MOBILITÄT: Wirtschaft geisselt «unsinniges Pendeln»

Zügeln statt pendeln, das fordert der Wirtschaftsverband Economiesuisse. Dafür sollen die Preise für das GA nach oben angepasst werden, sagt Präsident Rudolf Wehrli.

Interview Kari Kälin Interview Kari Kälin
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Sowohl Zugfahren als auch das Benzin sind in den letzten Jahren deutlich teurer geworden. Nicht genug, sagt Economiesuisse-Präsident Rudolf Wehrli. (Bild: Keystone)

Sowohl Zugfahren als auch das Benzin sind in den letzten Jahren deutlich teurer geworden. Nicht genug, sagt Economiesuisse-Präsident Rudolf Wehrli. (Bild: Keystone)


Rudolf Wehrli, Sie kritisieren «unsinniges Pendeln», zum Beispiel von Personen, die von Lausanne nach Zürich zur Arbeit fahren. Ist nicht gerade die Wirtschaft, deren Interessen Economiesuisse vertritt, auf Pendler angewiesen?

Rudolf Wehrli*: Die Wirtschaft braucht flexible Mitarbeiter. Wenn eine Firma ihren Sitz verlegt oder Arbeitnehmer ihre Stelle wechseln, ist es verständlich, dass sie in ihrem bestehenden Umfeld weiterleben möchten. Ich bin aber überzeugt: Hätte die Mobilität einen angemessenen Preis, würden sich viele Menschen überlegen, ob sie nicht doch besser ihren Wohnort wechseln, anstatt jeden Tag 100 oder sogar 200 Kilometer lange Strecken als Pendler zurückzulegen. Meine Wunschvorstellung ist, dass die Menschen wieder näher an ihrem Arbeitsort wohnen. Da die Mobilität heute so billig ist, ist es für viele aber immer noch bequemer, zu pendeln anstatt zu zügeln.

Nehmen wir an, alle Menschen, die in Zürich arbeiten, würden auch in der Stadt leben. Es hätte gar nicht genügend Wohnraum, die Arbeitnehmer sind gezwungen zu pendeln.

Wehrli: Mit den heutigen Baugegebenheiten trifft dieser Befund zu. Das Gebot der Stunde lautet deshalb: Wir müssen verdichtet bauen. Das wird auch schon gemacht. Es werden in der Region Zürich laufend Einfamilienhäuser aus den 1960er-, 70er- oder sogar 80er-Jahren abgerissen. Auf den bestehenden Grundstücken wird ein Mehrfaches an Wohnraum erstellt. Ich halte das für eine gute Entwicklung. Sicher wird man auch vermehrt in die Höhe bauen müssen. Die beiden Hochhäuser bei der Swisspor-Arena sind zum Beispiel sinnvoll. Das Gleiche gilt für Emmenbrücke, wo auf dem Areal der Firma Monosuisse, deren Verwaltungsratspräsident ich bin, insgesamt rund 1000 Wohnungen sowie 1500 Arbeitsplätze entstehen.

Christian Laesser, Professor der Universität St. Gallen, provozierte unlängst mit der Aussage, das 1.-Klasse-Generalabonnement für den öffentlichen Verkehr müsste 10 000 Franken kosten. Eine gute Idee?

Wehrli: Auch im öffentlichen Verkehr müssten Preise dem Verursacherprinzip entsprechen. Heute berappen die ÖV-Benutzer nur die Hälfte der Kosten, die sie verursachen. Mit einer schockartigen Preiserhöhung – beim 1.-Klasse-GA entsprächen 10 000 Franken fast einer Verdoppelung des heutigen Preises – wäre ich sehr zurückhaltend. Ich kann mir aber vorstellen, die Preise sukzessive nach oben anzupassen. Denkbar wäre auch ein Splitmodell.

Nämlich?

Wehrli: Es gäbe zum einen ein GA, wie wir es heute kennen. Zum anderen könnte man ein GA für Pendler mit gewissen Einschränkungen einführen – eines, das zum Beispiel nur im Umkreis von 50 Kilometern gilt. Damit würde es weniger interessant, jeden Tag unsinnige Pendlerdistanzen zurückzulegen. Wer zum Beispiel in der 1. Klasse täglich zwischen Lausanne und Zürich pendelt, hat das GA Mitte Februar schon herausgeschlagen. Ein Blick zurück in die Geschichte zeigt, wie unglaublich viel billiger die Mobilität geworden ist.

Bitte!

Wehrli: 1912 wurde das Hotel Lenkerhof eröffnet. Der Zimmerpreis betrug 11 Franken. Die Kutschenfahrt von Spiez nach Lenk kostete 55 Franken. Heute kostet ein Zimmer in diesem 5-Sterne-Hotel vielleicht 500 Franken. In der gleichen Relation müsste das Ticket von Spiez nach Lenk 2500 Franken kosten. Mit dem Halbtaxabo reichen aber 12.50 Franken.

Würden mit höheren Mobilitätskosten nicht jene Menschen bestraft, die in der Peripherie wohnen und aufs Pendeln angewiesen sind?

Wehrli: Die Frage lautet: Bringen wir es als Gesellschaft nicht fertig, dass die Menschen wieder näher bei ihrem Arbeitsplatz leben? Wer solche Strecken pendelt, ist als Partner nicht bei seiner Partnerin oder als Vater nicht bei seinen Kindern. Über solche immateriellen Nachteile des Pendelns denken wir zu wenig nach – weil die Mobilität zu günstig ist.

Economiesuisse plädiert dafür, eine zweite Röhre des Gotthard-Strassentunnels durch private Investoren nach dem Prinzip der Public Private Partnership (PPP) zu erstellen. Dann wären die Tessiner benachteiligt.

Wehrli: Wenn ich sehe, was ich als einzelner Bürger an den Autobahnzahlstellen für die einmalige Fahrt von Chiasso nach Rom bezahle, kann man am Gotthard aber durchaus 21 Franken für eine Fahrt verlangen. So hoch fiel der Preis in der Studie aus, mit der wir die Machbarkeit eines PPP-Modells am Gotthard nachgewiesen haben. Die Tessiner müssten Mengenrabatt erhalten.

Die Bundesverfassung garantiert die kostenlose Benutzung der Strassen. Will Economiesuisse wieder Wegzölle einführen?

Wehrli: Bei der Gründung des Bundesstaates im Jahr 1848 war die Abschaffung der Strassenzölle eine gewaltige Errungenschaft. Aber 1848 ist nicht 2013. Aus heutiger Perspektive könnte es eine Errungenschaft sein, die Benutzung der Strassen wieder zu belasten. Denn wir bewegen uns in einem Teufelskreis. Der Ausbau der Strassen und der Schiene generiert immer noch mehr Verkehr, was wiederum zu neuen Ausbauwünschen führt. Diesen Mechanismus müssen wir durchbrechen. Damit könnte die öffentliche Hand auch Steuergelder sparen. Das käme allen zugute.

Sie kritisieren, dass der Kanton Zürich die Motorfahrzeugsteuern erst kürzlich erstmals gegenüber dem Niveau von 1973 angehoben hat. Haben wir richtig gehört? Economiesuisse sagt, Steuern seien zu niedrig?

Wehrli: Man muss den Fokus richtig setzen. Er liegt nicht auf der Tatsache, dass die Steuern lange zu niedrig waren.

Ist auch der Benzinpreis zu niedrig?

Wehrli: Die Autoindustrie hat gewaltige technische Fortschritte erzielt. Die Autos werden immer effizienter und brauchen weniger Benzin. Doch von diesem technischen Fortschritt gingen vielleicht 20 Prozent in die Verbrauchsreduktion, aber 80 Prozent in die Leistungssteigerung. Jedes Modell, das in den letzten 10, 20 oder 30 Jahren wieder neu auf den Markt kam, hatte immer noch mehr PS. Es ist aberwitzig, mit hochmotorisierten Autos durch Dörfer zu fahren, wo Tempo 50 gilt.

Wie viel sollte ein Liter Benzin kosten?

Wehrli: Ich verlange nicht einen bestimmten Minimalpreis. Es ist nicht eine Frage des Benzinpreises, sondern der Finanzierung des gesamten Systems. Der Strassenverkehr muss für seine vollen Kosten aufkommen.

Hinweis

* Rudolf Wehrli (63) ist seit 1. Oktober 2012 Präsident des Wirtschaftsdachverbandes Economiesuisse.