MINDERJÄHRIGE: Deutlich mehr Zwangsehen mit Kindern in der Schweiz

In der Schweiz ist die Zahl der zwangsverheirateten Kinder unter 16 Jahren im vergangenen Jahr drastisch gestiegen. Der Fachstelle Zwangsheirat sind 51 Fälle gemeldet worden. Politiker fordern Massnahmen.

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Mädchen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, werden oft verheiratet, um sie gegen Vergewaltigung zu schützen. (Bild: Paula Bronstein/Getty (Bamiyan, 7. Oktober 2010))

Mädchen, die aus ihrer Heimat fliehen müssen, werden oft verheiratet, um sie gegen Vergewaltigung zu schützen. (Bild: Paula Bronstein/Getty (Bamiyan, 7. Oktober 2010))

Noch keine 16 Jahre alt und schon verheiratet – gegen den eigenen Willen: Dieses Schicksal teilen sich in der Schweiz Dutzende. Die Fachstelle Zwangsheirat erhielt im vergangenen Jahr Kenntnis von 51 zwangsverheirateten Kindern unter 16 Jahren. Zum Vergleich: Zwischen 2005 und 2015 registrierte die Fachstelle nur fünf Fälle. «Wir stellen allgemein einen Anstieg von Zwangsheiraten von Minderjährigen fest, besonders stark ist er bei den unter 16-Jährigen», sagt die Präsidentin der schweizweit tätigen Fachstelle, Anu Sivaganesan.

Sie sieht für den Anstieg vor allem zwei Ursachen: Erstens sei das Problem heute bekannter als früher, zweitens führe die jüngste Migrationswelle zu einer Zunahme. Die Fachstelle verzeichnete beispielsweise Fälle aus Afghanistan, Syrien und Eritrea  – Ländern, aus denen viele Asylsuchende stammen. Genauere Zahlen zu den Nationalitäten gibt die Fachstelle nicht bekannt. Die Migration verstärke das Problem zusätzlich, sagt Sivaganesan. «Junge Mädchen werden zwangsverheiratet in der Hoffnung, dass sie dadurch auf der Flucht besser gegen sexuellen Missbrauch geschützt sein sollen.» Welchen Einfluss ein Krieg haben kann, zeigte sich in Syrien: Gemäss dem Kinderhilfswerk Unicef stieg der Anteil der verheirateten 18-jährigen Frauen von 13 Prozent vor dem Krieg auf 32 Prozent im Jahr 2014.

Auch viele Secondos betroffen

Zwangsheirat kommt laut Sivaganesan in allen Religionen vor. Betroffen seien nicht nur Asylsuchende, sondern auch Secondos. Das zeigte auch eine Studie des Bundes aus dem Jahr 2012: Über ein Drittel der Kinder und Erwachsenen, die zur Heirat gezwungen wurden, war in der Schweiz geboren. Eine Statistik zu den Zwangsheiraten von Minderjährigen führt der Bund nicht.  Eine quantitative Erhebung habe sich als schwierig erwiesen, begründet das Staatssekretariat für Migration die fehlende Statistik.  Auch der Bundesrat konnte daher in Antworten auf Vorstösse lediglich auf Zahlen der Fachstelle Zwangsheirat verweisen.

Ausnahmeregelung unter Beschuss

Auch wenn sich die Zunahme der Fälle auf einem tiefen Niveau abspielt, fordern Politiker Massnahmen. «Die Zahl ist erschreckend und die Dunkelziffer wahrscheinlich hoch», sagt die Zürcher SVP-Nationalrätin Natalie Rickli. Sie fordert in einer Motion, dass alle Ehen mit Minderjährigen für ungültig erklärt werden sollen.

Heute sieht das Gesetz vor, dass Zwangsehen in jedem Fall annulliert werden. Eine Ehe mit Minderjährigen ist grundsätzlich ungültig – ausser die Weiterführung der Ehe entspricht den «überwiegenden Interessen» des Minderjährigen. Diese Ausnahmeregelung möchte Rickli abschaffen; eine Forderung, die auch Sivaganesan stellt. Rickli sagt: «Die Ehe ist ab 18 Jahren legal, das soll für alle gelten.» Es könne nicht sein, dass die Schweiz Kinderehen im Nachhinein legalisiere, sagt sie.

Auch SP-Nationalrätin Bea Heim (SO), die in der Vergangenheit Vorstösse zum Thema eingereicht hat, sagt: «Die Zahlen sind erschreckend.» Sie sieht ebenfalls Handlungsbedarf. Dennoch hält sie nichts von Ricklis Motion. «Ein Verbot im Alleingang bringt nichts, vielmehr braucht es vor allem Schutzmassnahmen», sagt Heim. Es stelle sich etwa die Frage, ob es genügend Möglichkeiten gebe für Betroffene, um Hilfe zu holen. Heim fordert zudem eine bessere Sensibilisierung, etwa mit Familienabenden zum Thema in den Schulen.

Der Bundesrat wollte eigentlich mit einem fünfjährigen Programm «das Phänomen Zwangsheirat eindämmen». Im August läuft das Programm aus. Wie es danach  weitergeht, ist laut dem Staatssekretariat für Migration  noch nicht entschieden. Der Bundesrat soll dazu dieses Jahr einen Bericht verabschieden.

Maja Briner