MEDIZIN: Bund will Gentests für Embryos

Der Bundesrat will Gentests an künstlich gezeugten Embryos zulassen, um Erbkrankheiten auszuschliessen. Damit stösst er eine ethisch heikle Debatte an.

Eveline Rutz
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Der Bundesrat will Paaren, die schwere Erbkrankheiten in ihren Familien haben, erlauben, in-vitro-erzeugte Embryos auf Gendefekte untersuchen und ausschliessen zu lassen. Im Bild wird eine Eizelle unter dem Mikroskop bearbeitet. (Bild: Keystone)

Der Bundesrat will Paaren, die schwere Erbkrankheiten in ihren Familien haben, erlauben, in-vitro-erzeugte Embryos auf Gendefekte untersuchen und ausschliessen zu lassen. Im Bild wird eine Eizelle unter dem Mikroskop bearbeitet. (Bild: Keystone)

Paare, die schwere Erbkrankheiten in ihren Familien haben, sollen künftig die Präimplantationsdiagnostik (PID) nutzen können. Der Bundesrat will es ihnen erlauben, in-vitro-erzeugte Embryos auf Gendefekte untersuchen und ausschliessen zu lassen. Damit sollen spätere Schwangerschaftsabbrüche verhindert werden. «Der Bundesrat ist sich bewusst, dass dies ethische Fragen aufwirft», sagte Gesundheitsminister Alain Berset gestern vor den Medien. Es gelte zwischen den Interessen der betroffenen Paare und dem Schutz des Embryos sowie der Gesellschaft abzuwägen.

Embryos werden eingefroren

Die Regierung setzt klare Grenzen. So bleibt es verboten, so genannte «Retter-Babys» auszuwählen, die einem kranken Geschwister ein Organ oder Gewebe spenden sollen. Auch Tests auf spontan auftretende Krankheiten wie Trisomie 21 bleiben untersagt. Gelockert wird hingegen, wie viele Embryos pro Behandlung künstlich gezeugt werden dürfen. Statt drei werden acht erlaubt, was erblich vorbelasteten Paaren die Chancen auf ein gesundes Kind erhöhen soll. Um risikoreiche Mehrlingsschwangerschaften zu verhindern, dürfen Embryos zudem bis maximal fünf Jahre eingefroren werden. Noch offen ist, ob die obligatorische Grundversicherung dereinst für die Kosten einer PID aufkommen muss. Was als schwere Erbkrankheit gilt, legt der Bundesrat nicht anhand einer Liste, sondern anhand von Kriterien fest. Dazu zählt etwa, dass keine wirksame und zweckmässige Therapie zur Verfügung steht, dass Motorik oder Kognition schwer eingeschränkt sind und die Krankheit vor dem 50. Lebensjahr ausbricht. «Was darunter fällt, ist auch eine Ermessensfrage», so Pascal Strupler, Direktor Bundesamt für Gesundheit.

«Absurde Resultate zu erwarten»

Die Botschaft, die der Bundesrat gestern ans Parlament überwiesen hat, löst erwartungsgemäss geteilte Reaktionen aus. Die St. Galler Ärztin und Nationalrätin Yvonne Gilli (Grüne) spricht von einem «pragmatischen Weg». Man könne die Augen vor den technischen Möglichkeiten nicht verschliessen, es brauche aber restriktive Rahmenbedingungen. Dass viele Paare im liberaleren Ausland Hilfe suchten, sei eine Realität. Dass heisse allerdings nicht, dass man gleichziehen müsse. Genau dies würde sich hingegen Bruno Imthurn, Direktor der Klinik für Reproduktions-Endokrinologie am Universitätsspital Zürich, wünschen. «Neben dem Vatikan hat die Schweiz das restriktivste Gesetz.» Die Pläne des Bundesrates würden zu absurden Resultaten führen. «Bestimmte Krankheiten dürfte man untersuchen und ausschliessen, andere, die man bei der gleichen Analyse feststellt, aber nicht.» Das könne im schlimmsten Fall dazu führen, dass man einer Frau einen Embryo einpflanze, der später wieder abgetrieben werde. «PID ist nichts anderes als eine pränatale Diagnostik», sagt Imthurn. Er kann die Angst vor Missbräuchen nachvollziehen. Erfahrungen aus Grossbritannien, Belgien, Holland oder Schweden zeigten jedoch, dass ein liberales Gesetz nicht das Ende von Moral und Ethik bedeutete.

Auf die Selbstverantwortung der Eltern setzt auch Patientenschützerin Margrit Kessler (GLP, St. Gallen), wichtig sind ihr allerdings klare Grenzen. «Es darf keine Designer-Babys geben.»

«Äusserst bedenklich»

«Es wird eine ethische Grenze überschritten», kritisiert Christian Lohr (CVP, Thurgau), der selbst behindert ist. Man greife in die Natur ein und treffe frühzeitig eine Selektion. Jetzt werde die Technik zwar auf Fälle beschränkt, wo Erbkrankheiten vorkommen könnten. Es bestehe jedoch die Gefahr, dass sie später auch breiter genutzt werde. «Man beginnt es als Selbstverständlichkeit anzusehen, dass Embryonen mit Beeinträchtigungen abgetrieben oder frühzeitig ausgeschieden werden.» Das sei äusserst bedenklich. «Die Gesellschaft sollte auch zu behinderten Menschen stehen können.»

«Ein Papiertiger»

Scharfe Kritik kommt auch von der EVP. Nicht alles, was wissenschaftlich machbar sei, sei auch ethisch zu verantworten, schreibt sie in einem Communiqué. Die PID nehme die Tötung von Embryonen bewusst in Kauf. Auch bei natürlichen Schwangerschaften überlebten nicht alle Embryonen, gibt Kessler zu bedenken. «In rund 40 Prozent kommt es zu Aborten.» Das Gesetz drohe zu einem Papiertiger zu werden, moniert Mediziner Imthurn. Der Bundesrat rechne mit 50 bis 100 PID-Untersuchen. Die 26 Schweizer Kliniken würden demnach zwei bis vier Mal zum Zug kommen. «Da kann die Qualität nicht gut sein.»

Das Gesetz zur PID hat eine lange Geschichte hinter sich. 2009 wurde es von Pascal Couchepin ein erstes Mal in die Vernehmlassung geschickt. Es war damals allerdings so restriktiv ausformuliert, dass es einem Verbot fast gleichkam und Schiffbruch erlitt. Ob die jetzigen Pläne umgesetzt werden, entscheiden dereinst Volk und Stände.