NACHHILFE: Online zu besseren Schulnoten

In Asien boomt das Geschaft mit der Nachhilfe im Internet. Auch in der Schweiz treffen sich immer mehr Schuler und Lehrer im Netz. Doch der Lehrerverband ist skeptisch.

Andreas Bättig
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Schüler einer 5. Klasse in Suhr. (Bild: Keystone)

Schüler einer 5. Klasse in Suhr. (Bild: Keystone)

Wer in China einen Platz an einer Universitat ergattern will, der braucht Bestnoten. Deshalb ist es gang und gabe, dass die Eltern Unsummen in die Bildung ihrer Kinder stecken – auch ausserhalb der Schule. Mittlerweile werben deshalb im Land der aufgehenden Sonne Hunderte Nachhilfeschulen um Tausende Schuler. Gemass dem Marktforschungsinstitut Euromonitor haben beispielsweise in der chinesischen Sonderverwaltungszone Hongkong die etwa 900 Nachmittagsschulen im vergangenen Jahr zusammen uber 100 Millionen Franken Gewinn gemacht. Kein Wunder also, herrscht zwischen den Nachhilfeschulen heftige Konkurrenz. Das hat zur Folge, dass Nachhilfelehrer wie der Chinese Yat-Yan Lams gut vier Millionen Franken pro Jahr verdienen.

Lernende bewerten Lehrende

Auch in der Schweiz gibt es mittlerweile etliche Anbieter von Online-Nachhilfe. Zwar ist der Markt noch ziemlich uberschaubar, trotzdem verzeichnen Nachhilfefirmen wie Teachpoint ein schnelles Wachstum von Mitgliederzahlen. Gemass Geschaftsleiter und Grunder Simon Baumann sind mittlerweile bei Teachpoint mehr als 1200 Lehrpersonen und gleich viele Schulerinnen und Schuler registriert. «Die Online-Nachhilfe steckt in der Schweiz noch in den Kinderschuhen. Aber wir werden weiter wachsen», ist Baumann uberzeugt. «Die Schuler sind fur diese Unterrichtsform sehr offen. Meistens sind es die Eltern, die eher zuruckhaltend sind», sagt Baumann. Grundsatzlich kann sich jeder Lehrer und jede Lehrerin auf der Website anmelden. «Wir uberprufen dann, ob die angegebenen Qualifikationen stimmen», sagt Baumann.

Wie erfolgreich die Lehrperson beim Unterrichten ist, entscheiden die Lernenden, indem sie die Lehrenden bewerten. «Auf diese Weise kristallisiert sich ziemlich schnell heraus, wer gut ist und wer nicht», sagt Baumann. Zudem muss die Lektion erst im Nachhinein bezahlt werden. «Fur eine schlechte Lektion zahlt der Schuler nichts. Das kommt aber sehr selten vor», so Baumann.

Unterrichtet wird bei Teachpoint mit Videokamera. Zusatzlich steht der Lehrperson auf der Website eine virtuelle Wandtafel zur Verfugung. Den Preis fur eine Lektion bestimmen die Lehrenden individuell. Laut Baumann bewegt sich dieser zwischen 25 und 80 Franken fur 60 Minuten. Teachpoint zweigt davon 17 Prozent fur den Unterhalt der Website ab. Baumann ist von der Online-Nachhilfe uberzeugt. «So haben Schuler aus abgelegenen Orten Zugang zu vielen unterschiedlichen Lehrern und konnen sich die besten aussuchen.»

Einer dieser Lehrer ist Thomas Heimsch. Er erteilt auf Teachpoint Nachhilfe in Mathematik und Physik. Bis jetzt hat er rund 80 Lektionen unterrichtet. «Die Zeitersparnis ist sowohl fur Schuler als auch Lehrer ein grosser Vorteil, da die Nachhilfe ortsungebunden ohne Anreise stattfinden kann», sagt er. Doch gebe es auch Nachteile: «Man kann sehr gut Aufgaben erklaren, wenn der Schuler sich schon ein gewisses Theorieverstandnis angeeignet hat, jedoch ganze Themenbereiche zu erlautern, ist schwierig. Meiner Meinung nach wird auch so schnell nichts die personliche Anwesenheit ersetzen.»

87 Franken für 45 Minuten

Eine ebenfalls in der Schweiz ansassige Nachhilfefirma ist Learning Culture. Zwar wird auch hier Online-Nachhilfe angeboten; Learning Culture setzt aber primar auf den direkten, personlichen Austausch von Schulern und Lehrpersonen vor Ort. «In der Schweiz ist Online-Nachhilfe noch nicht richtig angekommen. Das wird sich bestimmt andern. Die Frage ist nur, wann», sagt Daniel Meile, Administrator von Learning Culture. Im Gegensatz zu anderen Plattformen konnen Lernende und Lehrende hier nicht selber auswahlen. «Wir fuhren mit dem Schuler beziehungsweise den Eltern ein Gesprach und suchen dann den passenden Lehrer aus», so Meile.

40 Lehrpersonen seien bei Learning Culture beschaftigt. Uber 90 Prozent von ihnen kommen aus Zurich und Zug. Darunter seien neben Studierenden auch Gymnasiallehrer und Doktoren. Eine Lektion von 45 Minuten kostet bei der im Jahr 2013 gegrundeten Firma 87 Franken. «Naturlich konnen die Lektionen auch online stattfinden. Wir sehen das aber eher als Erganzung», so Meile.

Gefahr der Zweiklassenbildung

Carole Sierro, Prasidentin des Vereins schweizerischer Gymnasiallehrer und Gymnasiallehrerinnen (VSG), steht dem Geschaft mit Online-Nachhilfe skeptisch gegenuber. «Man muss sich fragen, warum es uberhaupt Nachhilfe in dieser Form braucht», sagt Sierro. «Das Risiko besteht, dass so eine Zweiklassenbildung entsteht. Wer genug Geld hat, kann sich Nachhilfe leisten. Wer zu wenig Geld hat, muss vielleicht das Studium abbrechen.» Doch die Bildung sollte in der Schweiz fur alle gleichwertig sein. «Eigentlich sollte die Schule selber allen Schulern eine kostenlose Nachhilfe – online oder nicht – anbieten. Aber ich bezweifle, dass aufgrund des Spardrucks solche Kapazitaten vorhanden sind», sagt Sierro. Trotzdem wisse sie, dass einige Gymnasiallehrerinnen und -lehrer das Internet beim Unterrichten gezielt einsetzen. «Sie laden zum Beispiel formative Evaluationen hoch, mit denen die Schuler ihren Wissensstandort bestimmen konnen», so Sierro.

Auch Jurg Bruhlmann, Leiter der Padagogischen Arbeitsstelle des Lehrerverbandes LCH, findet kommerzielle Nachhilfe problematisch. «Leider profitieren davon meistens nicht jene Kinder, die sie am notigsten brauchen, sondern eher gut situierte Schuler», sagt Bruhlmann. Abgesehen davon kann Online-Unterrichten laut Bruhlmann aber auch positiv sein. «Bei Online-Nachhilfe kann der Schuler sehr gezielt den Lehrer fur seine Bedurfnisse auswahlen.» Wichtig sei, dass die Nachhilfe-Plattformen einen Qualitatsstandard haben, sagt Jurg Bruhlmann. «Ansonsten kann so ein Angebot missbraucht werden.»