MEDIKAMENTE: In der Schweiz sind Generika zu teuer

Während der Preisunterschied von Medikamenten mit Patentschutz im Vergleich zum Ausland deutlich zurückging, sind Generika immer noch fast doppelt so teuer. Die Krankenkassen wollen gegen den Widerstand der Pharmabranche ein neues Preismodell durchsetzen.

Lukas Scharpf
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Im Inland zahlt man deutlich mehr für Generika als im Ausland. Im Bild: Apotheker Matteo Schaffhauser zeigt in der Alten Suidterschen Apotheke in der Stadt Luzern ein Medikament. (Bild Nadia Schärli)

Im Inland zahlt man deutlich mehr für Generika als im Ausland. Im Bild: Apotheker Matteo Schaffhauser zeigt in der Alten Suidterschen Apotheke in der Stadt Luzern ein Medikament. (Bild Nadia Schärli)

Eigentlich sind sich die Krankenkassen und die Pharmabranche spinnefeind, wenn es um die Medikamentenpreise geht. Trotzdem präsentierten der Krankenversicherungsverband Santésuisse und die beiden Branchenverbände der Pharmaindustrie, Interpharma und Vips, gestern Seite an Seite den neusten Auslandpreisvergleich der Medikamente. Die Differenzen brachen gestern im prunkvollen Saal des Hotels Bellevue Palace, in Gehdistanz vom Bundeshaus, deutlich durch.

Originalpräparate werden billiger

Bei den patentgeschützten Medikamenten, so genannten Originalpräparaten, haben sich die Schweizer Preise dem Ausland angeglichen. Schweizer Patienten bezahlen nur noch 5 Prozent mehr. Im Vorjahr waren es noch 12 Prozent. Das Bundesamt für Gesundheit hat die Preissenkungen verfügt. In zwei Überprüfungsrunden 2012 und 2013 wurden zwei Drittel der Medikamente vom Bundesamt für Gesundheit (BAG) den Auslandpreisen nach dem durchschnittlichen Wechselkurs des Jahres angepasst. Der Preis für das letzte Drittel wird immer noch zu einem Eurokurs von 1.58 Franken berechnet. Die Anpassung soll im Herbst dieses Jahres folgen, womit die Preise auf das Niveau im Ausland sinken könnten – oder sogar leicht darunter. Die Ersparnis zu Gunsten der obligatorischen Krankenversicherung liegt laut Interpharma bei 720 Millionen Franken bis Ende 2015.

Eine gute Sache also, diese Preissenkungen auf das Niveau des Auslands. Gar keine gute Sache, sagt Pharmavertreter Thomas Binder. «Damit gefährden wir die Qualität unseres Gesundheitswesens sowie den Zugang und die Versorgung mit Medikamenten», sagte der Vips-Geschäftsführer gestern. So könnte die Schweiz bei der Markteinführung eines Medikaments künftig vielleicht später drankommen, erklärte Binder. Und schliesslich müsse man auch die hohen Kosten in der Schweiz decken.

Kein Verständnis von Santésuisse

Verena Nold, die Direktorin von Santésuisse, hat für die Argumentation wenig Verständnis. Im Gegenteil, für sie sind die Preissenkungen zu niedrig. Erstens konnte die Pharmabranche beim BAG durchsetzen, dass die Preisanpassungen zu einem Wechselkurs geschehen, der künstlich angehoben wird (1,27 anstatt 1,22 Franken). Zweitens kritisiert sie die Erhebung der Medikamentenpreise in Deutschland in der Studie. Dort müssen Pharmafirmen einen Zwangsrabatt auf die meisten Medikamente geben. Aktuell sind das rund 16 Prozent. Zum Vergleich mit den Schweizer Preisen zog man aber die Listenpreise ohne Rabatte heran. Würde man die realen Wechselkurse nehmen und die Rabatte einberechnen, wären die Medikamente im Ausland wesentlich billiger als nur 5 Prozent. Thomas Binder verteidigte den heraufgesetzten Wechselkurs, damit federe man die Schwankungen ab. Bei den Rabatten zweifelte Cueni die Höhe von 16 Prozent an und verwies darauf, dass auch in der Schweiz Rabatte gewährt würden.

Handlungsbedarf bei Generika

Aber bei den Originalpräparaten hat sich immerhin einiges getan. Derweil herrschen bei den Generika immer noch krasse Preisunterschiede. «Das macht uns mehr Sorgen», sagte Verena Nold. Im Ausland bezahlt man nur 54 Prozent der Schweizer Preise. Das wirkt sich auf die Gesundheitskosten verstärkt aus, weil der Generika-Marktanteil in der Schweiz nur bei 20 Prozent liegt (siehe Grafik). Dabei zeigten die gestrigen Zahlen klar, dass Länder mit günstigen Generika auch wesentlich mehr davon verkaufen. In Deutschland kosten Generika 52 Prozent des Schweizer Preises bei einem Marktanteil von 58 Prozent. Intergenerika, die Vereinigung der führenden Generikafirmen, äusserte gestern Kritik an der Erhebungsmethode. Es sei eine «unzulässige Vereinfachung».

Kritik an Generika-Preissystem

Die Preise für Generika sind nicht nur hoch, sie bleiben auch hoch. Ein Rückblick der Santésuisse zeigt, dass sich die Preisdifferenz von rund der Hälfte in den letzten fünf Jahren gehalten hat. «Mit den heutigen Regeln bringt man die Preisdifferenz nicht herunter», sagte Andreas Schiesser, Projektleiter Medikamente von Santésuisse.

Wie aber werden die Preise von Generika erstellt? Die Nachahmerprodukte von Originalpräparaten, also Generika, haben selbst keine oder nur geringe Entwicklungskosten. Deshalb muss der Preis einen Mindestabstand zum Marktpreis des Originalpräparats einhalten. Dieser «Abstand» liegt zwischen 10 und 60 Prozent und hängt vom Umsatz des Originals ab und wie lange der Patentschutz schon abgelaufen ist. Der Preisüberwacher vermutet in seiner im letzten August publizierten Studie, dass viele Firmen diesen Mindestabstand als Richtpreis nehmen und ihre Möglichkeiten zur Preisgestaltung nicht voll ausnutzen. Die Abstandsregel ist eine Schweizer Lösung, die man andernorts in dieser Form vergebens sucht.

Was man hingegen in vielen europäischen Ländern findet, sind Festpreise. Eine Krankenkasse erstattet den Patienten für ein Medikament einen Fixbetrag, der sich am Preis des günstigsten Generikums orientiert. Wenn ein Patient ein teureres Medikament mit dem gleichen Wirkstoff beziehen möchte, muss er die Differenz selbst bezahlen. Eine Ausnahme bildet der Fall, wenn das teurere Medikament medizinisch unbedingt notwendig ist.

Sparpotenzial: 300 Millionen

Ein solches Festbetragssystem hat Santésuisse gestern gefordert und folgt damit der Empfehlung des Preisüberwachers. Nach seinen Berechnungen liegt das Einsparpotenzial damit bei mindestens 300 Millionen Franken jährlich. Wenn der Marktanteil der Generika in der Schweiz durch die tieferen Preise steigt, verstärkt sich das Sparpotenzial. Dass darunter die Qualität der Medikamente leide, wurde als Argument gestern selbst von der Pharmabranche nur halbherzig ins Feld geführt. Die strengen Zulassungskriterien der Behören, die heute eine hohe Qualität garantierten, würden ja weiterhin gelten.

Absage von der Pharmabranche

Von einem Festbetrag für Medikamente hält die Pharmabranche jedoch herzlich wenig. Das würde die Wahlfreiheit der Schweizer einschränken, entgegnete Pharmavertreter Thomas Binder von Visp. Es sei unsozial, weil der Patient die Differenz bezahlen müsse, wenn er bei seinem bevorzugten Hersteller bleiben wolle. Vorstellbar ist für Binder höchstens, dass es Anpassungen im jetzigen System gäbe, wie etwa den Preisabstand für Generika über 60 Prozent zu erweitern. Oder den variablen Selbstbehalt anzupassen, der bereits heute bei teureren Generika höher ist. Die Schweiz habe einen ganz anderen Generika-Markt als das Ausland, sagte Binder. Festpreise würden die Patienten niemals akzeptieren. Dagegen argumentierte Santésuisse-Direktorin Nold, dass es das System in der Schweiz bereits heute gebe – bei medizinischen Gegenständen. So werden bei Blutzuckermessstreifen jeweils nur die Preise des günstigsten Anbieters erstattet. Aber auch die Pharma hat Forderungen. So soll nicht nur der Wechselkurs, sondern auch die Kaufkraftparität für die Preisfestlegung herangezogen werden. Das sei weniger unvorhersehbar als der Wechselkurs, so Binder. Von der Idee hält wiederum Santésuisse gar nichts.