NACHGEFRAGT: «Reitschule distanziert sich nicht von den Hausbesetzern»

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Reitschulkenner Andreas Berger (Bild: PD)

Reitschulkenner Andreas Berger (Bild: PD)

Andreas Berger, für Ausschreitungen in Bern wird jeweils automatisch die Reitschule verantwortlich gemacht. Zu Recht?

Die Demo am Samstag war von Hausbesetzern organisiert worden, die nicht direkt mit der Reitschule zu tun haben. Diese sympathisiert jedoch mit den Hausbesetzern. Sie distanziert sich zwar von der Gewalt, aber nicht von den Hausbesetzern.

Was sind das für Leute, die sich in Bern immer wieder Strassenschlachten mit der Polizei liefern?

An diesem Wochenende waren es Sympathisanten der Hausbesetzer. Oft sind es aber auch Zugelaufene, die das Label Freiraum missbrauchen. Ganz nach dem Motto: Wenn man auf dem Vorplatz der Reitschule ist und ein Polizeiauto vorbeifährt, darf man eine Flasche werfen.

Unterstützt die Reitschule zumindest indirekt solches Verhalten?

Nein, das hat nichts mit ihrem Verständnis von Freiraum zu tun. Man muss aber auch sagen, dass die Reitschule aus ­20 bis 30 Arbeitsgruppen besteht, die das Heu nicht alle auf der gleichen Bühne haben.

Oft finden Krawallmacher in der Reitschule Schutz vor der Polizei. Warum grenzt sie sich nicht konsequenter ab?

Jedes Wochenende kommen 1000 Personen in die Reitschule, die Hälfte davon von ausserhalb der Stadt Bern. Da ist es praktisch unmöglich, militante Demonstranten vom Rest zu trennen.

Gäbe es die Reitschule überhaupt noch, wenn sie nicht ständig den Gegensatz zur «Staatsmacht» kultivieren würde?

Die Reitschule hat sich immer als Kultur- und als Politzentrum verstanden und empfindet sich bis heute als Ort des Widerstands. Auf verschiedenen Ebenen macht sie auf ihre Anliegen aufmerksam – mit Vorträgen, engagierten Theatern oder eben mit Strassendemos.

Das Verständnis dafür schwindet in einer rot-grünen Stadt und in einer Gesellschaft, die sehr viele Freiräume bietet.

Trotzdem gibt es immer noch Themen wie Wohnungsnot, Atomkraft oder internationale Rohstoffkonzerne, bei denen sich die Reitschule engagieren kann. Man begnügt sich nicht damit, eine Nische erobert zu haben, sondern will weiterhin gegen aussen aktiv sein.

Auslöser für die Ausschreitungen vom vergangenen Wochenende war die Räumung eines besetzten Hauses. Wie eng ist die Verbindung zur Hausbesetzerszene?

Die Reitschule ist ja selber aus einer Hausbesetzung entstanden. Ein Austausch mit der Szene findet sicher immer noch statt.

Ist die Reitschule überhaupt noch ein Jugendzentrum?

Nein, definitiv nicht mehr. Hier engagieren sich und verkehren unterdessen Leute aus allen Generationen.

Die basisdemokratischen Strukturen der Reitschule erscheinen heute veraltet. Warum halten sie sich gerade in Bern so lange?

Weil sie immer noch recht gut funktionieren. Das System verhindert auch, dass eine Gruppe die Vormacht übernimmt und Einzelpersonen selbstherrlich etwas durchziehen. Gleichzeitig bringen sie aber auch Probleme mit sich. Die Reitschule ist ein Organismus, der sich ständig verändert. Das macht es zum Beispiel für die Behörden schwierig, einen verlässlichen Ansprechpartner zu haben.

Geniesst die Reitschule heute noch den gleichen Rückhalt in der Bevölkerung wie 2010, als zwei Drittel die SVP-Initiative für den Verkauf abgelehnt hatten?

Die Reitschule hat nach wie vor grossen Rückhalt. Viele Bernerinnen und Berner wissen genau, dass es einen solchen Ort braucht, an dem es etwas lauter zu- und hergehen darf. Sonst würden sich die Probleme über die ganze Stadt verteilen. (wis)

Zur Person Der 56-jährige Journalist und Dokumentarfilmer Andreas Berger begleitet die autonome Szene in Bern seit über 30 Jahren mit seiner Kamera. Sein letzter Film «Welcome to Hell» über die Berner Reitschule ist im Jahre 2014 erschienen.