Nach Lombardei-Abriegelung: Was passiert jetzt im Tessin?

Italien hat die Lombardei und weitere Provinzen abgeriegelt. Von dort pendeln tausende Arbeitnehmer täglich zur Arbeit über die Grenze ins Tessin. Was passiert nun?

Gerhard Lob
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Ein Mitarbeiter des Gruenen Kreuzes von Lugano, rechts, am Donnerstag, 5. Maerz 2020, in Lugano. Aufgrund des Coronavirus gelten hoechstmoegliche Hygienemassnahmen. (KEYSTONE/Ti-Press Pool)

Ein Mitarbeiter des Gruenen Kreuzes von Lugano, rechts, am Donnerstag, 5. Maerz 2020, in Lugano. Aufgrund des Coronavirus gelten hoechstmoegliche Hygienemassnahmen. (KEYSTONE/Ti-Press Pool)

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Die weitgehende Abriegelung Norditaliens, namentlich der Lombardei, um die Ausbreitung des Coronavirus zu bremsen, hat direkte Folgen für den Kanton Tessin und sorgt für grosse Verunsicherung. Denn aus den lombardischen Provinzen Como und Varese pendeln jeden Tag fast 68’000 Grenzgänger zur Arbeit ins Tessin. Grenzgänger aus Italien pendeln aber auch aus der lombardischen Provinz Sondrio nach Graubünden oder von der Provinz Verbano-Cusio-Ossola (Piemont) ins Wallis.

Der Tessiner Regierungspräsident Christian Vitta erklärte am Sonntagmorgen auf dem Radiosender RSI, man verfolge die Entwicklung ständig und stehe in engem Kontakt mit den eidgenössischen Behörden, namentlich auch mit den Bundesräten Alain Berset und Ignazio Cassis. «Nach dem offiziell in Kraft getretene Dekret in Italien ist es für uns wichtig, Informationen über die Auswirkungen zu haben», sagte der Direktor des kantonalen Wirtschafts- und Finanzdepartements. Konkrete Aussagen machte er noch nicht. Doch ist davon auszugehen, dass im Laufe des Tages auch vom Kanton Tessin neue Massnahmen ergriffen werden.

Rein technisch sind die neuen Sperrzonen in Norditalien keine roten Zonen, wie Premierminister Giuseppe Conte erklärte. Demnach dürfen Personen Ortsveränderungen vornehmen, wenn dies beispielsweise für die Arbeit erforderlich ist.

Gemäss dem Direktor des Tessiner Industrieverbandes (Aiti), Stefano Modenini, muss alles getan werden, um einen Stillstand der Produktion zu verhindern. Die Aiti hat ihren Mitgliedern bereits einen Brief geschrieben, wonach geprüft werden soll, ob Grenzgänger in Schlüsselpositionen vorübergehend im Tessin wohnen können, das heisst vorerst nicht pendeln. Modenini erwähnt auch das bekannte Problem des Gesundheitssektors, der stark auf Grenzgängerinnen und Grenzgänger angewiesen ist.  Manche Altersheime im Tessin, in denen Grenzgänger arbeiten, haben sich darauf vorbereitet, dass diese allenfalls nicht mehr nach Hause fahren können.

Durcheinander an der Grenze

Derweil herrscht an der Grenze ein rechtes Durcheinander, wie das Onlineportal tio.ch am Sonntagvormittag berichtet. So hatten die italienischen Grenzwächter offenbar um 8.30 Uhr die Grenzen in Richtung Lombardei geschlossen, doch kurz danach wieder geöffnet. Auf Schweizer Seite herrscht Dienst nach Vorschrift. Viele Grenzgänger wenden sich mit Fragen an die Grenzwächter. Sie haben Angst, etwa am Montag nach der Arbeit nicht mehr nach Hause fahren zu können.

Italien hat bisher mit drastischeren Massnahmen auf das Coronavirus reagiert als das Tessin. So wurden etwa die Schulen und Universitäten bis 3.April geschlossen, was im Tessin nicht der Fall ist. Das Tessin hat seinerseits ein Verbot für Versammlungen mit mehr als 150 Personen erlassen. Praktisch alle öffentlichen Veranstaltungen, auch Theatervorführungen und Konzerte, sind abgesagt. Mit zuletzt 45 positiven Fällen ist das Tessin proportional zur Bevölkerung vom Coronavirus am stärksten betroffen und geografisch natürlich nach Italien am stärksten exponiert.