MEXIKO: «In der Schweiz ist so ein Erdbeben kaum möglich»

Nach den heftigen Erschütterungen in Mexiko erklärt der Seismologe Dominik Zbinden, wieso mit solch starken Beben hierzulande nicht zu rechnen ist.

Gregory Remez
Drucken
Teilen
In der Stadt Juchitan, die schwer vom Erdbeben getroffen wurde, laufen die Aufräumarbeiten an. Einwohner besprechen die Lage bei einem komplett zerstörten Gebäude. (Bild: Luis Alberto Cruz/AP (8. September 2017))

In der Stadt Juchitan, die schwer vom Erdbeben getroffen wurde, laufen die Aufräumarbeiten an. Einwohner besprechen die Lage bei einem komplett zerstörten Gebäude. (Bild: Luis Alberto Cruz/AP (8. September 2017))

Interview: Gregory Remez

Dominik Zbinden, im Süden von Mexiko hat es ein Erdbeben mit einer Magnitude von 8,1 gegeben. Mindestens 32 Menschen kamen ums Leben. Kennen Sie das Unglücksgebiet?

Ich war leider noch nie in Mexiko und habe dort keine Bekannten. Ich weiss aber, dass viele Häuser in der betroffenen Region nicht erdbebengerecht gebaut sind, obwohl es dort immer wieder zu Erschütterungen kommt. Ich weiss nicht, wie gut das Land auf das Beben vorbereitet war.

Der mexikanische Präsident Enrique Peña Nieto sprach gestern vom stärksten Beben in Mexiko seit fast einem Jahrhundert. Wie muss man sich ein solches Jahrhundertbeben vorstellen?

Neben der Stärke eines Bebens ist immer auch entscheidend, wo es sich ereignet. Laut dem United States Geological Survey, dem USGS, liegt das Epizentrum diesmal rund 70 Kilometer südwestlich der mexikanischen Küste, ungefähr 70 Kilometer unter der Meeresoberfläche. Trotz der relativ grossen Entfernung vom Festland hat das Beben wegen seiner Stärke massive Auswirkungen für die Küstenregion, aber auch für das Landesinnere. Es kann zu grossen Schäden an Gebäuden, unter Umständen auch zu Einstürzen kommen.

Was hat das schwere Erdbeben in Mexiko ausgelöst?

Die westlich von Mittelamerika gelegene, kleine Cocos-Platte hat sich unter die gigantische Nordamerikanische Platte geschoben – eine tektonische Aktivität, die in der Region immer wieder zu Erdbeben führt. Das aktuelle Beben ereignete sich allerdings nicht wie sonst üblich zwischen den Platten, sondern innerhalb der Cocos-Platte. Das konnte aus der Analyse der seismologischen Daten ermittelt werden.

Spielt der Klimawandel dabei eine Rolle?

Es deutet aktuell nichts auf eine Korrelation zwischen Klimawandel und Erdbeben hin. Ein Beben der Stärke 8 kommt weltweit etwa einmal pro Jahr vor. Dieser Richtwert hat sich über die letzten 100 Jahre kaum verändert.

Mexiko und seine südlichen Nachbarn werden immer wieder von Erdbeben erschüttert. Wie ist das aktuelle Beben im historischen Kontext zu beurteilen? War es tatsächlich das schlimmste der letzten 100 Jahre?

Das letzte zerstörerische Erdbeben liegt gar nicht so lange zurück. Es ereignete sich im Jahr 1985. Über zehntausend Menschen kamen ums Leben. Auch damals hatte das Beben eine Stärke von 8,1. Das Epizentrum lag näher an der Erdoberfläche, und auch um einiges näher an der dichtbesiedelten Metropole Mexiko-Stadt, weshalb die Auswirkungen sehr verheerend ausfielen. In einem Umkreis von 250 Kilometern um das Epizentrum des aktuellen Bebens ereigneten sich in den letzten 100 Jahren zudem acht grössere Beben mit Magnituden von bis zu 7,5.

Nach den Erschütterungen in Mexiko gab es Warnungen für El Salvador, Costa Rica, Nicaragua, Panama, Honduras und Ecuador. Zudem wird mit Tsunami-Wellen gerechnet. Wie wahrscheinlich sind weitere Beben in der Region?

Es hat bereits eine Serie von Nachbeben gegeben, das grösste hatte eine Stärke von 5,7. Das liegt im Bereich des Normalen nach derartigen Ereignissen. Ob es nochmals zu einem schweren Beben kommt, ist nicht vorherzusagen, kann aber nicht ausgeschlossen werden.

Zuerst die Hurrikane Hervey und Irma, nun das Erdbeben in Mexiko – in einem geografisch relativ homogenen Gebiet sind innert kürzester Zeit gleich drei Extremereignisse aufgetreten. Gibt es einen Zusammenhang?

Darüber ist bisher nichts bekannt. Es handelt sich um zwei völlig unterschiedliche Naturphänomene, deren Ursachen unabhängig voneinander sind. Wirbelstürme entstehen durch starke Druckveränderungen in der Atmosphäre, also über der Erdoberfläche. Erdbeben hingegen werden durch tektonische Spannungen verursacht, die sich weit unter der Erdoberfläche abspielen.

In Uri hat die Erde heute Morgen ebenfalls gebebt. War das ein Zufall?

Das Ereignis in Uri ist zwar isoliert zu betrachten, jedoch hatte das Erdbeben in Mexiko Einfluss auf dessen Messung. Die Erschütterungen in Uri waren deshalb weit schwächer als zuerst vermutet. Unsere Messinstrumente hatten in Uri zunächst eine Magnitude von 3 ermittelt und Alarm geschlagen. Bei genauerer Untersuchung der Daten stellte sich aber heraus, dass die Seismometer von den starken Oberflächenwellen des Bebens in Mexiko überlagert wurden – und dadurch ein verfälschtes Ergebnis lieferten.

Wie wahrscheinlich sind Erdbeben der Stärke 8 auf der Richterskala in der Schweiz?

Für das grösste Beben in der Schweiz muss man im Kalender ziemlich weit zurückblättern. Historischen Aufzeichnungen zufolge hat es 1356 in Basel ein Erdbeben der Stärke 6,6 gegeben. Ein fast so starkes Beben gab es vor rund 170 Jahren mit einer Stärke von 6,2 in Visp im Kanton Wallis. Als Richtwert gilt: Beben mit einer Magnitude von 6 kommen in der Schweiz alle 50 bis 150 Jahre vor. Noch grössere Beben sind zwar nicht auszuschliessen, aber ziemlich unwahrscheinlich. Dabei sollte man bedenken, dass die Skala logarithmisch aufgebaut ist. Das heisst, ein Erdbeben der Stärke 6 ist tausendmal stärker als ein Beben der Stärke 4. Ein Beben der Stärke 8 ist tausendmal stärker als eines mit Stärke 6.

Hinweis

Dominik Zbinden (26) ist Seismologe beim Schweizerischen Erdbebendienst (SED) an der ETH Zürich.