Nach Unruhen in den USA: Demokraten in der Schweiz erhalten deutlich mehr Zulauf

Im Zuge des Mordes an George Floyd mehren sich Anrufe bei der Partei von Freiwilligen, die sich engagieren wollen. In den letzten vier Jahren hat sich die Mitgliederzahl bei den Demokraten in der Schweiz mehr als verdoppelt.

Benjamin Weinmann, Genf
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Die Proteste nach dem Mord an George Floyd sorgen für grosse Unruhen in den USA.

Die Proteste nach dem Mord an George Floyd sorgen für grosse Unruhen in den USA.

Max Becherer / AP

Die Unruhen in den USA sorgen auch bei den Amerikanern in der Schweiz für Aufruhr. «Manche unserer Mitglieder haben sich am Montag online getroffen, um über die Vorfälle zu sprechen», sagt Vance White, Vorsteher der Organisation «Democrats Abroad Switzerland». Andere seien nach Zürich gefahren, wo ein Protestmarsch mit rund 1000 Leuten stattfand. Am Dienstag luden die Ausland-Demokraten zu einer internationalen Online-Trauerfeier ein. Und am Mittwoch werde über weitere Massnahmen diskutiert.

White sagt, als Teilorganisation der Demokratischen Partei unterstütze man die «Black Lives Matter»-Kampagne. «Wir sind überzeugt, dass es in den USA einen institutionellen Rassismus gibt, der insbesondere im Justizsystem dazu führt, dass schwarze Bürgerinnen und Bürger überdurchschnittlich hart angegangen werden.»

Die Demokraten in der Schweiz haben seit der Wahl Donald Trumps grossen Zulauf erhalten. 2016 zählte die Organisation erst 1700 Mitglieder. Anfang Jahr – kurz vor den Vorwahlen, bei denen Joe Biden gewann – waren es 3600. «Jetzt sind wir bereits bei rund 4500 angelangt», sagt White. Und es könnten mehr werden. «Vor allem in den letzten paar Tagen haben wir viele Anfragen erhalten von Amerikanern in der Schweiz, die sich freiwillig für die Partei engagieren möchten.»

«Trump heizt mit den Tweets die Gewalt nur weiter an»

Viele würden fragen, was sie tun können, um zu helfen, den jetzigen Präsidenten aus dem Weissen Haus zu bringen, sagt White. «Wir haben in den letzten vier Jahren viele Events durchgeführt, aber die jetzigen Unruhen in den USA scheinen bei vielen Amerikanern das Fass zum Überlaufen gebracht zu haben, so dass sie nicht mehr still sein möchten.» Er hoffe, dass die Mitgliederzahl weiter steige und viele Ausland-Amerikaner im Herbst ihren Stimmzettel für Joe Biden abgeben werden.

Gerade auch als Ausland-Amerikaner wünsche man sich beim Blick aufs Weisse Haus aus der Ferne eine moralische Führung durch den Präsidenten. «Stattdessen heizt er mit seinen Tweets die Gewalt nur weiter an», sagt White. Er selber müsse die Nachrichten zwischendurch ausschalten. Die gewaltsamen Ausschreitungen und Plünderungen von Geschäften würden die eigentliche Botschaft der Bewegung und jener von George Floyds Familie nicht widerspiegeln. «Manchmal wird es für mich einfach zu viel, zu sehen, was in meiner Heimat los ist, und wie der Präsident nun droht, das Militär gegen das eigene Volk einzusetzen.»

Bei den Republikanern in der Schweiz sei die Stimmung anders, sagt deren Sprecher James Foley aus Genf. «Was mit George Floyd passiert ist, ist einfach nur grauenvoll und unentschuldbar.» Solche Bilder seien ein Grund für den schlechten Ruf der US-Polizei. «Beim Anblick dieses Polizisten wird mir übel», sagt Foley.

«Ich sage nicht, dass es keinen Rassismus gibt, aber...»

Er verstehe den Ärger der Protestierenden, sagt Foley. «Aber mit die gewaltsamen Proteste müssen mit aller Kraft ausgemerzt werden.» Dahinter würde vor allem die linksextremistische Gruppierung Antifa stecken. Gleich argumentiert Präsident Trump, der die Gruppe als terroristische Organisation eingestuft hat. «Das war absolut richtig», pflichtet Foley bei. «Genauso wie seine Ankündigung, dass man mit Schüssen rechnen muss, wenn das Plündern beginnt.»

Einen institutionellen Rassismus – der Hauptvorwurf der Protestierenden – erkennt Foley in den USA nicht. «Ich sage nicht, dass es keinen Rassismus gibt, aber er ist nicht strukturell.» Bei dem Mord an George Floyd gehe es um Polizeibrutalität. «Viele Polizisten werden machthungrig und verlieren den Bezug zur Realität.» Das sei überall der Fall, so einen Fall könne man denn auch nicht in der Schweiz ausschliessen.

Einig ist sich Foley zumindest mit der Einschätzung der Demokraten, dass diese Unruhen für Präsident Trump im Hinblick auf die Wahlen schädlich sind. Aber nicht wegen ihm. «Sondern weil die Fake-News-Medien alles daran setzen werden, ihm die Schuld in die Schuhe zu schieben.» Dabei habe Trump von Anfang an aggressiver gegen die gewaltsamen Proteste vorgehen wollen. Doch die einzelnen Staaten hätten die Autorität behalten wollen. «Und nun machen sie ihn für ihre Versäumnisse verantwortlich.»

Insgesamt leben rund 9 Millionen Amerikaner im Ausland, rund 20‘000 davon in der Schweiz.

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