MIGRATION: Zahlenchaos im Schweizer Asylwesen

Wie viele Asyl- suchende tauchen unter? So genau kann das niemand sagen, nicht einmal das Bundesamt für Migration.

Sermîn Faki
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Christoph Schelling. (Bild: Freshfocus/Monika Flückiger)

Christoph Schelling. (Bild: Freshfocus/Monika Flückiger)

Im Kanton Luzern sind im vergangenen Jahr 343 Asylsuchende untergetaucht. Dies berichtete die «Neue Luzerner Zeitung» Anfang Monat. Im ersten Quartal dieses Jahres waren es bereits 103. Das ist ein Drittel aller Asylsuchenden im Kanton – und damit deutlich mehr als die 10 bis 15 Prozent, die das Bundesamt für Migration (BFM) aufgrund von Erfahrungen angibt.

Doch sind die Luzerner Zahlen ein Ausreisser oder entsprechen sie dem Bild in anderen Kantonen? Um das herauszufinden, fragte die «Zentralschweiz am Sonntag» alle 26 Kantone nach der Zahl der untergetauchten Asylsuchenden für das Jahr 2012 und das erste Quartal 2013 an und verglich sie mit einer Statistik, die das Bundesamt für Migration auf Anfrage zusammenstellte.

Keine einzige Übereinstimmung

Das Ergebnis überrascht: Die fünf Kantone Basel-Stadt, Freiburg, Schaffhausen, Zug und Zürich führen gar keine eigene Statistik und verweisen auf die Zahlen des Bundesamtes für Migration. Wie sich zeigt, ist das die klügste Antwort. Denn in keinem der 17 Kantone, die Zahlen lieferten (Glarus, Jura, Wallis und Tessin reagierten nicht auf die Anfrage), stimmten diese mit jenen des Bundes überein. Sogar dann nicht, wenn sich die kantonalen Migrationsämter auf die Zahlen des Bundes beriefen. So gab der Kanton Thurgau die Zahl der 2012 untergetauchten Asylsuchenden mit 86 («Quelle BFM-Asylstatistik 2012») an. Das BFM hingegen meldet 218 Untergetauchte (siehe Tabelle). Auch in St. Gallen tauchten nach kantonalen Angaben weniger Asylsuchende unter als das BFM meint.

In den meisten Fällen aber sind die kantonalen Zahlen höher als die des Bundes, im Wallis beispielsweise um 42 Prozent (2012), in Neuenburg sogar um fast 44 Prozent. Ob nun höher oder tiefer: Dass die Zahlen von Bund und Kantonen so unterschiedlich sind, irritiert. Denn die Zahlen des BFM sollten auf den Angaben der Kantone beruhen, die verpflichtet sind, jeden untergetauchten Asylsuchenden innert 14 Tagen nach Bern zu melden.

Beim Bundesamt für Migration hat man denn auch keine rechte Erklärung für die Unterschiede: «Da die Zahlen aus den kantonalen Statistiken tendenziell höher liegen als jene des BFM, gehen wir davon aus, dass es sich bei der Differenz um Menschen handelt, die nach einem Asylentscheid abtauchen», sagt Sprecher Michael Glauser. Die publizierten Statistiken des Bundes würden nur Asylsuchende bis zum Entscheid erfassen, erklärt er. «Der Vollzug liegt nachher in der Verantwortung der Kantone.» Doch auch menschliche Fehler will Glauser nicht ausschliessen. In Einzelfällen sei es möglich, dass nicht alle Untergetauchten dem Bund gemeldet wurden. Zudem müsse man bedenken, «dass es sich bei den Asyl­suchenden zumeist um junge allein stehende Männer handelt, die entsprechend mobil sind», weist Glauser auf ein weiteres Problem hin. «Im Moment verzeichnen wir beispielsweise einen Zuwachs an marokkanischen Asylsuchenden. Diese kommen nicht aus Marokko direkt, sondern aus Südeuropa, wo sie durch die Wirtschaftskrise arbeitslos geworden sind. Nun sind sie in ganz Europa auf der Suche nach Arbeit.»

Konfrontiert mit solchen Situationen ist es schwierig, die Übersicht zu haben. So sind etwa im Kanton Basel-Landschaft 98 von den 286 im Jahr 2012 verschwundenen Asylsuchenden später wieder aufgetaucht. Das erschwert eine saubere Statistik. Daher äussern auch Politiker Verständnis für die unstimmigen Zahlen: «Es ist schwierig, stabile Zahlen in Migrationsfragen zu erheben», sagt der Zuger CVP-Nationalrat Gerhard Pfister. Die Zahlen zeigten zwar, dass es im Asylwesen zu wenig Ordnung gebe, so der Asylpolitiker. «Sie zeigen aber auch, dass die Beteiligten am Anschlag laufen.»