Medizinische Fortschritte? Neue Medikamente? Wie Schweizer Spitäler jetzt gegen Corona kämpfen

Obwohl medizinische Durchbrüche fehlen, fürchten die Schweizer Spitäler keine Kapazitäts-Überlastung.

Leo Eiholzer
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Das Unispital Zürich setzt Remdesivir und Entzündungshemmer ein, um Corona-Patienten zu behandeln.

Das Unispital Zürich setzt Remdesivir und Entzündungshemmer ein, um Corona-Patienten zu behandeln.

Keystone

Huldrych Günthard befindet sich seit sieben Monaten im Zentrum des Kampfes gegen das Coronavirus. Als stellvertretender Direktor der Klinik für Infektionskrankheiten am Unispital Zürich hat der Arzt den Verlauf der Seuche mit eigenen Augen gesehen. Bei seinen Patienten verläuft die Krankheit momentan im Schnitt milder als im April, sagt er.

Aber: «Der überwiegende Grund für die milderen Krankheitsverläufe im Vergleich zum Frühling ist, dass die Patienten jünger sind», sagt Günthard. Damit meint er auch: Nur ein kleiner Teil ist auf bessere Behandlungsmöglichkeiten zurückzuführen.

Und beerdigt damit die Hoffnungen, das Coronavirus sei wegen Fortschritten in der Medizin weniger gefährlich geworden. Er stellt klar: «Die Erfahrung hilft. Aber wir hatten noch keinen medizinischen Durchbruch.»

Dennoch ist der Fortschritt interessant. Er ist das Resultat eines Ringens um die richtige Behandlung, die weitergehen wird, bis das Coronavirus Geschichte ist. Das Unispital Zürich setzt mittlerweile routinemässig das Mittel Remdesivir ein.

Ursprünglich gegen Ebola entwickelt, wurde es seit Beginn der Pandemie als Medikament gegen das Coronavirus gehandelt. Nun ist es das tatsächlich. «Remdesivir geben wir, wenn die Sauerstoffsättigung unter ein bestimmtes Mass sinkt. Es ist ein sehr sicheres Medikament und es mildert eindeutig den Krankheitsverlauf.»

Das Bundesamt für Gesundheit hatte sich beim Hersteller Gilead früh das Medikament gesichert. Dennoch ist die Menge beschränkt, was im Klinikalltag spürbar ist. Günthard sagt: «Hätten wir unbegrenzt Remdesivir, würden wir es teilweise früher geben.»

Huldrych Günthard, leitender Arzt am Universitätsspital Zürich

Huldrych Günthard, leitender Arzt am Universitätsspital Zürich

Bei äusserst schwer erkrankten Patienten kommt ein Entzündungshemmer zum Zug. Das Medikament Dexamethason wird schon seit Jahrzehntenfür anderes erfolgreich eingesetzt. Es bekämpft nicht das Virus, sondern bremst die überschiessende Reaktion des Immunsystems. Günthard sagt:

«Das Medikament hat die Todesrate bei schwerkranken Menschen gesenkt.»

Günthard sieht beispielsweise die Behandlung des US-Präsidenten Trump, der allerlei experimentelle Substanzen erhielt, kritisch: «Es ist völlig unklar, ob die Medikamente einen Vorteil bringen. Das ist keine gute Art der Medizin, zeigt aber, dass man als Präsident mehr haben kann als die Normalbevölkerung.»

«Den Anstieg werden wir deutlich spüren»

Auch das Inselspital Bern setzt Entzündungshemmer und Remdesivir ein, wie Oberarzt Philipp Jent sagt. Zudem habe man in der ersten Welle Erfahrungen gesammelt, wie Patienten optimal künstlich beatmet werden. Dies beinhalte zum Beispiel auch das Umlagern alle paar Stunden vom Rücken auf den Bauch und zurück.

In den Spitälern herrscht momentan «business as usual». Das Schreckenszenario von überlasteten Krankenhäusern beschäftigt die Ärzte kaum mehr. «Ich erwarte nicht, dass wir ans Limit kommen. Die Älteren und die Risikogruppen schützen sich recht gut», sagt Günthard. Dennoch:

«Den neusten Anstieg auf 1000 Infektionen, der am Mittwoch bekannt gegeben wurde, werden wir in zwei Wochen deutlich spüren.»

Auch Jent vom Inselspital sagt zur Zunahme von Corona-Patienten: «Ob das in Form einer grossen Welle sein wird oder kontinuierlich als zusätzliche Patienten im Spital, hängt vom Erfolg der Eindämmungsmassnahmen und des Contact Tracing ab.»

Man sei durch verschiedene Massnahmen wie Reserveintensivplätze, Stationsbetten oder Lagerung von Schutzmaterial auf eine Zunahme vorbereitet. Auch Günthard sagt: «Wir haben die Notfallpläne bereit.»