MEDIZIN: «Antikörpern gehört die Zukunft»

Ob Ebola oder Grippe: Die Ansteckung erfolgt über Viren. Das Institut für biomedizinische Forschung IRB in Bellinzona sucht nach Antikörpern. Manchmal ist es der Zeit voraus – wie bei Ebola.

Gerhard Lob
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An seinen Institut hat man schon lange die Grundlagen geschaffen, um einen Impfstoff gegen Ebola zu entwickeln. Nur interessierte dies damals kaum jemand. Antonio Lanzavecchia, Direktor vom IRB in Bellinzona. (Bild: Keystone/Gabriele Putzu)

An seinen Institut hat man schon lange die Grundlagen geschaffen, um einen Impfstoff gegen Ebola zu entwickeln. Nur interessierte dies damals kaum jemand. Antonio Lanzavecchia, Direktor vom IRB in Bellinzona. (Bild: Keystone/Gabriele Putzu)

Wahrscheinlich wissen viele in Bellinzona gar nicht, was in diesem Glaskasten unweit des Castelgrande passiert. IRB steht in grossen Lettern am Eingang: Istituto di Ricerca in Biomedicina. Institut für biomedizinische Forschung. Doch was bedeutet das? Vor wenigen Wochen geriet das IRB unerwartet in die Schlagzeilen, als bekannt wurde, dass hier bereits vor einigen Jahren eine Methode entwickelt worden war, um aus dem Blut geheilter Ebola-Patienten Antikörper zu isolieren. Mit diesen Antikörpern hätte man einen Impfstoff oder ein Medikament gegen Ebola herstellen können. Damals jedoch war Ebola kein brisantes Thema, niemand war an der Entwicklung eines Impfstoffs oder Medikaments gegen Ebola interessiert – ganz im Gegensatz zu heute.

«Das ist korrekt, ich kann das bestätigen», sagt IRB-Direktor Antonio Lanzavecchia beim Gespräch, wobei ihm bei diesem Thema nicht ganz wohl ist. Denn das IRB informiert über wissenschaftliche Entdeckungen erst dann mit einer Medienmitteilung, wenn sie in einer wissenschaftlichen Zeitschrift wie «Nature» oder «Science» publiziert wurden. Das ist sozusagen das Top-Gütesiegel für den Wert der wissenschaftlichen Forschung.

In diesem Fall war die Information aber zuerst über eine lokale Zeitung an die Öffentlichkeit gelangt. Tatsache ist aber, dass das National Institutes of Health in den USA mit Tests dieser Antikörper begonnen hat. Diese werden wegen der extremen Gefahr in einem Hochsicherheits-Labor der US-Armee vorgenommen. «Wichtiger als ein Impfstoff ist im Moment ein funktionierender Antikörper, um präventiv Ärzte zu schützen, die Ebola-Patienten behandeln», sagt Lanzavecchia.

Eine internationale Kapazität

Der 63-jährige Italiener ist Gründungsdirektor und zugleich Aushängeschild des IRB. Er war 17 Jahre am Institut für Immunologie des Pharma-Konzerns Hoffmann-La Roche in Basel tätig, das 2000 geschlossen wurde. Dann wechselte er zum neuen IRB nach Bellinzona, das im gleichen Jahr auf Initiative einiger Tessiner Persönlichkeiten eröffnet worden war. Seit 2009 ist der Forscher, der einst in Pavia Medizin studierte und sich auf Infektionskrankheiten spezialisiert hat, Professor für Humanimmunologie an der ETH in Zürich. Als internationale Kapazität in seinem Fach gehört er gemäss einer Klassifizierung der Agentur Thomas Reuter – gemeinsam mit seiner IRB-Kollegin Federica Sallusto – zu den meistzitierten Wissenschaftlern der Welt.

Unterschätztes Potenzial

Am IRB wird hauptsächlich Grundlagenforschung betrieben, in deren Mittelpunkt die Isolation von menschlichen monoklonalen Antikörpern steht. «Über Jahre hat die Industrie das therapeutische Potenzial dieser monoklonalen Antikörper nicht begriffen», sagt Lanzavecchia. Erst ab Mitte der 1990er-Jahre habe ein Umdenken eingesetzt. Inzwischen würden Antikörper nicht nur zur Behandlung infektiver Krankheiten eingesetzt, sondern auch zur Behandlung von Tumoren und Alzheimer erforscht. «Die Antikörper sind die Medikamente der Zukunft», ist der Immunologe überzeugt.

Im Jahr 2003 liess das IRB ein Verfahren zur Isolation von solchen Antikörpern patentieren und vergab ein Jahr darauf eine entsprechende Lizenz an ein Start-up-Unternehmen (Humabs Biomed SA). Der Zweck dieses neuen, privaten Unternehmens besteht darin, die nächste Generation rein humaner monoklonaler Antikörper auf dem Gebiet der Infektionskrankheiten und der entzündlichen Erkrankungen zu entdecken, zu entwickeln und kommerziell zu nutzen.

Budget von 16 Millionen Franken

Das IRB ist seit seiner Gründung rasch gewachsen. Inzwischen arbeiten dort 95 Personen aus 14 Ländern in neun Forschungsgruppen, rund die Hälfte sind Frauen. Das anhaltende Wachstum macht einen Neubau erforderlich, der bis 2018 rund 200 Wissenschaftler aufnehmen kann. Die Bevölkerung von Bellinzona gab dafür in einer Referendumsabstimmung grünes Licht.

Das IRB entstand unter anderem dank Spenden der Horten-Stiftung – der deutsche Warenhaus-Magnat Helmut Horten lebte bis zu seinem Tod 1987 im Tessin – und der Gustav-&-Ruth-Jakob-Stiftung sowie Zuschüssen der Stadt Bellinzona und des Kantons. Heute verfügt es über ein Budget von zirka 16 Millionen Franken pro Jahr. Ein Viertel wird durch Stiftungen aufgebracht, ein weiteres Viertel durch die öffentliche Hand. Die Hälfte muss hingegen durch Forschungsaufträge eingenommen werden.

Ist der Standort Bellinzona für ein Forschungsinstitut wie das IRB mit internationaler Ausstrahlung nicht etwas abgelegen? Lanzavecchia schüttelt den Kopf. Für die Forschung mache der Standort mittlerweile keinen Unterschied, denn inzwischen sei man so hoch spezialisiert, dass die direkten Ansprechpartner irgendwo auf der Welt sitzen. Kommuniziert wird mit Skype und Internet. «Wir leben letztlich auf einer I-Cloud», lacht Lanzavecchia.