NAMENSGEBUNG: Richtiger Name bedeutet Glück

Für gläubige Hindus ist nach der Geburt eines Kindes das Ritual der Namensgebung zentral. Und darum braucht es dafür einen Experten.

Benno Bühlmann
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Priester Saseetharen Ramakrishnasarma feiert mit der Familie Vasitharan. (Bild: Philipp Schmidli)

Priester Saseetharen Ramakrishnasarma feiert mit der Familie Vasitharan. (Bild: Philipp Schmidli)

Montagmorgen, 9 Uhr, an der Spitalstrasse Luzern: Beim Betreten der Wohnung der Familie Vasitharan steigt den Gästen der Duft von Räucherstäbchen in die Nase. Ein festliches Ritual steht an, um einen neuen Erdenbürger willkommen zu heissen. Dazu hat die tamilische Familie den Hindupriester Saseetharen Ramakrishnasarma eingeladen, damit die Darbringung der Opfer – von Früchten, Milch und Blumen – korrekt ablaufen kann. Als Vorbereitung wurde die Wohnung gründlich geputzt. Das Kind wurde gebadet, nun trägt es neue Kleider und Schmuck.

Ashvin heisst der Knabe, der vor 31 Tagen im Luzerner Kantonsspital zur Welt kam. Doch dieser Name wurde bis dahin noch gar nicht verwendet, wie der Hindupriester erklärt: «In Sri Lanka wird der Name erst am 31. Tag nach der Geburt bekannt gegeben.» Diese Tradition könne in der Schweiz nicht konsequent umgesetzt werden, da im Spital der Name des Kindes nach der Geburt umgehend registriert werden müsse.

Die Eltern Apputhurai und Kajintha Vasitharan wählten einen Glück bringenden Namen mit Hilfe des Jothidam aus. Jothidam sei eine Kombination aus Astrologie und Numerologie, erläutert der Hindupriester: «Sie zeigt, welcher Buchstabe der Sternenkonstellation bei der Geburtszeit zugeordnet wird.» Diesmal haben die astronomischen Koordinaten vorgegeben, dass der Name mit einem A beginnen sollte: Da ist die Wahl von «Ashvin» natürlich perfekt.

Rein wie das Weisse der Kokosnuss

Bereits eine halbe Stunde vor Beginn des Rituals ist Ramakrishnasarma damit beschäftigt, die vielfältigen Gegenstände, Gefässe und Opfergaben für den Gottesdienst (genannt Puja) herzurichten. Im Zentrum steht der Kumbam, ein topfähnliches Gefäss mit Wasser, das den göttlichen Körper symbolisiert. Auf das Gefäss stellt der Priester eine Kokosnuss, den Kopf. Auf die Kokosnuss werden Blätter gesteckt, welche die Haare darstellen, während heiliges Stroh zuoberst auf der Kokosnuss den Haarbürzel symbolisiert.

Das Ritual hat eine exakt festgelegte Reihenfolge: Zunächst reicht der Priester den Eltern Wasser, um die Hände zu waschen. Danach wird dem Kind heilige Asche auf die Stirn gestreut und eine Schnur um die rechte Hand gebunden. «Sie soll das Kind vor Gefahren bewahren », erklärt der Priester. Nach einem Gebet zu Gott Ganesha folgt die Puja mit der traditionellen Öllampe. Der Priester bittet die Göttin Mahalakshmi um das Wohlergehen des Kindes. Dann wird Wasser als Symbol für die heiligen Flüsse auf die Gegenstände gespritzt, die heilige Glocke erklingt, und Blumen werden dargebracht, während der Onkel des Kindes eine Kokosnuss öffnet, denn: «So rein wie das weisse Innere der Kokosnuss soll unser Herz sein.»

Den Namen ins Ohr geflüstert

Nicht fehlen darf bei der Puja die Milch, die an Gaben erinnert, die der Mensch von der heiligen Kuh erhält, wie Joghurt, Milch oder Butter. Der Priester mischt im Kumbam Wasser mit Milch und lässt dies die Anwesenden trinken als Zeichen für die innere Reinigung.

Nun folgt der Höhepunkt des Rituals: Dem Kind wird der Schmuck abgenommen und der Onkel nimmt es in die Hände, schreibt in einer Reisschüssel mit dem Zeigefinger den Namen des Kindes und spricht schliesslich dreimal den Namen ins Ohr des Kindes. Das Gleiche machen auch der Vater und die Mutter, die sichtlich berührt sind, dass sie zum ersten Mal den Namen ihres Kindes rufen können. Am Ende überreichen die Eltern dem Priester als Dank Geschenke. Der Priester gibt den Eltern eine Kokosnuss und Bananen und verabschiedet sich von ihnen. Und für Ashwin beginnt ein neuer Abschnitt seines noch jungen Lebens.