MINDESTLOHN: Gewerbler warnen vor Nebenwirkungen

Betriebe, die eingehen, und Arbeitsplätze, die verschwinden: Die Berufsverbände verbinden den Mindestlohn von 4000 Franken mit düsteren Szenarien.

Rainer Rickenbach
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Staudengärtnerin Romy Schelbert arbeitet bei Gartenbau Kündig in Ibach (SZ). Ihr Chef, Ruedi Kündig, ist Vizepräsident der Organisation «Jardin Suisse». (Bild Manuela Jans)

Staudengärtnerin Romy Schelbert arbeitet bei Gartenbau Kündig in Ibach (SZ). Ihr Chef, Ruedi Kündig, ist Vizepräsident der Organisation «Jardin Suisse». (Bild Manuela Jans)

Die Zierpflanzen-Gärtnereien stehen unter starkem Preisdruck. «Wir stehen in Konkurrenz mit ausländischen Betrieben, die mit viel geringeren Produktionskosten auf den Schweizer Markt drängen. Den Unterschied machen vor allem ihre tieferen Arbeitskosten aus», sagt Ruedi Kündig. Er führt in Ibach einen Familienbetrieb für Baumschulen sowie Gartenbau und beschäftigt rund 50 Mitarbeitende. Zierpflanzen gehören zwar nicht zu seinem Kerngeschäft. Doch als Mitglied des Zentralvorstandes der Gärtnerorganisation Jardin Suisse sieht sich der Schwyzer mit den Nöten aller Branchenzweige konfrontiert.

Gärtner, Gastro und Coiffeure

Kommt nach der Volksabstimmung vom 18. Mai die Untergrenze von zwölf Monatslöhnen mit 4000 Franken zu Stande, kostet das nach Kündigs Einschätzung einige knapp kalkulierende Betriebe die Existenz. «Bereits im vergangenen Jahr mussten drei Prozent der Zierpflanzen-Produzenten schliessen. Mit einem höheren Mindestlohn beschleunigt sich die Negativspirale», befürchtet er. In den Garten- und Landschaftsbaubetrieben sind schweizweit rund 20 000 Personen beschäftigt. Nach Schätzung des Branchenverbandes verdienen 8 Prozent von ihnen weniger als 4000 Franken monatlich.

In andern Branchen mit vergleichsweise tiefen Löhnen tönt es ähnlich wie bei den Gärtnern. «Das Gastgewerbe ist ein Mensch-zu-Mensch-Geschäft. Stellen lassen sich nicht auslagern und Arbeitsabläufe nur bedingt rationalisieren», erklärt zum Beispiel Barbara Schneider, Vizepräsidentin des Zuger Wirteverbandes Gastrozug. Mit der Lohnuntergrenze von 4000 Franken müssten die Preise angepasst werden – und das sei sehr schwierig. Schneider: «Es ist zu befürchten, dass Betriebe, die heute schon knapp dran sind, schliessen müssen. Bei den andern Gaststätten würde wahrscheinlich mehr in Teilzeit und weniger Vollzeit gearbeitet, da sich die Unternehmer zu höchster Kosteneffizienz gezwungen sähen.» Dem Verband Gastrozug sind 245 der zirka 300 Gastbetriebe im Kanton Zug angeschlossen.

Bei den Coiffeuren bringt ein staatlich verordneter Minimallohn Folgen für den Berufsnachwuchs mit sich. Rund ein Drittel der Ausbildungsplätze wäre in Gefahr, schätzt Jürg Steiner, Präsident der Zentralschweizer Sektion von Coiffure Suisse.«Die Initiative würde aber auch die Randgebiete massiv treffen und Pensenreduktionen zur Folge haben», warnt er. Dem Verband sind 317 Betriebe angeschlossen. Insgesamt sind in der Region ungefähr 4000 Frauen und Männer in diesem Beruf tätig.

Die Vertragslöhne steigen

Bei den Coiffeuren zeigt die im Gesamtarbeitsvertrag festgelegte Mindestlohnkurve nach oben. Seit dem vergangenen Oktober liegt das Minimum bei 3600 Franken, im September wird er einen Sprung auf 3700 Franken machen, und 2015 gelten ab dem Herbst 3800 Franken. Das sind Anfängerinnenlöhne, in der Berufsrealität verdienen gemäss Steiner die Angestellten wesentlich mehr. «In den meisten Läden sind die Mitarbeitenden am Umsatz beteiligt. Ihre Monatslöhne liegen deutlich über 4000 Franken», erklärt Steiner.

Gleich verhält es sich in den Gastrobetrieben. «Alle Mitarbeitenden mit Ausbildung liegen über den im Initiativtext geforderten 4000 Franken», sagt Schneider von Gastrozug. Deutlich unter der Limite liegen einzig die Saläre der Hilfskräfte: Ohne Berufslehre gilt im Gesamtarbeitsvertrag ein Grundlohn von 3407 Franken. Wer einen fünfwöchigen Grundkurs absolvierte, hat Anspruch auf 3607 Franken. Nach einer zweijährigen Ausbildung gibt es mindestens 3707 Franken. In der Gastronomie werden dreizehn Monatslöhne bezahlt, bei den Coiffeuren und Landschaftsgärtnern zwölf.

10 Rappen mehr für einen Kaffee

Warum sträuben sich die Verbände gegen den Mindestlohn der Gewerkschaften, wenn sie doch betonen, nur eine kleine Minderheit in ihren Berufen verdiene weniger als 4000 Franken? Mit dieser Frage kontern die Initianten vom Schweizerischen Gewerkschaftsbund die Kritik an ihrem Volksbegehren. «Die Coiffeure, Gastronomen und Gartenbauer haben während der letzten paar Jahre alle in den Gesamtarbeitsverträgen ihre Mindestlöhne angehoben. Es fehlt nicht mehr viel bis zur 4000er-Limite», sagt Gewerkschaftsökonom Daniel Lampart. Er veranschaulicht es an einem Beispiel: «In einem Coiffeursalon mit einem Chef, zwei gelernten Coiffeusen und zwei Lehrlingen muss wegen des höheren Grundlohns nur zwei Prozent mehr Umsatz erwirtschaftet werden.» Das sei verkraftbar – sofern der Konkurrent in der gleichen Strasse ebenfalls keine Dumpinglöhne bezahlen darf.

«In den Cafés und Tea-Rooms würde der Kaffee im schlimmsten Fall gerade mal 10 Rappen teurer, und im Gartenbau hat die Lohnrunde im vergangenen Jahr keine Stellen gekostet», so Lampart.

Initiative schadet Geringverdienern

Er stösst bei den Branchenvertretern auf heftigen Widerspruch. «Die Frage ist nicht, ob man mit einem Lohn von 4000 Franken gut leben kann. Die Frage ist, ob die Branche eine Wertschöpfung erarbeitet, die einen Lohn von 4000 Franken überhaupt zulässt», argumentiert Ruedi Kündig von Jardin Suisse.

Ein hoher Mindestlohn wende sich darum letztlich ausgerechnet gegen die Angestellten mit der kleinen Lohntüte. Kündig: «Speziell daran ist, dass es genau diejenigen trifft, die man besserstellen will – denn ihre Stellen fallen zuerst weg.»

Er vermutet, der Arbeitnehmerorganisation gehe es nicht nur um das Tieflohn-Segment. «Sie hat das gesamte Lohnniveau im Blick. Wenn in einem Betrieb mit zwanzig Leuten bei den vier ungelernten Mitarbeitern der Lohn steigt, müssen die Chefs bei den andern sechzehn Mitarbeitern nachziehen. Sonst stimmt das Gefüge nicht mehr.»

Mindestlohn für die Wirte?

Im Haarschneidegeschäft profitieren nach Jürg Steiners Einschätzung just die schwarzen Schafe der Branche von der 4000-Franken-Untergrenze, die sich schon heute keinen Deut um die Branchen-Minimalstandards scheren. «Sie gehören nicht dem Verband an und arbeiten weiterhin zu Dumpingpreisen. Mit diesen Preisen sind sie noch nicht einmal in der Lage, die Lohnvorgaben des Gesamtarbeitsvertrages zu erfüllen», so der Horwer Geschäftsinhaber.

Barbara Schneider von Gastrozug und Wirtin im Oberägerer Gasthaus zum Rössli fragt nicht frei von Ironie: «Das Gastgewerbe zahlt die Löhne, die wirtschaftlich möglich sind. Betriebsinhaber verdienen oft weniger als ihre Angestellten. Können wir das Problem lösen, indem wir 4000 Franken für die Unternehmer fordern?»