MEDIKAMENTE: Apotheker wittern «Korruption»

Der Apothekerverband fordert ein Gesetz gegen Korruption im Gesundheitswesen. Dies impliziert, dass finanzielle Anreize bei Ärzten ein Problem sind.

Léa Wertheimer
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Eine Mitarbeiterin der Versandapotheke «Zur Rose» kontrolliert im Logistikzentrum in Frauenfeld eine Bestellung Medikamente. (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Eine Mitarbeiterin der Versandapotheke «Zur Rose» kontrolliert im Logistikzentrum in Frauenfeld eine Bestellung Medikamente. (Bild: Keystone/Martin Rütschi)

Es sind klare Worte, die der Schweizerische Apothekerverband in seinem neusten Magazin findet. Die gesamte Publikation hat Pharmasuisse dem Kampf gegen die Korruption im Gesundheitswesen gewidmet. Darin pocht der Verband darauf, dass dieser per Gesetz Einhalt geboten werde. «Wir fordern eine Anti-Korruptions-Klausel für Ärzte», doppelt Karl Küenzi, Sprecher des Apothekerverbandes, nach. Das lässt aufhorchen, denn die Forderung impliziert, dass Korruption und Bestechlichkeit bei Ärzten ein Problem sind.

Bei genauer Lektüre aber wird klar, dass es sich um einen Frontalangriff gegen die Versandapotheke «Zur Rose» handelt. Mit ihr liefert sich der Apothekerverband, dem über 1300 Apotheken angegliedert sind, einen Kampf um das lukrative Geschäft mit Medikamenten. Die Schweizer Versandapotheke bietet im Internet verschiedene Medikamente günstiger an als die herkömmlichen Apotheken – ein Dorn im Auge von Pharmasuisse. Seit geraumer Zeit liefern sich deshalb der Verband und das Versandhaus vor Gericht einen Schlagabtausch.

Ärzte kassieren zusätzlich

Was aber hat es in sich, wenn Pharmasuisse der Versandapotheke oder den Ärzten nun implizit Korruption vorwirft? Pharmasuisse-Sprecher Karl Küenzi stösst sich an finanziellen Anreizen, welche Ärzte vom Versandhaus erhalten, wenn ihre Patienten über das Onlineportal ihre Medikamente kaufen.

Konkret: Für jeden Neukunden, den ein Arzt der Versandapotheke «Zur Rose» vermittelt, kassiert er 40 Franken. Stellt ein Arzt ein Rezept aus, erhält er für jede Zeile einen Franken gutgeschrieben, als Erfassungsentschädigung. Lässt er sich die Medikamente in die Praxis liefern, kommt eine Logistikpauschale von 5 Franken hinzu. Und genau diese monetären Anreize sind den Apothekern ein Dorn im Auge, wie Karl Küenzi, Sprecher des Apothekerverbandes, bestätigt. «Diese Fehlanreize sorgen dafür, dass ein Arzt bei der Überweisung zur Versandapotheke ‹Zur Rose› nicht mehr ganz frei entscheidet, weil er massive monetäre Vorteile hat.» Das sei eine schlechte Entwicklung, die unbedingt korrigiert werden müsse, betont Küenzi, und dies mittels Klausel im Heilmittelgesetz (HMG).

An Entwicklung anpassen

«Die heutige Gesetzgebung berücksichtigt neue Entwicklungen nicht», moniert der Sprecher des Apothekerverbandes. Anders sei das im Ausland. «In Deutschland ist es etwa untersagt, für die Zuweisung von Patienten und das Ausstellen eines Rezeptes Geld zu erhalten», führt er aus. Das müsse im neuen Heilmittelgesetz der Schweiz unbedingt ebenfalls verankert werden. «Ansonsten ist zu befürchten, dass Ärzte sich mehr um das Wohl ihres Geldbeutels als um jenes der Patienten sorgen.» Auf die Frage, ob Pharmasuisse denn befürchte, dass Ärzte in der Schweiz zunehmend korrupt würden, wehrt Küenzi ab. «Wir behaupten keineswegs, dass Ärzte in ihrer Gesamtheit korrupt sind.» Aber da sich die Verschreibung von Medikamenten auf mehrere Milliarden Franken belaufe, sei der Arzt besonders von Bestechung gefährdet und müsse sich entsprechend dagegen wehren.

Küenzi macht aber keinen Hehl daraus, dass den Apothekern die Versandapotheke auch aus wirtschaftlichen Gründen ein Dorn im Auge ist: «Es ist klar, dass uns jeder Patient, der nicht in unsere Apotheken kommt, auch in der Abrechnung fehlt.» Für die Apotheker stelle die Abgabe eines Medikamentes an Patienten das Haupteinkommen dar, bei Ärzten sei es ein zusätzlicher Nebenerwerb.

Transparent und bekannt

Die von Pharmasuisse angegriffene Versandapotheke «Zur Rose» weist die Vorwürfe weit von sich: «Mit Korruption hat das alles nichts zu tun», sagt CEO Walter Oberhänsli. Die Entschädigungen seien transparent und seit Jahren bekannt. Letztlich gehe es Pharmasuisse nur darum, die wirtschaftlichen Interessen der Apotheker zu verteidigen, pariert Oberhänsli. «Für die Apotheker sind Versandapotheken ein unliebsamer, da preislich und bezüglich Leistung sehr attraktiver Mitbewerber, der das in vielen Kantonen vorherrschende Apotheker-Monopol aufweicht.» «Zur Rose» entschädige die Ärzte für Leistungen, durch die sich der administrative und werbemässige Aufwand der Versandapotheke reduziere. «Die beanstandeten Entschädigungen sind deshalb rechtmässig, weil dadurch nur eine Gegenleistung abgegolten wird.»

Unnötige Verschärfung

Die Aargauer CVP-Nationalrätin Ruth Humbel findet es wichtig, dass Bestechlichkeit im Gesundheitswesen geregelt ist. «Aber es gilt, das gesunde Augenmass zu behalten.» Die Zeiten, in denen Pharmaunternehmen Ärzte mitsamt der Familie in die Ferien einluden, seien vorbei. «Meiner Meinung nach reicht das Gesetz, so wie es heute formuliert ist, eine Verschärfung ist nicht zwingend.» Die Klausel solle nicht dazu dienen, zu verhindern, dass Medikamente online gekauft würden, so Humbel.

Der Zuger Ständerat Joachim Eder war zehn Jahre lang Zuger Gesundheitsdirektor und kennt den Zwist zwischen den Ärzten und den Apothekern. «Sie sollten sich das Leben nicht gegenseitig schwer machen, sondern das Wohl der Patienten in den Mittelpunkt stellen», sagt er. Es sei wichtig, dass man sich dem Problemkreis zuwende, aber von Korruption zu sprechen, sei zu hart. «So ein Wort deutet auf schwere Missstände hin», so der FDP-Ständerat. Und solche habe er in seinen Amtsjahren als Gesundheitsdirektor nie bemerkt.