NATIONALRAT: Genossin mit liberalen Zügen

Die Luzerner SP-Frau Prisca Birrer-Heimo ist im Parlament in kurzer Zeit die Karriereleiter hochgeklettert. Als Konsumentenschützerin ist sie landesweit im Rampenlicht.

Eveline Rutz
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SP-Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo in der Wandelhalle des Bundeshauses. (Bild: Keystone)

SP-Nationalrätin Prisca Birrer-Heimo in der Wandelhalle des Bundeshauses. (Bild: Keystone)

«Ich wäre am liebsten in die Luft gesprungen», sagt Prisca Birrer-Heimo. In der letzten Session hatte die SP-Nationalrätin und Konsumentenschützerin mehrfach Grund zur Freude. In der Grossen Kammer erreichte sie überraschend, dass bei verpackten Lebensmitteln künftig auch die Rohstoffe deklariert werden sollen. Der Ständerat nahm zudem ihr Anliegen auf, dass sich ausländische Markenhersteller wettbewerbsbehindernd verhalten, wenn sie Schweizer Detaillisten nicht zu denselben Konditionen beliefern wie Abnehmer vor Ort. Gegen beide Forderungen war im Vorfeld stark lobbyiert worden. «Sie sind noch lange nicht im Trockenen», ist sich Birrer-Heimo bewusst. In den Zweiträten würden weitere harte Diskussionen folgen.

Prominente Vorgängerin

So oder so lässt sich der Leistungsausweis der 54-Jährigen sehen. Seit sie im Juni 2010 für Hans Widmer in den Nationalrat nachgerutscht ist, hat sie sich national einen Namen gemacht. Präsent ist sie vor allem in ihrer Funktion als Präsidentin der Stiftung für Konsumentenschutz (SKS), die sie seit eineinhalb Jahren ausübt. Als Nachfolgerin von Simonetta Sommaruga ist sie in grosse Fussstapfen getreten. «Mit den hohen Erwartungen habe ich kein Problem», sagt Birrer-Heimo bei einem Cappuccino am See in Luzern. Es habe aber etwas Zeit gebraucht, bis sie sich in alle Dossiers eingearbeitet habe.

Sie lebt vor, was sie vertritt

Was sie vertritt, lebt Birrer-Heimo auch privat. Solange keine Erdbeeren aus der Schweiz zu haben sind, kauft sie auch keine. Convenience-Produkte lässt sie in der Regel in den Regalen liegen. «Ich bin kritisch, missioniere aber nicht.» Es brauche Augenmass. Nicht immer sei nachhaltiger, was aus der Region stamme. Eine Tomate, die in Spanien an der Sonne reife, habe unter Umständen eine bessere Ökobilanz als eine, die hierzulande im Treibhaus wachse. «Ich weiss in der Konsumwelt längst nicht alles», räumt Birrer-Heimo ein. Erst kürzlich hat sie realisiert, dass eine Zuger Kirschtorte keinen Bezug zur Zentralschweiz haben muss und ihren Namen allein dem Rezept verdankt.

Zusammen mit einer Schwester und einem Bruder ist Prisca Birrer-Heimo in Emmenbrücke aufgewachsen. Ihr Vater, der aus der Romandie stammte, arbeitete als selbstständiger Maurer; ihre Mutter trug mit zusätzlichen Jobs zum Haushaltseinkommen bei. Als sie 16-jährig war, verunglückte ihr Vater tödlich. Der Besuch des Gymnasiums lag finanziell nicht drin, daher absolvierte sie das Lehrerseminar. Sie arbeitete daneben regelmässig im Service und wurde schliesslich Sekundarlehrerin.

Auch als zweifache Mutter blieb sie Teilzeit erwerbstätig, bis sie 1995 den Sprung ins Luzerner Kantonsparlament schaffte, wo sie sich vor allem in Finanz- und Wirtschaftsfragen engagierte. In einem Akad-Nachdiplomstudium zur Wirtschaftsingenieurin vertiefte sie ihr Fachwissen, und während neun Jahren arbeitete sie als Projektleiterin am Luzerner Kantonsspital. Seit 2007 amtet sie als Finanzvorsteherin der 7100-Seelen-Gemeinde Rothenburg.

Wirtschaftsthemen liegen ihr

Auch unter der Bundeshauskuppel beschäftigt sich die Luzernerin vorwiegend mit wirtschaftlichen Themen; sie ist Mitglied der gewichtigen Kommission für Wirtschaft und Abgaben (WAK). Man merke, dass sie einer Exekutive angehöre, sagt WAK-Kollege und Bauernpräsident Markus Ritter (CVP, St. Gallen). «Sie politisiert über die Parteigrenzen hinweg.» Gerade beim Lebensmittelgesetz haben Bauern und Konsumentenschützerin eine Allianz geschmiedet.

In der Agrarpolitik gehen ihre Meinungen indes auseinander, spricht sich Birrer-Heimo doch für eine gewisse Öffnung des Handels aus. «Ich bin da durchaus liberal.» Louis Schelbert (Grüne, Luzern) kennt sie noch aus dem Luzerner Kantonsrat. Sie sei ihrem Politstil treu geblieben, sagt er und beschreibt seine Kollegin als fleissig, dossierfest und überzeugend. «Sie kann gut zuhören, ist in ihren Ansichten aber sehr fest.»

Konsumenten gehen nicht vor

Innerhalb der SP zählt Birrer-Heimo zum pragmatischen Flügel – zu den «Realos». Als Konsumentenschützerin liegen ihr Sachthemen näher als Parteipolitik. Eine Güterabwägung musste sie bei der Frage nach einer Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten vornehmen, die einem Konsumentenbedürfnis entsprechen würde. Bei den letzten Vorstössen im Nationalrat stimmte Birrer-Heimo mit ihrer Partei. «Die Arbeitsbedingungen des Personals gewichte ich höher als das Bedürfnis, jederzeit alles einkaufen zu können.» Folglich unterstützt sie auch das Referendum der Sonntagsallianz.

Zum Ausgleich in die Natur

Birrer-Heimo ist eine Schafferin. Während der Session nutzt sie die freien Abende in Bern, um im Hotel Mails zu beantworten, Voten vorzubereiten oder an Vorstössen zu arbeiten. An Veranstaltungen trifft man sie nicht so oft. Hat sie neben all ihren Verpflichtungen doch einmal ein wenig Freizeit, liest sie gerne Krimis, fährt Velo, wandert oder geht auf Reisen.

Am liebsten fährt sie mit ihrem Mann in Regionen, wo die Natur noch weitgehend unberührt ist. Im letzten Sommer war sie beispielsweise in Alaska in den Ferien. Dann stellt sie ihr Handy auch einmal ab. Auf Twitter und Facebook ist sie sowieso nicht aktiv. Das überlässt sie den Jüngeren. «Man darf auch einmal etwas verpassen», hält sie dazu fest.