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Mit Knallpetarden gegen Störche

Der Kanton Tessin will die Hauptpiste des Flugplatzes Locarno verlängern. Naturschutzverbände befürchten negative Auswirkungen auf ein Naturschutzgebiet – und den vermehrten Einsatz von Vergrämungsmassnahmen.
Kari Kälin
Mit Petarden werden am Flughafen Locarno Störche verscheucht. (Bild: Martina Spinelli (Locarno, 21. August 2018))

Mit Petarden werden am Flughafen Locarno Störche verscheucht. (Bild: Martina Spinelli (Locarno, 21. August 2018))

Plötzlich fliegen rund 140 Störche in alle Richtungen davon. Das Personal des kantonalen Flugplatzes Locarno hat sie mit Petarden aufgescheucht, weil die Vögel eine Gefahr für die Flugsicherheit darstellen. Martina Spinelli, passionierte Ornithologin, hält die Szenen mit der Kamera fest. Sie befindet sich an diesem Dienstag, 21. August 2018, auf dem Weg zu ihrem Büro beim Naturschutzverband Pro Natura in Bellinzona, als sie Zeugin der Vergrämungsaktion wird. Die Störche, insgesamt mehr als 300, schalteten im letzten Sommer auf dem Weg in den Süden einen Zwischenstopp bei den Bolle di Magadino ein. Beim Naturschutzgebiet von nationaler und internationaler Bedeutung handelt es sich um einen der wichtigsten Rastplätze für Zugvögel südlich der Alpen.

Unmittelbar angrenzend befindet sich seit achtzig Jahren der Flugplatz Locarno. Das führt bisweilen zu Interessenkonflikten. Und der Petardeneinsatz ist zu einem Politikum geworden. Der Kanton Tessin, Eigentümer und Betreiber des Flugplatzes, plant, den Flughafen für rund 5 Millionen Franken auszubauen. Dabei soll die Hauptpiste von 800 auf 950 Meter verlängert werden. Meistens starten und landen dort einmotorige Propellerflugzeuge. Für die schnelleren Jets, die seit den Siebzigerjahren ab Locarno fliegen und bei denen ein er­höhtes Vogelschlagrisiko besteht, sind pro Jahr einige hundert Flugbewegungen zugelassen.

Nationalrätin verlangt ­Antworten vom Bundesrat

Die Bündner SP-Nationalrätin Silva Semadeni, ehemalige Präsidentin von Pro Natura, findet: Der Bund sollte Jetflüge verbieten, «wenn die Sicherheit nur mit dem Einsatz von Vergrämungsmassnahmen garantiert werden kann». In der Wintersession verlangte sie vom Bundesrat in der Fragestunde eine Stellungnahme zum knalligen Einsatz gegen die Störche. Semadeni lehnt eine Verlängerung der Hauptpiste ab, weil sie noch mehr negative Auswirkungen auf das Naturschutzgebiet befürchtet. Ein entsprechendes Gesuch hat der Kanton Tessin vor kurzem eingereicht.

Natur- und Umweltverbände wie Pro Natura, WWF oder Birdlife sind alarmiert. Schon im letzten August forderten sie die damaligen Verkehrsministerin Doris Leuthard auf, der Bund solle das Tessiner Gesuch ablehnen. Im einem Brief warnten sie, es drohten mehr Jetbewegungen und damit ein verstärkter Einsatz von Petarden zu Gunsten der Flugsicherheit. Die Vielfalt des ganzen Schutzgebiets sei mit einem Ausbau des Flugplatzes in Gefahr.

Heisst das Bundesamt für Zivilluftfahrt die Pistenverlängerung gut, sind Einsprachen dagegen wahrscheinlich. Luca Vetterli, Ex-Geschäftsführer von Pro Natura Tessin, befasst sich seit Jahrzehnten mit der Situation bei den Bolle di Magadino. Er fordert, dass der Flugverkehr im Frühling, wenn sich die meisten Zugvögel im Naturschutzgebiet aufhalten, ganz eingestellt wird. Der aktuelle Sachplan des Bundes erlaubt einige hundert Jet­bewegungen pro Jahr. «Ich befürchte, dass sich diese entgegen anderer Beteuerungen verstärken und somit die Fauna und Flora noch stärker beeinträchtigt werden», sagt Vetterli. Der Bundesrat zeigte bis jetzt kein Gehör für die Einwände der Naturschützer. Zuletzt hielt er in der Antwort auf Semadenis Fragen fest, es würden diverse Massnahmen ergriffen, um die Bolle di Magadino zu schützen. So sei zum Beispiel die Anzahl der Jetflüge gedeckelt. Im Sachplan zum Flugplatz heisst es sodann, die Verlängerung der Piste könne nur zugelassen werden, wenn dem Schutz der Vogelwelt genügend Rechnung getragen werden, etwa durch Flugkontingente während der Vogelzüge in Frühling und Herbst. Zudem solle in der Morgen- und Abenddämmerung sowie in der Nacht auf Flüge verzichtet werden.

200 Arbeitsplätze und 30 Millionen Franken Umsatz

Seit 1939 starten und landen Flugzeuge in Locarno. Aktuell zählt man dort jährlich rund 40000 zivile Flugbewegungen, dazu kommen weitere 10000 durch die Schweizer Armee. Der Betrieb am Flugplatz generiert jährlich einen Umsatz von 30 Millionen Franken und bietet 200 Personen einen Arbeitsplatz. Es handelt sich um den drittgrössten Flugplatz der Schweiz, von dem keine Linienflüge starten.

Davide Pedrioli ist Direktor des Flugplatzes und beim Kanton Tessin zuständig für die zivile Luftfahrt. Er wehrt sich gegen die Vorwürfe der Natur- und Umweltschützer, unter anderem mit Verweis auf die Auflagen des Bundes. «Petarden kommen pro Jahr weniger als zehnmal zum Einsatz», sagt er. Das Personal passe die Massnahmen den Umständen an. Im Fall der Störche wären laut Pedrioli andere Präventionsmassnahmen denkbar, etwa die Jetflüge am Morgen zu limitieren. Zudem würden die Flughafenangestellten ständig weitergebildet, sodass sie die Flugsicherheit auf eine für die Flora und Fauna möglichst schonende Art gewähren könnten. Pedrioli betont, es sei in den letzten Jahren höchst selten zu Kollisionen mit Vögeln gekommen. Der Bundesrat bestätigt diese Aussagen. In der Antwort auf einen Vorstoss schrieb er 2014: «Es besteht kein Grund zur Annahme, dass sich dies durch die geplante Entwicklung ändern wird.» Durch eine Verlängerung der Piste werde der Startpunkt nach Osten verschoben. «Dies hat zur Folge, dass die Flugzeuge die Bolle di Magadino in grösserer Höhe als heute überfliegen, was das Vogelschlagrisiko tendenziell vermindert.»

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