Reportage

Nach Grenzöffnung nach Italien: «Endlich kann ich wieder zu meiner Familie»

Die Grenze nach Italien ist offen. Der Grenzverkehr in Richtung Süden hat in bescheidenem Ausmass wieder eingesetzt. Ein Augenschein am Grenzübergang Chiasso.

Gerhard Lob aus Chiasso
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Der Grenzübergang Chiasso Brogeda ist wieder offen.

Der Grenzübergang Chiasso Brogeda ist wieder offen.

Bild: Alessandro Crinari / Keystone (3. Juni 2020)

Die Rollkoffer rattern über das Pflaster. Mehrere Personen ziehen ihr Gepäck über den Grenzübergang Chiasso-Strada beziehungsweise den Parcours, der den Fussgängern vorbehalten ist. Die italienischen Beamten der Guardia di finanza schenken ihnen keine Beachtung. «Vier Monate war ich nicht in Italien – jetzt kann ich endlich wieder meine Familie besuchen», sagt ein junger Italiener, der in Zürich arbeitet. Die Grenzöffnung in Richtung Italien am heutigen Mittwoch, der 3. Juni 2020, ist für ihn ein historischer Tag.

Mit dem Zug ist der junge Mann am frühen Morgen nach Chiasso gereist. Doch von dort gibt es per Bahn noch kein Weiterkommen bis nach Mailand. Daher läuft er zu Fuss über die Grenze nach Ponte Chiasso, dort wird er von seinem Vater abgeholt, der ihn mit dem Auto bis nach Bologna bringt. Sein Vater darf nicht in die Schweiz einreisen – die Schweiz hat bekanntlich die Grenze noch nicht generell geöffnet. Und auch erst ab heute ist das Reisen zwischen den einzelnen Regionen Italiens erlaubt. Ein anderer junger Mann erzählt, dass er nach Bergamo fährt, um die Familie zu besuchen. Er ist auf eine Busverbindung angewiesen.

Der Grenzübergang in Chiasso ist wieder offen.

Der Grenzübergang in Chiasso ist wieder offen.

(Bild: Gerhard Lob, Chiasso, 3. Juni 2020)

Auf einen Kaffee nach Italien

Gleichwohl: Ein Stück Alltag und Normalität kehrt zurück, auch wenn von einer echten Normalität noch keine Rede sein kann. Die Autokolonne von Italien in Richtung Chiasso ist eindeutig länger als in umgekehrter Richtung. Viele Grenzgängerinnen und Grenzgänger auf dem Weg zur Arbeit. Nur vereinzelt überqueren Autos mit Tessiner Nummernschildern die Grenze in Richtung Ponte Chiasso in Italien. Auch einige wenige Fahrzeuge mit Kennzeichen aus Deutschschweizer Kantonen sind auszumachen. Manche sind vollbepackt. Vielleicht geht es in die Ferien oder an einen Zweitwohnungssitz. Zwei Velofahrer, die in die Schweiz radeln wollen, werden von den Schweizer Grenzwächtern zurückgeschickt.

Italien heisst Touristen willkommen.

Italien heisst Touristen willkommen.

Bild: Alessandro Crinari / Keystone (3. Juni 2020)

«Wenigstens können wir jetzt wieder einen Kaffee in Italien trinken», sagt ein Tessiner Rentner-Ehepaar, das diese Tradition für mehrere Monate aufgegeben hat. Allerdings müssen die beiden Gesichtsmasken tragen. Die Pflicht dazu besteht in der ganzen Lombardei, auch in den Bars – anders als in der Schweiz. Hinweisschilder weisen allenthalben darauf hin, genauso wie auf den Mindestabstand von einem Meter. Allerdings nehmen es nicht alle Leute mit diesen Vorschriften so ernst. Häufig kleben die Masken irgendwie unter dem Kinn, so wie beim Gerant der Bar. «Ich bin froh, dass wieder ein wenig Leben in unseren Ort einzieht, wir waren wirklich lange isoliert», sagt er.

Langsame Rückkehr zur Normalität

In einer Metzgerei, vielleicht 100 Meter vom Grenzübergang entfernt, gibt es keinen einzigen Kunden. Aber man ist froh, geöffnet zu haben. «Aber so lange das Einkaufsverbot für Schweizer gilt, haben wir ein Problem», sagt der Metzger, «denn 95 Prozent unseres Umsatzes machen wir mit  Kunden aus dem Tessin.» Während des Lockdowns war die Metzgerei eineinhalb Monate geschlossen. Er kann nicht verstehen, dass dieses Einkaufsverbot besteht, die Grenzgänger aber in die Schweiz zur Arbeit dürfen.

An der Grenze, auch beim Autobahnzoll in Chiasso-Brogeda, hat man fast den Eindruck, als habe es die Grenzschliessung nicht gegeben.

Bild: Alessandro Crinari / Keystone (3. Juni 2020)

Für Lastwagenchauffeure ist an diesem Mittwoch Geduld gefragt. Bedingt durch Pfingsten und den gestrigen Feiertag in Italien (Tag der Republik) haben sich kilometerlange Staus gebildet – ganz symmetrisch auf beiden Seiten der Grenze. «Si riapre tra limiti e controlli» titelt der «Corriere della Sera» auf der Frontseite. Eine Wiedereröffnung mit Einschränkungen und Kontrollen.

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