MINDESTLOHN: Bergbahnbetriebe: Tiefe Löhne auf den Gipfeln

Die Fahrt mit einer Bergbahn lassen sich Schweizer und Touristen gern etwas kosten. Die Angestellten profitieren nicht immer davon.

Sermîn Faki
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Mitarbeiter von Bergbahnbetrieben sind häufig schlecht bezahlt. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

Mitarbeiter von Bergbahnbetrieben sind häufig schlecht bezahlt. (Bild: Keystone/Arno Balzarini)

«Inspirierende Aussichten – Höhenflüge im Schweizer Sommer» lautet das Motto der diesjährigen Sommerkampagne von Schweiz Tourismus, die den Steuerzahler 45 Millionen Franken kostet. Profitieren davon werden vor allem auch die Bergbahnen, welche die Touristen (zu stattlichen Preisen) auf die aussichtsreichen Gipfel bringen.

Von den «Höhenflügen» der Gäste können viele Angestellte der Bergbahnen nur träumen. Das sagt Peter Peyer, Bündner Sekretär der Gewerkschaft des Verkehrspersonals (SEV) und Spezialist für Arbeitsbedingungen bei den Bergbahnen. «Viele Bahnen zahlen miese Löhne», kritisiert er. Dem SEV liegen Arbeitsverträge von Kabinenführern bei den Bergbahnen Davos Klosters vor, die Bruttolöhne von 3000 Franken belegen. Und das in einem Unternehmen, welches im Geschäftsjahr 2012/13 über 11 Millionen Gewinn auswies und 1,3 Millionen Franken an seine Aktionäre ausschüttete.

Die tiefen Löhne haben System: Im Skiferienparadies Graubünden, so bestätigte das dortige Amt für Industrie, Gewerbe und Arbeit im Jahr 2011, betrug der Durchschnittslohn für eine Vollzeitstelle 3480 Franken, die niedrigsten Löhne lagen bei 2900 Franken.

Das ist möglich, weil es für die Bergbahnen keinen Gesamtarbeitsvertrag (GAV) gibt. Zwar hatte der Dachverband Seilbahnen Schweiz einen solchen mit den Gewerkschaften ausgehandelt, die einzelnen Mitglieder wollten davon jedoch nichts wissen. Allein der Arbeitgeberverband der Berner Bergbahnen hat im letzten November einen Rahmen-GAV mit der SEV abgeschlossen. Darin ist auch ein Mindestlohn von 4000 Franken festgelegt – eben jene Limite, welche die Gewerkschaften nun mit ihrer Mindestlohninitiative fordern. Im Wallis gilt ein kantonaler Normalarbeitsvertrag für die Branche, der allerdings auch Löhne unter 4000 Franken zulässt.

Zentralschweiz uneinheitlich

In der Zentralschweiz fehlt, wie in Graubünden, eine einheitliche Regelung. Entsprechend gross sind die Unterschiede. Godi Koch, Bald-CEO der Pilatus-Bahnen, findet in der Agglomeration Luzern unter 4000 Franken im Monat gar keine Mitarbeiter, wie er sagt. Ähnlich äussern sich Stanserhorn-Bahn-Chef Jürg Balsiger und Titlis-Bahnen-CEO Norbert Patt.

Kurt Lustenberger, Direktor der Bergbahnen Sörenberg, muss hingegen zugeben, dass einige Mitarbeiter deutlich unter 4000 Franken für eine Vollzeitstelle erhalten. Auch Angestellte des Ferien- und Sportzentrums Hoch-Ybrig verdienen 20 Franken die Stunde, 2 Franken weniger, als die Initiative fordert. Würde die Mindestlohninitiative am 18. Mai angenommen, wäre man knapp betroffen, so Geschäftsführer Wendelin Keller. «Allerdings nur bei den Löhnen der Saisonangestellten», sagt er. «Unsere festen Mitarbeiter verdienen mehr als 4000 Franken im Monat.»

Der Steuerzahler muss ausgleichen

Gewerkschafter Peyer sieht dennoch einiges im Argen liegen: «Besonders stossend» sei, dass die Bergbahnen die Arbeitslosenkasse als zweiten Lohnzahler nutzten: «Wer etwa während der Sommermonate im Baugewerbe arbeitet und im Winter bei einer Bergbahn, kann dies bei der Arbeitslosenkasse als Zwischenverdienst angeben», erklärt er. «Die Differenz zwischen den soliden Löhnen im Baugewerbe und den Tiefstlöhnen in der Bergbahnbranche wird von der Arbeitslosenkasse zu einem ordentlichen Teil ausgeglichen. Die Bergbahnen lassen so ihre tiefen Löhne von der Allgemeinheit aufpeppen», kritisiert er.

Nicht nur bei den Löhnen, auch bei den Arbeitsbedingungen bestehe dringender Handlungsbedarf. «Wir wissen von Pistenbullyfahrern, die 17 Stunden am Tag arbeiten müssen», so Peyer. «Das ist bei verantwortungsvoller Arbeit nicht akzeptabel und klar gesetzeswidrig.»

Die Marketingorganisation Schweiz Tourismus, die im Auftrag des Bundes arbeitet, ficht das alles nicht an. Auf die Frage, ob Schweizer Qualität, die mit den steuerfinanzierten Millionen beworben wird, nicht auch faire Arbeitsbedingungen einschliessen müsse, verweist man an die Lobbyorganisation Schweizerischer Tourismusverband. Die Frage sei «politisch motiviert».