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Milderes Urteil für Grenzwächter

Es bleibt beim Schuldspruch: Im Fall um eine Syrerin, die bei der Rückschaffung eine Totgeburt erlitt, hat das Militärgericht in zweiter Instanz einen Grenzwächter aber von den schwersten Vorwürfen freigesprochen.
Samuel Schumacher
Suha Alhussein Jneid und Omar Jneid laufen zur Verhandlung zum Tod eines ungeborenen syrischen Babys vor dem Militärappellationsgericht in Zürich. Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 5. November 2018)

Suha Alhussein Jneid und Omar Jneid laufen zur Verhandlung zum Tod eines ungeborenen syrischen Babys vor dem Militärappellationsgericht in Zürich. Bild: Ennio Leanza/Keystone (Zürich, 5. November 2018)

Die Hand hat Suha Alhussein (26) dem Grenzwächter nicht gereicht. Christian L. (58) ging nach der Urteilsverkündung am Dienstag auf die Syrerin zu und hätte sich gerne bei ihr entschuldigt. Alhussein aber brachte es nicht übers Herz, dem Mann, den sie für den Tod ihrer Tochter verantwortlich macht, zu verzeihen.

Am 4. Juli 2014 brachte sie ihre Tochter nach der Rückschaffung von Brig nach Domodossola tot zur Welt. L., der zuständige Grenzwächter in Brig, hatte der unter starken Schmerzen leidenden Hochschwangeren zuvor auf seinem Posten medizinische ­Hilfe verweigert. Dafür wurde er am Dienstag vom Militärappellationsgericht wegen einfacher und fahrlässiger Körperverletzung und wegen Nichtbefolgung von Dienstschriften zu einer bedingten Geldstrafe von 150 Tagessätzen à 150 Franken verurteilt.

Das Urteil der Appellationsrichter fiel milder aus als jenes, das die Vorinstanz vor einem Jahr gefällt hatte. Damals wurde Christian L. wegen seiner Rolle an jenem Julitag zusätzlich wegen versuchten Schwangerschaftsabbruchs zu einer bedingten Freiheitsstrafe von 7 Monaten verurteilt. Das sahen die Militärrichter des Appellationsgerichts am Dienstag anders. Sie glaubten L., dass er die starken Schmerzen der Syrerin als normale Schwangerschaftsbeschwerden eingeschätzt hatte und hielten fest, dass er nicht aktiv auf die Frau eingewirkt habe.

Gleichzeitig habe er sich während der Stunden, die Suha Alhussein zusammen mit 35 anderen syrischen Flüchtlingen in seiner Obhut befand, zu wenig um die Frau gekümmert. Die von L. geltend gemachten sprachlichen und kulturellen Barrieren seien keine ausreichende Entschuldigung für sein passives Verhalten. Den Vorwurf von Suha Alhusseins Anwältin, Christian L. habe der Syrerin nur wegen ihres Kopftuchs die Unterstützung verweigert, verwarfen die Richter.

Syrerin sieht L. als «Mörder»

Suha Alhussein zeigte sich enttäuscht über das Urteil. Für sie ist klar: Christian L. hat ihr aus rassistischen Gründen nicht geholfen. Dass ihr als Ausländerin von der Schweizer Justiz «keine Gerechtigkeit» widerfahren sei, mache sie tieftraurig. «Der Mörder, der meine Tochter umgebracht hat, läuft hier mit einem Lächeln raus. Hätte ich kein Kopftuch getragen, wäre vielleicht alles anders gekommen», sagte Suha Alhussein dieser Zeitung. Ihr Mann Omar Jneid steht neben ihr. Gerade hat er Christian L. die Hand gegeben. Angenommen hat er L.’s Entschuldigung aber nicht. «Ich wollte ihn einfach nicht enttäuschen. Das gehört zu meiner Kultur», sagt Jneid. «Dieser Mann war böse zu uns, aber meine eigenen Vorstellungen erlauben es mir nicht, ihm den Handschlag zu verwehren.»

Suha Alhussein will das Urteil auf jeden Fall anfechten und bis zum Schluss für Gerechtigkeit für ihre verlorene Tochter kämpfen. Fünf Tage haben die Beteiligten Zeit, das Urteil des Militärappellationsgerichts beim Militärkassationsgericht, der letzten Instanz, anzufechten. Fünf Tage bleiben ihnen, um das zu tun. Sowohl die Verteidiger von Christian L. und von Suha Alhussein als auch der militärische Staatsanwalt überlegen sich einen Weiterzug.

Für den Grenzwächter Christian L. bedeutet das gestrige Urteil aber erst einmal eine gewisse Erleichterung. Nach dem Urteil steht er vor dem Gerichtssaal und sagt: «Ich habe meine Arbeit sehr, sehr gerne gemacht. Und ich glaube, ich war ein guter Grenzwächter.» Trotzdem könne er diese Arbeit nicht mehr machen. «Ich möchte nie mehr in eine ähnliche Situation geraten.»

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