Millionen für Schweizer Moscheen: Was bezweckt Katar mit seinem finanziellen Engagement?

Die Nichtregierungsorganisation Qatar Charity aus dem kleinen, aber reichen Golfstaat finanziert islamische Zentren in ganz Europa. Auch in die Schweiz flossen mindestens 3,7 Millionen Euro. Islamexpertin Saida Keller-Messahli warnt: «Qatar Charity fördert aktiv die Bildung von Parallelgesellschaften in Europa.»

Kari Kälin
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Erhielt Geld aus Katar: das Museum der Islamischen Zivilisationen.

Erhielt Geld aus Katar: das Museum der Islamischen Zivilisationen.

Bild: Laurent Gillieron/Keystone

Mit knapp 3,7 Millionen Euro hat die katarische Nichtregierungsorganisation Qatar Charity (QC) Moscheen, islamische Vereine und Projekte in der Schweiz finanziert: Diese Zahl enthüllen die französischen Journalisten Christian Chesnot und Georges Malbrunot in ihrem Buch «Qatar Papers», von dem seit wenigen Tagen eine deutsche Übersetzung vorliegt.

Mit Hilfe von Whistleblowern konnten die beiden Journalisten die Finanzflüsse von QC durchleuchten. Nicht nur die Zahl für die Schweiz lässt aufhorchen. Im Jahr 2014 beliefen sich die Investitionen auf knapp 72 Millionen Euro für mehr als 100 Projekte in 14 europäischen Ländern, darunter Italien, Deutschland und Frankreich. Viel Geld lenkt QC in Bildungseinrichtungen.

Was ist das Problem, könnte man sich fragen. Immerhin ist QC eine humanitäre Organisation, die mit UNO-Organisationen zusammenarbeitet und sich für bedrohte muslimische Minderheiten wie die Rohingya in Myanmar einsetzt. QC versorgt Flüchtlinge aber nicht nur mit Essen, Trinken und Medikamenten, sondern auch mit Koranen. Finanziert wird QC von vielen Klein-, aber von auch Grossspendern und dem katarischen Aussenministerium. Ideologisch und personell bestehen enge Verbindungen zur Muslimbruderschaft, einer 1928 in Ägypten gegründeten Organisation mit weltumspannendem Netzwerk. Die bedeutendste islamistische Bewegung liefert den ideologischen Nährboden für Terrororganisationen.

Was bezweckt QC mit ihren missionarischen Aktivitäten in Europa? Saida Keller-Messahli hat das Vorwort für «Qatar Papers» beigesteuert. Die Präsidentin des Forums für einen fortschrittlichen Islam sagt:

«Qatar Charity fördert aktiv die Bildung von Parallelgesellschaften in Europa.»

Sie denkt dabei etwa an Imame, die in den Moscheen einen politischen Islam vertreten und im schlimmsten Fall labile Jugendliche radikalisieren würden. Es gelte, die Aktivitäten der kleinen, aber umso aktiveren Minderheit innerhalb der muslimischen Bevölkerung in Europa kritisch zu betrachten. Keller-Messahli fordert schon lange Transparenz über die Finanzen islamischer Vereine in der Schweiz. Christian Chesnot und Georges Malbrunot halten derweil fest: Das Geld aus Katar soll dafür sorgen, dass Muslime ihre religiöse Identität in den liberalen und laizistischen Gesellschaften Europas nicht verlieren. Oder anders formuliert: Die Muslime sollen ideologisch abgeschottet werden.

1,4 Millionen für Museum in La Chaux-de-Fonds

Nach aussen treten die Vertreter der Muslimbrüder in Europa moderat auf. Gemäss dem aktuellen Verfassungsschutzbericht von Baden-Württemberg lehnen sie aber demokratische Errungenschaften wie Meinungsfreiheit, Volkssouveränität oder Gleichberechtigung ab. Ihr Ziel laute, islamische Prinzipien und Werte in allen Lebensbereichen durchzusetzen. Lorenzo Vidino, Programmdirektor für Extremismus an der George Washington Universität, ist einer der besten Kenner der Muslimbrüder. Er schätzt ihren harten Kern in Europa auf mehrere tausend Personen, in der Schweiz auf etwa 100.

Gemäss den Buchautoren überwies QC allein dem soziokulturellen Komplex der Muslime von Prilly/Lausanne 1,6 Millionen Franken. Mit knapp 1,4 Millionen Franken zwischen 2011 und 2013 erhielt auch das Museum der Islamischen Zivilisationen in La Chaux-de-Fonds einen bedeutenden Zustupf. Museumsdirektorin Nadia Karmous, Schweizerin algerischer Herkunft und eine Verfechterin des islamischen Schleiers, sagte aber, QC habe das Museum nicht finanziert – obwohl die Buchautoren Belege vorlegen konnten. Karmous argumentierte, QC habe lediglich die Transaktionen durchgeführt. Die Spenden stammten von Privatpersonen. Chesnot und Malbrunot betonen, ihre Gesprächspartner hätten oft versucht, Spuren zu verschleiern.

Der ausländische Geldsegen für Schweizer Moscheen ist hierzulande nicht verboten. Sie müssen ihre Finanzen auch nicht offenlegen. Der Ständerat versenkte einen entsprechenden Vorstoss von Lorenzo Quadri (Lega, TI). Er hatte argumentiert, das Ziel des finanziellen Engagements des Auslands könnte es sein, einen radikalen Islam zu propagieren.

Christian Chesnot und Georges Malbrunot. So beeinflusst der Golfstaat den Islam in Europa. Seifert Verlag.

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