Nachspiel im Fall Nawalny
Telefonnummer ungültig: USA werfen Schweizer Firma Unterstützung bei russischen Waffenprogrammen vor – das Unternehmen schweigt

Es ist die einzige Schweizer Firma auf der Sanktionsliste, die das Handelsministerium der Vereinigten Staaten am Dienstag veröffentlichte: Die Buchser ChimConnect AG soll – so der US-Vorwurf – russische Massenvernichtungswaffenprogramme unterstützt haben. Sowohl die Firma als auch das Staatssekretariat für Wirtschaft wollen sich nicht zum Fall äussern.

Thomas Griesser Kym und Noemi Heule
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Die Firma hat ihren Sitz im Buchser Industriequartier. Von aussen ist sie nicht auszumachen ...

Die Firma hat ihren Sitz im Buchser Industriequartier. Von aussen ist sie nicht auszumachen ...

Bilder: Pascal Aggeler

Der Vorwurf an 13 Firmen und ein russisches Forschungslabor ist happig: Das US-Handelsministerium bezichtigt sie der «Weitergabeaktivitäten zur Unterstützung des russischen Massenvernichtungswaffenprogramms». Aus diesem Grund hat das Ministerium die Firmen und das Labor auf eine Sanktionsliste gesetzt. Hintergrund ist die Vergiftung des russischen Oppositionellen Alexei Nawalny mit dem Nervenkampfstoff Nowitschok und seine Inhaftierung.

Den angeschuldigten Firmen und dem Labor werden Exportrestriktionen in die USA auferlegt und jeder, der mit ihnen Geschäfte mache, müsse damit rechnen, ebenfalls von den USA sanktioniert zu werden, schreibt das Ministerium. Von den 13 Firmen kommen neun aus Russland, drei aus Deutschland und eine aus der Schweiz.

... einzig am Haupteingang ist das Logo von ChimConnect angebracht.

... einzig am Haupteingang ist das Logo von ChimConnect angebracht.

Zweigstelle in Konstanz steht ebenfalls auf der Liste

Es handelt sich dabei um die ChimConnect AG in Buchs und, als eine der drei deutschen Firmen, ihre Zweigstelle in Konstanz, die ChimConnect GmbH. Die privat gehaltene ChimConnect AG wurde Anfang 2012 in Sevelen gegründet und übersiedelte im Herbst 2016 nach Buchs. Laut ihrer einfach gestrickten Website ist sie spezialisiert auf die Lieferung und Herstellung von Chemikalien und Laborausrüstung für alle Arten von Industrien und Forschungseinrichtungen auf der ganzen Welt.

Auf ihrer Website schreibt ChimConnect, zum einen handle sie mit Chemikalien für Forschung, Synthese, Analytik und Produktion, Zwischenprodukten und Spezialchemikalien sowie Rohmaterialien. Zum anderen umfasse ihr Sortiment Laborgeräte und Verbrauchsmaterialien für analytische Messungen und Prüfungen, für die Chromatografie, für Life Sciences (Zellbiologie, Mikrobiologie usw.) und Biotechnologie, für die Umwelt-, Wasser- und Lebensmittelanalyse sowie optische Instrumente.

Verwirrung um Produktionsstätten

In Russland und Kasachstan besitze das Unternehmen zudem eigene Produktionsstätten, in denen organische und anorganische Verbindungen in kleinen Volumen sowie Lösungsmittel verschiedener Qualitäten in grossen Volumen hergestellt würden.

Aus dem Umfeld des Unternehmens heisst es dagegen, das sei nicht korrekt. ChimConnect habe nie eine eigene Produktion besessen. Diese sei vielmehr einer russischen Partnerfirma des Unternehmens zuzuschreiben. ChimConnect selbst sei rein im Handel tätig. Diese Angabe deckt sich mit dem Eintrag im Handelsregister des Kantons St.Gallen. Dort wird als Zweck von ChimConnect genannt: «Handel mit Laborchemikalien, Laborgeräten, Laboranlagen und Laboreinrichtungen sowie Laborzubehör.»

Verbindung zu einer russischen Firma auf der Liste

Bei dieser russischen Partnerfirma von ChimConnect dürfte es sich um die Chimmed Group handeln. Dafür gibt es mehrere Indizien. Erstens den gleichlautenden Beginn des Namens. Zweitens ist Chimmed eine jener neun russischen Firmen, die auf der US-Sanktionsliste steht. Drittens wird auf der Chimmed-Website ChimConnect im Zusammenhang mit einer Lieferbeziehung genannt. Viertens bietet auch Chimmed Produkte an wie Laborgeräte, Spezialchemikalien, biochemische Reagenzien usw.

Die Vermutung liegt nahe, dass ChimConnect wegen der mutmasslichen Verbindung zur russischen Chimmed auf der US-Sanktionsliste gelandet sein könnte. Ähnliches ist denkbar im Fall der deutschen Pharmcontract GmbH, die auch auf der Liste steht, ebenso wie die russische Firma Pharmcontract GC.

Weitläufiges Vertriebsnetz im Osten

ChimConnect lagert die Waren laut eigenen Angaben in der Schweiz, in Deutschland und verteilt über die Länder der ehemaligen Sowjetunion (GUS). Hauptabsatzmärkte sind Industrien und Labore innerhalb der GUS-Länder, die tätig sind in den Geschäftsfeldern Pharma, Biotechnologie und Diagnostik, Kosmetik, Lebens- und Futtermittel, Chemie, Veterinärmedizin, Petrochemie und erneuerbare Energien, Mikroelektronik sowie Nanotechnologie.

Das Unternehmen macht geltend, über mehr als 20 Jahre Erfahrung auf den GUS-Märkten zu verfügen und unter anderem ein Vertriebsnetz in Russland, Kasachstan, Weissrussland, Aserbaidschan, Kirgistan und Usbekistan zu unterhalten. Zudem betreibe ChimConnect eigene Lagerhäuser und Lastwagen, die für die Aufbewahrung und den Transport von Gefahrengut und temperaturempfindlichen Materialien ausgestattet seien.

Staatssekretariat für Wirtschaft nicht involviert

Für den Export von Gütern, die für die Entwicklung, Herstellung oder Verbreitung von Massenvernichtungswaffen eingesetzt werden könnten, sind in der Schweiz spezielle Bewilligungen des Staatssekretariats für Wirtschaft (Seco) nötig. Dies gilt auch für sogenannte Dual-Use-Güter, die sowohl zivile als auch militärische Zwecke erfüllen können.

Ob die Buchser Firma über derartige Bewilligungen verfügt, lässt die Bundesbehörde offen. «Das Seco hat die Sanktionierung der Firma ChimConnect AG durch die USA zur Kenntnis genommen, gibt zu einzelnen Firmenfällen jedoch keine Auskunft», heisst es auf Anfrage lediglich. Und:

«Es fand in dieser Sache kein vorgängiger Austausch mit den zuständigen US-Behörden statt.»

Telefonnummer ungültig, Verwaltungsrat schweigt

Die ChimConnect AG hat laut dem Handelsregister einen einzigen Verwaltungsrat. Ein Anruf bei ChimConnect führt ins Leere, die auf der Website genannte Telefonnummer ist ungültig. Der Verwaltungsrat ist laut Handelsregister auch Geschäftsführer der CM Fine Chemicals GmbH, die er 1997 in Sevelen gründete und die seit Ende 2019 an der gleichen Adresse wie ChimConnect in Buchs domiziliert ist. Zweck der CM Fine Chemicals: «Handel mit und Herstellung von chemischen und biochemischen Produkten.»

Die Firmen ChimConnect und CM Fine Chemicals GmbH teilen sich Briefkasten und Verwaltungsrat.

Die Firmen ChimConnect und CM Fine Chemicals GmbH teilen sich Briefkasten und Verwaltungsrat.

Bei CM Fine Chemicals war der Mann zu erreichen, wollte aber keine Stellung nehmen. Neben dem Verwaltungsratsmandat bei der Buchser ChimConnect AG war er laut seinem LinkedIn-Profil von März 2014 bis Mai 2020 zudem Managing Director der Konstanzer ChimConnect GmbH, die ebenfalls auf der Sanktionsliste steht.

Bevor er die CM Fine Chemicals gründete, war der Geschäftsmann von 1987 bis 1997 gut zehn Jahre lang im Area Sales Management, also der Gebietsverkaufsleitung, von Sigma-Aldrich tätig. Der US-Konzern hatte ab 1989 ein Werk in Buchs, nachdem er dort die Chemiefirma Fluka übernommen hatte. 2015 übernahm der deutsche Merck-Konzern Sigma-Aldrich und damit auch den Standort Buchs.

Mehr ist über die Firma und ihre angeblichen Verbindungen zum russischen Massenvernichtungswaffenprogramm nicht zu erfahren. Sowohl auf der Website als auch an ihrem Standort im Buchser Industriequartier setzt sie auf Diskretion. An der grauen Betonfassade prangen die Namen anderer Unternehmen, ein Restaurant, ein Caterer, ein Bauunternehmer. Einzig am Haupteingang ist blau und unscheinbar der Schriftzug ChimConnect angebracht. Ein Name, der sowohl in russischen als auch in englisch- und deutschsprachigen Medien mit dem unrühmlichen Listenplatz am Dienstag zum ersten Mal auftauchte.