anders beim Pilotprojekt: «Wir versuchen, Jugendliche zu aktivieren, selbst Lösungen zu finden und ihr Wissen mit anderen zu teilen», erklärt Petko. «Wir Fachpersonen nehmen uns erst einmal zurück.» – Mit dem Ergebnis, dass die Jugendlichen unerwartete, eigene Geschichten erzählten. «Erst dann fragen wir: Wie habt ihr aus dieser Situation herausgefunden? Was würdet ihr anderen empfehlen?»

Vom Unwissen der Digital Natives

Ein weiterer Vorteil von Peer Education ist, dass Jugendliche als sogenannte Digital Natives – Eingeborene des digitalen Zeitalters – deutlich mehr von den Neuen Medien verstehen als ihre Eltern und Lehrer. Zumindest auf der technischen Seite. «Erwachsene besitzen Lebenserfahrung und wissen, dass auch auf der anderen Seite des Bildschirms Menschen sitzen», schränkt Petko ein. «Menschen, die Interessen haben und nicht alle vertrauenswürdig und ihnen wohlgesonnen sind.» Daher spielen erwachsene Fachpersonen bei «Virtual Stories» eine wichtige Rolle.