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MUNDART: «Die Sprache lebt, und wir sind ‹schuld› daran»

Sprachwissenschaftler Markus Gasser erklärt, warum wir Mundart lieben. Und, warum alte Wörter trotzdem verschwinden.
Interview Cyril Aregger
Einige Dialekt-Wörter im Überblick. (Bild: Neue LZ)

Einige Dialekt-Wörter im Überblick. (Bild: Neue LZ)

Markus Gasser, wir haben über unsere Homepage und Facebook dazu aufgerufen, uns alte Mundartwörter einzureichen. Das Echo war enorm (siehe Kasten), wir erhielten über hundert Rückmeldungen und noch viel mehr Wörter. Überrascht Sie das?

Markus Gasser*: Nein. Die Leute interessieren sich einfach für die Dialekte. Wir erleben das auch bei unserer Sendung «Schnabelweid», wo die Zuhörer Begriffe einsenden können, die wir erklären sollen. Es geht so weit, dass wir keine regelmässigen Aufrufe mehr machen, so gross ist der Ansturm. Das ist ja eigentlich toll.

Woher kommt die besondere Beziehung zu «unserem» Dialekt?

Gasser: Ganz grundsätzlich ist der Dialekt einmal unsere Muttersprache. Mit ihr erfassen wir die Welt, sie ist Teil unserer Identität. Anders als in anderen Ländern ist der Dialekt in der Deutschschweiz zudem sehr positiv besetzt.

Das heisst?

Gasser: In vielen Ländern – zum Beispiel in Frankreich – sind Dialekte in der Gesellschaft weniger akzeptiert. Sie «stinken nach Stall», der Sprecher wird oft als ungebildet wahrgenommen. Nicht so in der Deutschschweiz: Da reden alle miteinander Dialekt, egal in welcher Situation, egal mit welchem Bildungsstand.

Seit ungefähr der Jahrtausendwende spricht man von einem «Boom» der Mundart. Hält der unverändert an?

Gasser: Ich bin leider kein Wahrsager, aber Tatsache ist, dass es in der Geschichte der Sprache immer wieder Wellenbewegungen gegeben hat. Eine starke Fixierung auf die Mundart gab es beispielsweise bereits in den 1930/1940er Jahren. Im Zuge der geistigen Landesverteidigung nutzte man den Dialekt auch zur Abgrenzung gegenüber Deutschland. Heute könnte das Besinnen auf den Dialekt hingegen eine Gegenbewegung zur immer stärker erlebten Globalisierung sein. Wichtiger erscheint mir aber, dass die Mundart bei uns die normale Umgangssprache zwischen Deutschschweizern und auch Leuten, die hier leben, ist. Das ist kein Boom, sondern Alltag.

Im Kulturbereich – Musik und Literatur – ist die Mundart aber noch nicht so lange selbstverständlich.

Gasser: Richtig. Es begann ganz langsam in den 1960er Jahren in den Medien, als immer mehr Sendungen am Radio auf Mundart ausgestrahlt wurden. Und seit etwa zwanzig Jahren wird auch mehr in Mundart geschrieben, privat und literarisch, sogar ganze Romane. Der Dialekt ist auch in der Kultur salonfähig geworden. Das zeigt sich auch daran, dass in den letzten Jahren zwei Mundart-Bücher Aufnahme in die Shortlist des Schweizer Buchpreises gefunden haben: Guy Krneta 2014 mit «Unger üs» und 2010 Pedro Lenz mit «Der Goalie bin ig». Das wäre früher undenkbar gewesen.

Ist es nicht paradox: Einerseits liebt man die Mundart und die alten Wörter, anderseits verschwinden viele Dialektwörter?

Gasser: Eigentlich ist das ein logischer Prozess. Die Sprache lebt, und wir sind «schuld» daran. Wir leben heute in einer anderen Welt als unsere Grosseltern. Der Verlust von alten Wörtern schmerzt aber, weil viele von uns noch das Ideal einer bäuerlichen Dorfgesellschaft im Kopf haben. Bei den meisten Leuten heisst die Lebensrealität heute jedoch Stadt und Agglomeration.

Wie entwickelt sich die Mundart weiter?

Gasser: Die Tendenz geht zu einem Universalwortschatz. Wir reden heute alle über das Gleiche, die neuen Wörter kommen aus den Medien und der digitalen Welt. Das ist keine lokale Sprache mehr. Zudem ist meine Beobachtung, dass die meisten Menschen eher «Anpasser» als «Widerständler» sind: Sie schwächen ganz starke Merkmale ihres Dialekts tendenziell ab, wenn sie in einem neuen Umfeld leben oder arbeiten, wo ein anderer als ihr eigener Dialekt gesprochen wird. Interessanterweise hat eine Untersuchung von Helen Christen, Professorin an der Universität Fribourg aus Luzern, ergeben, dass sich zwar die Wörter in den verschiedenen Dialekten tendenziell angleichen, der typische Klang eines Dialekts aber trotzdem erhalten bleibt.

Muss die Mundart speziell geschützt oder gefördert werden?

Gasser: Ich beziehe mich nochmals auf Helen Christen. Sie sagte einmal: «Mundart als Unterrichtsfach an der Schule wäre der Tod für diese Sprache.» Und das stimmt, meiner Meinung nach: Mundart ist für die Jugend cool, weil sie freien und kreativen Umgang mit der Sprache erlaubt. Wichtig ist hingegen, dass wir – ohne Zeigefinger – auf die Dialekte aufmerksam machen, das Bewusstsein für die Sprachen und ihre Unterschiede fördern.

Und, zum Schluss: Haben Sie ein Luzerner «Lieblingswort»?

Gasser: Bei Luzern fällt einem natürlich zuallererst immer das Wort «rüüdig» ein... Auch, dass im Luzernischen noch verbreitete «vileicht» ist interessant: In allen anderen Mundarten heisst es «villecht» oder «vilicht» – wie kommt das hochdeutsch anmutende «vileicht» hierher?. Und letzthin habe ich bei Verwandten in «Hofdere» den Ausdruck «en zsennchömige Cheib» – ein ideenreicher Mensch – gehört. Wunderschön.

* Markus Gasser (49) ist Sprachwissenschaftler und verantwortet die Mundartinhalte auf Radio SRF 1, so zum Beispiel die Sendung «Schnabelweid» (donnerstags um 21 Uhr). Der gebürtige Solothurner Arbeitete zuvor als Dialektologe und Flurnamenspezialist an der Universität Basel.

Wettbewerb mit den Mundartwörtern unserer Leser

Auf unserer Homepage und auf Facebook riefen wir unsere Leserinnen und Leser dazu auf, uns ihre alten und speziellen Dialektausdrücke zu melden. Das Echo war beeindruckend. Über hundert Einträge und noch viel mehr Wörter sind zusammengekommen; wir zeigen hier (siehe Bild) eine Auswahl. Nun suchen wir den originellsten Satz mit den eingegangenen Ausdrücken. Die Liste mit allen Wörtern sowie die Teilnahmebedingungen finden Sie unter

www.luzernerzeitung.ch/wettbewerbe

Für die originellsten Vorschläge gibt es 2-mal 2 Erlebnistickets für das Gästival sowie 4 Schweizerdeutsch-Memory-Spiele von Fidea Design zu gewinnen.

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