Muslimische Gäste: Keller-Messahli kritisiert Tourismus-Knigge

Schweizer Tourismusverbände haben eine neue Broschüre über arabische Gäste aus den Golfstaaten herausgebracht. Darin fordern sie Einheimische dazu auf, bei arabischen Familien zuerst den Mann anzusprechen. Warum das nicht zielführend ist.

Daniel Fuchs
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Die muslimische Menschenrechtlerin Saïda Keller-Messahli (Bild: KEYSTONE/Christian Beutler)

Die muslimische Menschenrechtlerin Saïda Keller-Messahli (Bild: KEYSTONE/Christian Beutler)

Broschüren zum korrekten Umgang mit Gästen aus anderen Kulturen gibt es in der Schweiz schon lange. Nun haben die Tourismusverbände Hotellerie Suisse und Schweiz Tourismus nicht nur eine neue Broschüre über die jüdischen Gäste herausgebracht, sondern auch diejenige über die muslimischen Gäste aus den Golfstaaten neu gestaltet. Weitere Dokumente kommen dieses Jahr auch noch über Chinesen, Russen und Inder heraus.

Die Broschüre über die Touristen aus den Golfstaaten – unter ihnen Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate oder Kuwait, Bahrain, Katar, Kuwait und Oman – ist weniger umfassend als diejenige über die jüdische Kultur. Der Grund dafür liegt in der Urheberschaft: Beim Papier über die Juden zeichnet der Schweizerische Israelitische Gemeindebund, der Dachverband der Schweizer Juden, mitverantwortlich. Bei den Recherchen zu den arabischen Gästen dagegen wurde kein einziger Muslim-Verband konsultiert.

Verschleierte Frauen nicht ansprechen?

Hotellerie Suisse verteidigt das Vorgehen: «Wir hatten bereits seit 2011 solche Broschüren herausgebracht, nicht aber zum Umgang mit den jüdischen Gästen. Der SIG kam in dieser Sache auf uns zu, er initiierte die Broschüre», sagt Sprecher Patric Schönberg.

Im Dokument über die Golfstaaten-Gäste gibt Schweiz-Tourismus-Marktleiter und Golfstaaten-Kenner Matthias Albrecht konkrete Tipps. Zum Beispiel diesen: Bei konservativen Araberfamilien solle man zuerst den Mann ansprechen. «Oberhaupt der Familie ist der Mann», steht im Papier. Wir sollen uns also selbst in der Schweiz daran halten: Auf verschleierte Frauen zugehen geht laut Touristikern nicht.

Das stört die Menschenrechtsaktivistin und vehemente Kritikerin des politischen Islam, Saïda Keller-Messahli. Sie versteht solche Tipps als falsch verstandene Toleranz und kritisiert das «Verbiegen vor den Petrodollars». «Hauptsache, die Kohle fliesst», sagt sie. Tipps wie der genannte würden die konservativen Ansichten in den arabischen Golfstaaten festigen. «Die reichen Gäste haben dafür nur Verachtung übrig, auch wenn sie gegen aussen behaupten, die Schweiz sei besonders ‹tolerant›», sagt sie. Das schade längerfristig sogar dem Image der Schweiz, bilanziert Keller-Messahli und ortet noch einen letzten Punkt. Solche Tipps von Touristikern seien letztlich sogar rassistisch. Wer so denke, traue den Menschen nicht zu, sich auf europäische Sitten einzulassen und nehme sie somit nicht ernst.

Feriengäste muss man nicht integrieren

Hotellerie Suisse betont, das Dokument richte sich in erster Linie an die Hoteliers selbst. «Wir behandeln nicht nur Gäste aus den Golfstaaten nach ihren Bedürfnissen. Wir wollen alle unsere Gäste empfangen, wie sie es erwarten und sie es sich gemäss ihrer Kultur auch gewohnt sind», sagt Sprecher Schönberg. Er unterstreicht: «Es geht ja hier nicht um Menschen, die in der Schweiz bleiben. Sie kommen hierhin in die Ferien und kehren danach wieder nach Hause in ihre eigene Kultur zurück.» Der Verband warnt vor einer Vermischung des Tourismus mit der Integrationsdebatte.

Zum Rassismusvorwurf sagt er: «Wir versuchen, Tritte in ein Fettnäpfchen zu verhindern. Die Wahrscheinlichkeit, in ein solches zu treten, ist kleiner, wenn man zuerst den Mann anspricht.»