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MIGRATION: Ein Leben im Schatten der Gesellschaft

Sans-Papiers leben in ständiger Angst, entdeckt zu werden. Die Ex-Studentin Luana, hat Strategien dagegen entwickelt.
Eveline Rutz
Sans-Papiers versuchen in der Öffentlichkeit nicht aufzufallen. (Symbolbild) (Bild: Archiv / Neue ZZ)

Sans-Papiers versuchen in der Öffentlichkeit nicht aufzufallen. (Symbolbild) (Bild: Archiv / Neue ZZ)

Luana ist immer aufmerksam. Wenn sie sich in der Öffentlichkeit bewegt, registriert sie ununterbrochen, was um sie herum passiert. Sie versichert sich, dass ihr niemand folgt und in der Nähe keine Personenkontrollen stattfinden. Luana dürfte nämlich gar nicht hier sein. Sie gehört zu den bis zu 300 000 Sans-Papiers, die ohne gültige Aufenthaltspapiere in der Schweiz leben.

«Ich bin geübt darin, nicht aufzufallen», sagt die Brasilianerin, die nur in diesem Artikel Luana genannt wird. Dass sie einst legal in der Schweiz lebte und sehr gut deutsch spricht, hilft ihr dabei. Angst hat sie nicht in erster Linie vor der Polizei. Sie fürchtet sich vielmehr davor, von Privatpersonen verpfiffen zu werden. Dass andere ihren Frust an ihr auslassen, hat die Papierlose schon häufig erlebt.

Ein normales Studentenleben

Ihr Wissenshunger habe sie hierher geführt, erzählt Luana im Büro einer Sans-Papiers-Beratungsstelle. In ihrer Heimat hatte sie ein Studium in Philosophie, Psychologie und Soziologie abgeschlossen. In der Schweiz wollte sie ihr Wissen vertiefen. «Ich wollte die Schriften der europäischen Philosophen noch besser nachvollziehen können.» Hinzu kam der Wunsch, als Frau mehr Freiheiten zu geniessen und etwas von der Welt zu sehen. «Die Schweiz hat mich mit offenen Armen empfangen», erinnert sich die heute 42-Jährige. Als Studentin, die über ein finanzielles Polster verfügte, erhielt sie problemlos eine Aufenthaltsbewilligung B. Sie wohnte in einer Wohngemeinschaft und verdiente sich den Lebensunterhalt mit Babysitten und Gelegenheitsjobs. Acht Jahre lange lebte Luana gut integriert, bis ihre Ersparnisse aufgebraucht waren und ihr der Ex-Freund das Leben schwer machte. Da sah sie sich gezwungen, nach Brasilien zurückzukehren.

Bei der Arbeit schlecht behandelt

«Ich hatte einen Kulturschock», erinnert sich Luana, die zusammen mit elf Geschwistern im Urwald aufgewachsen war. Familie, Freunde und der Alltag waren ihr plötzlich fremd. Nach sechs Monaten stand für sie fest: Sie musste in die Schweiz zurück. «Hier fühle ich mich einfach zu Hause.» Die Aussicht, mit einem abgebrochenen Studium keine Aufenthaltsbewilligung mehr zu erhalten, schreckte sie nicht ab. Ihr Leben änderte sich allerdings komplett. Luanas Augen füllen sich beim Erzählen mit Tränen, sie stockt.

Ihre Freunde wendeten sich von ihr ab, und das Ehepaar, dessen Kinder sie bereits als Studentin betreut hatte, begann, sie auszunützen. Luana reagierte mit Panikattacken. Als sie keinen Ausweg mehr sah, zog sie einen Schlussstrich. Sie begann, in Privathaushalten zu putzen, und musste auch dabei schmerzlich erfahren, dass Sans-Papiers meist am kürzeren Hebel sitzen. Was sie durchmachte, will sie nicht im Detail ausführen. Sie sagt nur so viel: «Es ist schrecklich, was hinter geschlossenen Türen passiert.» Verletzend seien nicht die Taten an sich, sondern das, was in den Köpfen der Menschen vorgehe. Heute lässt sich Luana nicht mehr alles gefallen: Sie sucht sich ihre Arbeitgeber selbst aus und hat sich einen Mindestlohn festgelegt. Wird sie nicht mit Respekt behandelt, kündigt sie sofort. «Lieber hungere ich drei Tage lang, als an einem schlechten Ort zu putzen.» Wie viele Sans-Papiers arbeitet sie nicht schwarz, sondern grau. Von ihrem Lohn werden Sozialversicherungsabgaben und Quellensteuern abgezogen. Über eine Krankenversicherung verfügt sie allerdings nicht, obwohl sie eine brauchen könnte. Da die Zimmer, die sie temporär bewohnt, oft schlecht isoliert und geheizt sind, ist sie häufig krank. Das ganze letzte Jahr kämpfte sie gegen eine hartnäckige Erkältung. An Medikamente, die nicht frei verkauft werden, gelangt sie «durch Charme».

Luana lebt sehr zurückgezogen. Nachdem sie vor drei Monaten noch obdachlos war, hat sie in einer WG Unterschlupf gefunden. 20 bis 30 Mal hat sie das wenige, was sie besitzt, bereits an einen anderen Ort geschafft. Häufig stand sie Knall auf Fall auf der Strasse; auch ihre jetzige Bleibe ist nur eine auf Zeit.

Luana beschäftigt sich am liebsten mit sich selbst. Sie liest viel und bildet sich autodidaktisch weiter. Sie geht in ihrer Freizeit gerne in Museen, die keinen Eintritt verlangen, oder spazieren. «Ich habe und will auch gar keine Freunde mehr.» Sie hat ein paar gute Bekannte, die ihr in Notsituationen helfen. Keinen Kontakt pflegt sie zu anderen Sans-Papiers. «Das würde mich nur noch trauriger machen.»

Nachdenken über Härtefallgesuch

Nach insgesamt 16 Jahren in der Schweiz denkt Luana über ein Härtefallgesuch nach. Sie hat sich über die Anforderungen informiert und ist daran, die Unterlagen zusammenzutragen. Mit dem Einreichen zögert sie jedoch noch. «Es kommt mir so vor, als ob die Behörden je nach Lust und Laune entscheiden.» Luana spricht von Lebensträumen, die sie noch verwirklichen möchte. Welche das sind, will sie nicht verraten. Eine Niederlassungsbewilligung und eine andere Arbeit zählen sicher dazu.

Das Leben als Papierlose bezeichnet sie als härteste Erfahrung ihres Lebens. Sie würde den gleichen Weg aber wieder gehen. «Das Leiden ist die Mutter aller Gefühle», sagt sie. Sie habe in den letzten acht Jahren unglaublich viel gelernt und sei selbstsicherer geworden. «Kein Mensch wählt dieses Leben freiwillig», stellt sie klar, «es verletzt uns in unserer Menschenwürde.»

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